Ein Jahr seit Beginn der Pandemie: Rekordzahl an täglichen Neuinfektionen und Todesfällen

Von Andre Damon
30. Dezember 2020

Nachdem vor einem Jahr die ersten Covid-19-Fälle in China aufgetreten sind, war der Dezember 2020 der tödlichste Monat der Pandemie im Weltmaßstab.

Allein in den Vereinigten Staaten starben mehr als 65.000 Amerikaner in den letzten 28 Tagen durch das Virus. Bei der derzeitigen Rate werden in den USA die Todesfälle im Dezember doppelt so hoch sein wie im November, als fast 37.000 Menschen ihr Leben verloren. Die Vereinigten Staaten zählen etwa ein Drittel der 175.000 weltweiten Todesopfer im vergangenen Monat.

Covid-19-Patient auf der Intensivstation der Clinique MontLégia CHC, Lüttich, Belgien, 6. November 2020 [Credit: AP Photo/Francisco Seco]

In den USA wird bis zum Ende dieser Woche die Gesamtzahl der Todesfälle 350.000 übersteigen, und die Zahl der Menschen, die positiv auf Covid-19 getestet wurden, wird 20 Millionen erreichen. Weitere 193.000 Menschen könnten in den nächsten zwei Monaten in den USA sterben, so die Vorhersage des Institute for Health Metrics and Evaluation der University of Washington.

Experten warnen, dass selbst dieses Szenario optimistisch sein könnte. „Wir könnten sehr wohl einen Anstieg nach den Feiertagen erleben“, sagte Dr. Anthony Fauci, Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases, am Sonntag. „Die Projektionen sind einfach alptraumhaft“, meinte Peter Hotez, ein Spezialist für Infektionskrankheiten am Baylor College of Medicine, gegenüber CNN.

Als Warnung an den Rest der Welt erreichte die Zahl der täglichen Neuinfektionen in Großbritannien gestern einen neuen Rekord von 42.000. Diese Entwicklung wird beschleunigt durch das Auftreten einer neuen Mutation des Virus, die nach Schätzungen von Medizinern 56 Prozent infektiöser ist als das Original.

Der stellvertretende US-Gesundheitsminister Brett Giroir sagte am Montag, dass die neue und gefährlichere Virusvariante „wahrscheinlich“ bereits in den Vereinigten Staaten vorhanden sei. Er konnte nur spekulieren, da die USA, anders als Großbritannien, nicht auf genetische Merkmale testen und somit das Vorhandensein von Mutationen nicht feststellen.

Unterdessen breitet sich Covid-19 in ganz Amerika weiter aus. „Kalifornien ist jetzt weltweit einzigartig“, weil es im ganzen Bundesstaat mehr als 1.000 neuen Covid-19-Fällen auf eine Million Menschen gibt, bemerkte der Arzt Eric Topol.

In Südkalifornien, der bevölkerungsreichsten Region des Staates, sowie im San Joaquin Valley, im Zentrum des Staates, sind die Kapazitäten der Intensivstationen vollkommen erschöpft. Am Sonntag sagte der Chefarzt des Los Angeles County-USC Medical Center, Dr. Brad Spellberg, dass das Krankenhaus vor einer „massiven Krise“ steht. Ein anderes Krankenhaus in der Region hat damit begonnen, gegenüber Patienten und Familien offenzulegen, nach welchen Kriterien das Krankenhaus Entscheidungen darüber trifft, wer leben und wer sterben wird, wenn die Versorgung für allen nicht mehr möglich ist.

Inmitten dieser Katastrophe ruft kein Teil des politischen Establishments der USA nach Notfallmaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Letzte Woche warnte der designierte Präsident Joe Biden, dass die „dunkelsten Tage vor uns liegen, nicht hinter uns“. Dennoch hat er die Forderung von Dr. Michael Osterholm und anderen Wissenschaftlern nach einem Lockdown für die nicht-systemrelevanten Wirtschaftsbereiche zurückgewiesen und erklärt: „Ich werde die Wirtschaft nicht herunterfahren, Punkt.“

Obwohl er sich im Wahlkampf in Opposition zu Trumps Umgang mit der Pandemie positionierte, hat Biden Trumps wichtigste politische Forderungen übernommen: „Haltet die Schulen offen“ und „Haltet die Geschäfte offen“.

Diese Forderungen stehen im Gegensatz zu all den wissenschaftlichen Daten, welche die Bedeutung der Schließung von Schulen und Unternehmen bei der Eindämmung von Covid-19 beweisen. Eine jüngst in Science veröffentlichte Studie belegt, dass die Schließung von Schulen und Universitäten die Ausbreitung von Covid-19 um 38 Prozent reduziert. Demnach reduziert die Schließung von nicht-systemrelevanten Geschäften für den Einkauf in Präsenz die Übertragung um 18 Prozent.

In den Medien wird über das Ausmaß der Katastrophe, die sich in den Vereinigten Staaten abspielt, immer weniger berichtet. Man hat sich bewusst dafür entschieden, die Aufmerksamkeit nicht auf das Massensterben und die Überforderung des US-Gesundheitssystems zu lenken, sondern auf die anlaufende Produktion und Verteilung des Impfstoffes.

Doch während die Verteilung der Impfdosen an die Bundesstaaten angelaufen ist, sind in den USA gerade einmal ein Zehntel der geplanten Anzahl von Menschen geimpft worden - nur 2 Millionen der 20 Millionen Menschen, die laut Angaben der Gesundheitsbehörden bis Ende des Jahres geimpft werden sollten. Gestern tauchten Bilder von hunderten alter Menschen auf, die im Freien Schlange standen, um eine Impfung zu erhalten.

Ein Bericht in den Kaiser Health News bezeichnet die Einführung des Impfstoffs in den USA als „Chaos“ und stellt fest, dass viele Bundesstaaten nicht annähernd die versprochene Anzahl an Impfungen erhalten haben. „Während der Covid-19-Pandemie hat das US-Gesundheitssystem gezeigt, dass es (neben vielen anderen Dingen) nicht für eine koordinierte Pandemie-Reaktion gebaut ist ... Warum sollte es bei der Impfstoffverteilung anders sein?“

Selbst unter den günstigsten Umständen wird der Impfstoff nicht vor Frühjahr oder Sommer nächsten Jahres auf breiter Basis verfügbar sein. Darüber hinaus warnen Wissenschaftler, das Auftreten des neuen, infektiöseren Virusstammes bedeute, dass ein höherer Prozentsatz der Bevölkerung geimpft werden muss, um die Ausbreitung des Coronavirus in der Gesellschaft zu stoppen.

Die Weigerung des gesamten politischen Establishments, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um Leben zu retten, zieht sich als Politik durch die gesamte Pandemie. Es werden keine Maßnahmen ergriffen, die den Interessen der Finanzoligarchie zuwiderlaufen. Zu diesem Zweck haben die Regierungen auf der ganzen Welt bewusst die Doktrin der „Herdenimmunität“ übernommen - sie wollen die Masseninfektion der Bevölkerung. Ein Vertreter des Weißen Hauses sprach es direkt aus: „Wir wollen, dass sie infiziert werden.“

Dies hat zu einer unkontrollierten Ausbreitung der Pandemie geführt, mit Hunderttausenden von Toten, zusammen mit dem größten Anstieg von Hunger, Elend und Arbeitslosigkeit in den USA seit der Großen Depression. Auf der anderen Seite hat dieselbe Politik zur massiven Bereicherung der Finanzoligarchie geführt, deren Vermögen sprunghaft gestiegen ist, als die US-Notenbank Billionen Dollar in die Finanzmärkte pumpte.

Und die Märkte setzen ihren unaufhaltsamen Aufstieg fort. Der Dow Jones Industrial Average stieg gestern um 200 Punkte auf einen neuen Rekord, was den Reichtum der US-Milliardäre noch weiter ansteigen ließ. Im vergangenen Jahr wuchs das Vermögen von Jeff Bezos, dem reichsten Mann der Welt, um 77 Milliarden Dollar und erreichte am Montag 192 Milliarden Dollar. Das Vermögen von Elon Musk, dem mittlerweile zweitreichsten Mann der Welt, ist von 28,5 Milliarden Dollar auf 160 Milliarden Dollar gestiegen.

Es müssen dringende Maßnahmen ergriffen werden, um das Massensterben zu verhindern! Dies erfordert jedoch, dass die Arbeiterklasse unabhängig eingreift, in Opposition zu den Profiteuren der Pandemie und ihren politischen Vertretern.

Die Socialist Equality Party fordert die sofortige Schließung aller nicht-systemrelevanten Betriebe und Geschäfte sowie der Schulen. Dies muss mit einer vollen Entschädigung für die entgangenen Löhne und das Einkommen von Kleinunternehmern einhergehen. Dies kann durch Enteignung der gigantischen Vermögen, die von den Reichen gehortet werden, bezahlt werden. Billionen Dollar müssen in die Infrastruktur des Gesundheitswesens investiert werden, um Covid-19 zu behandeln, einzudämmen und auszurotten und um sicherzustellen, dass die Gesellschaft in Zukunft vor der Bedrohung durch Infektionskrankheiten geschützt ist.

Die Socialist Equality Party und unsere Schwesterparteien im Internationalen Komitee der Vierten Internationale fordern dies seit fast einem Jahr. Wären diese Maßnahmen zu Beginn der Pandemie umgesetzt worden, hätten Hunderttausende Leben in den Vereinigten Staaten, Europa und auf der ganzen Welt gerettet werden können.

Die SEP ruft alle Arbeiter auf, Aktionskomitees zu gründen, um Notfallmaßnahmen durchzusetzen, einschließlich der Stilllegung von nicht-systemrelevanter Produktion. Dieser Kampf wirft die Frage auf, wer die Gesellschaft kontrolliert – die Kapitalistenklasse auf Grundlage des Profits oder die Arbeiterklasse auf Grundlage der sozialen Notwendigkeit.

Die Pandemie zeigt überdeutlich, dass sich der Kapitalismus im Krieg gegen die Gesellschaft befindet. Die Arbeiterklasse muss einen vereinten Kampf gegen dieses bankrotte und mörderische System führen.

 

Siehe auch:

Die World Socialist Web Site und die Krisen des Jahres 2020
[21. Dezember 2020]

Corona-Pandemie verschärft soziale Ungleichheit
[18. Dezember 2020]

„Wir wollen, dass sie sich infizieren“: Wie es in den USA zu 300.000 Corona-Todesopfern kommen konnte
[19. Dezember 2020]