Vor sechs Monaten erklärte die WHO Covid-19 zum internationalen Gesundheitsnotstand

Von Benjamin Mateus
3. August 2020

Vor sechs Monaten, am 30. Januar, erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus und die von ihm verursachte Krankheit Covid-19 zur „gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite“ (GNIT).

Der Generaldirektor der WHO, Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, erklärte damals: „Wir wissen nicht, welchen Schaden [das Virus] anrichten kann, wenn es sich in einem Land mit einem schwachen Gesundheitssystem ausbreitet. Wir müssen jetzt handeln, um den Ländern zu helfen, sich auf diese Möglichkeit vorzubereiten. Aus allen diesen Gründen rufe ich wegen des globalen Ausbruchs des neuartigen Corona-Virus eine GNIT aus. Der Hauptgrund für diese Erklärung ist nicht die Lage in China, sondern die Lage in anderen Ländern. Am meisten Sorge bereitet uns das Potenzial des Virus', sich in Ländern mit schwachen Gesundheitssystemen auszubreiten, die schlecht darauf vorbereitet sind.“

Die WHO ruft den internationalen Gesundheitsnotstand aus [Quelle: Fabrice Coffrini]

Als die WHO den Gesundheitsnotstand ausrief, gab es weltweit 7.818 bestätigte Fälle und nur 82 Fälle in 18 Ländern außerhalb des chinesischen Festlandes sowie kein einziges Todesopfer. Während der Pressekonferenz warnte Dr. Thedros außerdem: „Jetzt ist nicht die Zeit für Gerüchte, sondern für Wissenschaft. Es ist die Zeit für Solidarität statt für Stigmatisierung.“

Trotz dieser Warnungen verschwendeten die reichen Nationen im Rest der Welt die Zeit, die ihnen China mit seinen Lockdowns verschafft hatte. Sie unternahmen nichts, um sich durch Einschränkungen des Flugverkehrs und die Schließung der Grenzen auf die Epidemie vorzubereiten, gleichzeitig wurde die desolate Infrastruktur des öffentlichen Gesundheitswesens nicht verbessert.

Erst am 11. März stufte die WHO die Corona-Epidemie als Pandemie ein. Die Zahl der Fälle außerhalb Chinas war bis dahin um das 13-fache auf 118.000 in 14 Ländern gestiegen, die Zahl der Toten auf 4.291.

Dr. Mike Ryan von der WHO erklärte am Donnerstag bei einer Pressekonferenz über die Ausrufung der GNIT, die internationalen Gesundheitssysteme hätten nur langsam eine umfassende Strategie umgestzt, um die Pandemie unter Kontrolle zu bringen: „Die Kapazität zur Kontrolle oder zu einer ganzheitlichen Reaktion ist nicht vorhanden. ... Wir müssen unsere Einschätzungen über die Existenz von Systemen, die sich als unzutreffend erwiesen haben, nochmals überdenken.“

Seither hat die Pandemie über alle nationalen Grenzen hinweg eine Schneise der Verwüstung geschlagen, was sich noch fortsetzt. Der tägliche Anstieg der Fallzahlen hat über sieben Tage einen gleitenden Durchschnittswert von 260.028 erreicht. Weltweit gibt es mehr als 17,7 Millionen bestätigte Fälle, von denen fast sechs Millionen aktiv sind. Fast 700.000 Menschen weltweit sind gestorben, der gleitende Durchschnitt über sieben Tage liegt bei 5.655 Toten pro Tag. In den letzten drei Tagen gab es mehr als 6.000 Todesfälle. Ein wichtiger Faktor bei der Ausbreitungsbeschleunigung des Virus war die Forderung der Märkte und der Finanzoligarchen nach der Wiedereröffnung der Wirtschaft, obwohl die Zahl der Mensch-zu-Mensch-Übertragungen hoch bleibt und Gesundheitsexperten solche Maßnahmen ständig als katastrophal bezeichnen.

Anfangs war Italien das Epizentrum der Pandemie, kurz darauf folgten ihm New York City und dann Frankreich, Großbritannien und Spanien. In Europa gibt es mittlerweile 2,87 Millionen Fälle und mehr als 203.000 Todesopfer. Nach anfänglichen massiven Bestrebungen, die Pandemie zum völligen Stillstand zu bringen, hat die Aufhebung der Einschränkungen zu einem Wiederaufleben in Spanien, Deutschland und Frankreich geführt. Die Ukraine und Russland versuchen, den ersten Vorstoß des Virus abzuwehren. Vielen staatenlosen und besonders armen Bewohnern des Landes droht Unsicherheit. Zu den betroffenen Gruppen gehören ethnische Minderheiten, Obdachlose und vor kurzem entlassene Gefängnisinsassen, zusammen mehr als 35.000 Menschen.

Die USA sind mit 4,7 Millionen Fällen und fast 157.000 Toten weiterhin das weltweite Epizentrum der Pandemie. Die Zahl der Neuinfektionen hat sich auf einem hohen Niveau von fast 70.000 pro Tag eingependelt. Die Zahl der Toten ist gestiegen und liegt seit drei Tagen bei fast 1.500 täglich. Laut der Website covidexitstrategy.org hat die Zahl der Toten in den Sunbelt-Staaten Rekordniveau erreicht. Jetzt dehnt sich die Pandemie nach Norden in den mittleren Westen aus. Vertreter der Bundesregierung und der Bundesstaaten sind dennoch dazu übergegangen, die tatsächlichen Statistiken zu verheimlichen, sodass es unmöglich wird, die Zahl der Krankenhauseinweisungen und der Fälle zu verfolgen.

In Georgia wurden vor kurzem 344 Kinder, Jugendliche und Beschäftigte eines Zeltlagers getestet. Bei 260 wurde Covid-19 nachgewiesen. Mehr als die Hälfte der positiv getesteten waren Kinder zwischen sechs und zehn Jahren. Die Kinder mussten keine Masken tragen. Dieser massive Cluster verdeutlicht die Tatsache, dass Kinder sehr anfällig für das Virus sind und die Krankheit verbreiten können, wenn sie infiziert sind. Das wird auch zu der um sich greifenden Katastrophe bei der Wiederaufnahme des Schulbetriebs im ganzen Land beitragen. Dennoch sprach sich der Direktor der Seuchenschutzbehörde CDC, Dr. Robert Redfield, weiterhin dafür aus, die Schulen zu öffnen, ohne klare Richtlinien für Maßnahmen zu nennen, um die Sicherheit von Lehrern, Beschäftigten und Schülern zu gewährleisten.

Während der Sonderausschuss des Repräsentantenhauses die Reaktion der Trump-Regierung auf die Pandemie untersuchte, gab Admiral Brett P. Giroir vor Abgeordneten zu, dass eine Rückkehr zu einer Bearbeitungszeit der Covid-19-Tests auf 48 bis 72 Stunden „angesichts von Angebot und Nachfrage heute kein erreichbarer Richtwert ist“. Doch sein Versuch, die Lage optimistisch darzustellen, sorgte für Fassungslosigkeit. Der Mangel an Tests beeinträchtigt die Anstrengungen vor Ort.

Dr. Fauci erklärte in seiner Eröffnungserklärung, er sei „vorsichtig optimistisch“, dass der Impfstoff mRNA von Moderna ein Erfolg sein wird. Letzte Woche wurde mit großem Medienaufwand verkündet, dass die Tests dieses Impfstoffs in die dritte Phase gehen, in der an 30.000 Testpersonen dessen Wirksamkeit geprüft wird.

Allerdings haben sich die USA darauf vorbereitet, alle brauchbaren Impfstoffe gegen Sars-CoV-2 unter ihre Kontrolle zu bringen. Sanofi und GlaxoSmithKline erklärten, die US-Regierung würde ihnen bis zu 2,1 Milliarden Dollar für die Entwicklung und Herstellung ihres experimentellen Covid-19-Impfstoffs zur Verfügung stellen. Als Gegenleistung sollen sie den USA 100 Millionen Dosen liefern. Zudem behalten sich die USA die Option vor, bis zu 500 Millionen Dosen anzufordern. Die Versuche mit dem Impfstoff werden vermutlich im September beginnen.

Zusätzlich zum Impfstoff von Moderna haben die USA im Rahmen der Operation Warp Speed auch 1,2 Milliarden Dollar in den Impfstoff des britischen Unternehmens AstraZeneca investiert und sich dafür 300 Millionen Dosen gesichert. Sie haben außerdem den Kauf von 100 Millionen Dosen eines Impfstoffs des deutschen Unternehmens BioNTech angekündigt, das in Zusammenarbeit mit Pfizer gegründet wurde. Dafür erhält das Unternehmen 1,95 Milliarden Dollar.

Brasilien, Indien, Chile, Südafrika, Kolumbien, Mexiko, Peru und Argentinien sind nur einige der Staaten, die besonders stark von der Pandemie betroffen sind. Ihre Volkswirtschaften hat es stark getroffen, und sie können die Ärmsten in ihrem Land nicht angemessen versorgen. In Staaten und Gebieten wie Japan, Israel, dem Libanon und Hongkong steigt die Zahl der Neuinfektionen auf Rekordniveau, nachdem sie bereits in den einstelligen Bereich gesenkt werden konnte. In Australien hat der Anstieg der Fälle die Regierung gezwungen, in Melbourne, einer Stadt mit mehr als fünf Millionen Einwohnern, Einschränkungen einzuführen.

Die Erfahrung mit der Schweinegrippe im Jahr 2009 hat gezeigt, dass die Verteilung der Impfstoffe nicht davon abhängig gemacht wird, wer sie am meisten braucht und wo es am wichtigsten ist, sondern danach, wer sie sich leisten kann. Die meisten Staaten werden gezwungen sein, mitten in dem für den Winter erwarteten starken Anstieg der Fälle über Impfstoff für Millionen von Bewohnern zu verhandeln. Der internationale Gesundheitsnotstand der letzten sechs Monate hat gezeigt, dass der Kapitalismus völlig unfähig ist, die Gefahr durch Infektionskrankheiten und andere große Gefahren für die Menschheit abzuwehren.

 

Siehe auch:

Corona-Pandemie: Wachsender Widerstand gegen Rückkehr an die Schulen
[16. Mai 2020]

Interview mit 4 chinesischen Ärzten vom Epizentrum der Pandemie in Wuhan
[8. April 2020]

Globale Pandemie und globaler Krieg gegen Migranten und Flüchtlinge
[27. Mai 2020]