Zum Tode des Schriftstellers Rolf Hochhuth

Von Sybille Fuchs
25. Mai 2020

Am 13. Mai 2020 starb in Berlin der Schriftsteller Rolf Hochhuth. 1931 im hessischen Eschwege als Sohn eines Schuhfabrikanten geboren, hat er als Jugendlicher die Nazizeit, den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit erlebt. Er gehörte zu einer Generation von Autoren, die von diesen Erfahrungen geprägt wurden und sich ihr Leben lang daran abarbeiteten.

Rolf Hochhuth 2009 (A.Savin, CC BY-SA 3.0)

Hochhuth hat sich immer wieder in gesellschaftliche Debatten eingemischt oder sie selbst ausgelöst, indem er energisch auf Ungerechtigkeiten oder das Verschweigen von Verbrechen hinwies. Mit seinem dokumentarischen Theaterstück Der Stellvertreter. Ein christliches Trauerspiel hat er nicht nur Theatergeschichte geschrieben, sondern auch in der Politik großes Aufsehen erregt und massive gesellschaftliche Debatten ausgelöst.

Der Stellvertreter, sein größter Erfolg

Das in Jambenversen verfasste fünfaktige Theaterstück schildert die vergeblichen Bemühungen des fiktiven Jesuitenpaters Ricardo Fontana, Papst Pius XII. (1876-1958) zu einer öffentlichen Verurteilung der massenhaften Deportation von Juden und ihrer Vernichtung zu bewegen. Doch Pius XII. weigert sich, von der „Neutralität“ gegenüber dem Nazi-Regime abzurücken, zu der sich der Vatikan im Juli 1933 in einem Konkordat mit Hitler verpflichtet hatte.

Als im Herbst 1943 die Deportation der jüdischen Einwohner Roms nach Auschwitz beginnt, drängt Fontana vergeblich erneut auf eine deutliche Stellungnahme des Papstes. Schließlich heftet er sich selbst den Judenstern an und reiht sich in die zu Deportierenden ein.

Der Bertelsmann Verlag, der damals enge Verbindungen mit der katholischen Kirche hatte, lehnte die Veröffentlichung des Stücks ab und leitete es an den Rowohlt-Verlag weiter. Dieser nahm es an und schickte es an den soeben aus dem Exil zurückgekehrten Regisseur Erwin Piscator, der in den 1920er Jahren bedeutende experimentelle Theateraufführungen mit dokumentarischem Charakter inszeniert hatte. Zwei Jahre nach der Fertigstellung wurde es zeitgleich mit der Veröffentlichung am 20. Februar 1963 im West-Berliner Theater am Kurfürstendamm, dem damaligen Domizil der Freien Volksbühne, uraufgeführt.

Der Stellvertreter, Programmheft der Freien Volksbühne Berlin, 1963

Das Drama beruht weitgehend auf Tatsachen. Die Haltung des Vatikans zum NS-Regime war stets vom Bemühen geprägt, das Konkordat nicht zu gefährden, das Eugenio Pacelli, wie Pius XII. mit bürgerlichem Namen hieß, kurz nach Hitlers Machtübernahme als zweiter Mann im Vatikan persönlich unterzeichnet hatte. Für die Nazis, die gerade dabei waren, alle anderen Parteien, einschließlich der katholischen Zentrumspartei zu unterdrücken, bedeutete dies einen enormen Prestigegewinn. Dabei war der Vatikan zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses bereits gut über die beginnende Entrechtung und Verfolgung der Juden im Deutschen Reich informiert.

Recherchiert für sein Stück hatte Hochhuth, damals Lektor im Bertelsmann Lesering, während eines dreimonatigen Romaufenthalts. Zwar hatte er keinen Zugang zu den Vatikan-Archiven, konnte aber vermutlich Zeitzeugen befragen. Bis heute, Jahrzehnte später, sind keine Dokumente aufgetaucht, die Hochhuths Darstellung widerlegen könnten. Im März dieses Jahres wurden bisher geheime Vatikanarchive geöffnet, die bestätigen, dass Pius XII. weit mehr über den Massenmord an den Juden wusste, als bisher bekannt.

Obwohl die Archive wegen der Coronakrise nach kurzer Zeit wieder geschlossen wurden, hat der Kirchenhistoriker Hubert Wolf ein Schlüsseldokument entdeckt, das die Liquidierung des Warschauer Ghettos beschreibt. Papst Pius XII. hatte das Schreiben am 27. September 1942 gelesen. Doch weder dessen Inhalt, noch die Randnotizen der Mitarbeiter des Staatssekretariats hatte der Vatikan bisher veröffentlicht. Stattdessen hatte er Jahrzehnte lang behauptet, er verheimliche der Öffentlichkeit nichts.

Ein wichtiges Motiv des Papstes war sicher auch sein Antikommunismus. Er betrachtete Hitler gegenüber dem „Bolschewismus“ als das kleinere Übel. Äußerungen über die Münchener Räterepublik, die Pacelli 1919 als Nuntius des Vatikans vor Ort miterlebte, zeigen, dass sein abgrundtiefer Hass auf den Kommunismus nicht frei von Antisemitismus war. So übermittelte er nach einem Besuch bei einem der Führer der Räterepublik, dem bayrischen KPD-Vorsitzenden Max Levien, wahre Horrorgeschichten über die „sehr harte russisch-jüdisch-revolutionäre Tyrannei“ nach Rom.

Unter den Angestellten befinde sich „eine Schar junger Frauen von wenig vertrauenserweckendem Aussehen, Jüdinnen, die sich in allen Büros aufhalten, mit frecher Miene und zweideutigem Lächeln“, berichtete der zukünftige Papst. „An der Spitze dieser Frauengruppe steht Leviens Geliebte: eine junge Russin, Jüdin, geschieden, die sich als Hausherrin aufführt.“ Auch Levien selbst bezeichnete Pacelli fälschlicherweise als Juden.

Pacelli hielt seine schützende Hand auch nach dem Ende des Hitler-Regimes über die Nazis. Der Vatikan organisierte die „Rattenlinien“, eine Fluchtroute, über die sich hunderte hochrangige Nazi-Verbrecher nach Lateinamerika absetzten, darunter der Organisator des Judenmords Adolf Eichmann und der KZ-Arzt Josef Mengele.

Politische Tumulte und Kontroversen

Hochhuths „Christliches Trauerspiel“ löste in- und außerhalb Deutschlands heftige Auseinandersetzungen aus, mit Stinkbomben, Terrordrohungen und Straßenschlachten. Nicht nur die Katholische Kirche protestierte vehement. Bei der Wiener Erstaufführung kam es zu Tumulten im Zuschauerraum mit Handgreiflichkeiten, sodass der Theaterdirektor die Aufführung unterbrach und erklärte: „Jeder, der dieser Aufführung beiwohnt, möge sich doch fragen, ob er nicht an den hier geschilderten Dingen irgendwie mitschuldig gewesen ist.“ Nach seiner ersten Aufführung in Basel demonstrierten 4000 Leute mit einem Fackelzug gegen das Stück.

Das Stück verstörte politische Kreise im Adenauerdeutschland, die angesichts der ungebrochenen Karrieren ehemaliger Nazis im Kabinett und hohen politischen Ämtern aufgeschreckt waren, weil es jemand wagte, den mühsam ausgebreiteten Mantel des Verschweigens und Vergessens über die Nazi-Verbrechen zu heben. Die Bundesregierung verurteilte das Stück im Bundestag. Im Vatikan warf Papst Paul VI. Hochhuth „unverschämte Fabeleien“ vor.

Hochhuth wies die Anschuldigung zurück, sein Stück habe sich gegen die Kirche an sich gerichtet. Immerhin dienten einige historische Geistliche, die sich offen gegen die Nazis gewandt hatten, als Vorbild für einige seiner fiktiven Personen. Bis 1996 genehmigte er auch keine Aufführung in stalinistisch beherrschten Staaten, weil er Sorge hatte, dort würde es antikatholisch interpretiert.

Zu den historischen Personen des Stücks gehört auch der SS-Mann Kurt Gerstein, der als Experte für Desinfektion im Berliner „Hygiene-Institut“ an der Beschaffung und Verteilung des Vernichtungsgases „Zyklon B“ beteiligt war. Gerstein hatte 1942 vergeblich versucht, Hitlers Vernichtungspläne zu sabotieren und die internationale Öffentlichkeit über den Holocaust zu informieren. Sein Bericht wurde in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen als Beweismittel zugelassen.

In die Debatten um den Stellvertreter griff auch die Philosophin Hannah Arendt ein, die 1961 dem Eichmannprozess beigewohnt hatte. Obwohl sie die künstlerische Qualität des Stücks bemängelte, verteidigte sie die Legitimität der aufgeworfenen Fragen: „Warum hat der Papst nie öffentlich gegen die Verfolgung und schließlich den Massenmord an den Juden protestiert? Er kannte die Einzelheiten, und das hat, soviel ich weiß, nie jemand bestritten.“

Als das Stück 2002 nach 38 Jahren von Constantin Costa-Gavras verfilmt wurde, kam es erneut zu Auseinandersetzungen. In Frankreich lief damals eine Kampagne, um das Filmplakat zu verbieten, auf dem ein mit dem Hakenkreuz verschlungenes Kruzifix zu sehen war.

Brisante Themen, aber formale Schwächen

Auch wenn Hochhuth in den folgenden Jahrzehnten immer wieder äußerst brisante gesellschaftliche Themen aufgriff und zu Theaterstücken verarbeitete, konnte er nie wieder an diesen Anfangserfolg anknüpfen. Das lag zum Teil an der von der Kritik immer wieder bemängelten künstlerischen Qualität seiner Stücke oder daran, dass sie von Theatern ignoriert oder unzureichend bekanntgemacht wurden.

Verglichen mit den dokumentarischen Stücken von Peter Weiss zum Beispiel wirken Sprache und künstlerische Komposition der Hochhuthschen Stücke in vielen Teilen hölzern und konstruiert. Was bei Weiss verdichtet und auf den Punkt gebracht wird, bleibt bei Hochhuth weitgehend eine Aufzählung von Fakten, die für sich selbst sprechen, wie in einem guten Zeitungsbericht. Selten werden Charaktere bei ihm wirklich plastisch und lebendig.

Furchtbare Juristen

Einen zumindest politisch annähernd ähnlichen Erfolg erzielte er mit seiner Erzählung Eine Liebe in Deutschland und dem Drama Juristen. Hochhuth greift darin die NS-Vergangenheit des Christdemokraten und baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger auf, der als Marinerichter und Staatsanwalt an mindestens 234 Marinestrafverfahren beteiligt war, 169 Mal als Vorsitzender Richter, 63 Mal als Ankläger. In vier Fällen ging es um Todesstrafen, die Filbinger je zweimal beantragt oder gefällt hatte. Selbst nach Kriegsende, als er unter britischer Besatzung zunächst weiteramtieren konnte, fällte Filbinger weiterhin Urteile wegen Gehorsamsverweigerung und Fahnenflucht gegen Marinesoldaten.

Hochhuths Recherchen zu dem Stück „Juristen“ über die Rolle früherer Nazi-Richter in der Bundesrepublik führten 1978 schließlich zum Rücktritt Filbingers. Was seinen Nachfolger Günther Oettinger (CDU) nicht hinderte, Filbinger 2007 in seiner Trauerrede als „Gegner des NS-Regimes“ zu verklären.

Immer wieder legte Hochhuth sich mutig mit dem Establishment an. Auch gab es wiederholt gerichtliche Nachspiele und heftig ausgetragene Kontroversen. Mit zahlreichen Offenen Briefen versuchte er, politisch Einfluss zu nehmen und eine moralische Wende der kapitalistischen Gesellschaft, ja manchmal sogar eine „Revolution“ zu fordern – was auch immer er darunter verstand.

1993 nahm er sich in Wessis in Weimar, Szenen aus einem besetzen Land die Frage der sozialen Ungerechtigkeit und des imperialistischen Kahlschlags an der ostdeutschen Industrie und ihren Arbeitsplätzen durch die Treuhand vor.

2004 ging es in McKinsey kommt um die neoliberale Wirtschaftspolitik und die Machenschaften der Deutschen Bank unter ihrem Chef Joseph Ackermann. Die Bank hatte Hochhuth mit einer Klage wegen Mordaufrufs gegen Ackermann gedroht, diese aber zurückgezogen, nachdem der Autor klargestellt hatte, dass es ihm bei der inkriminierten Stelle lediglich um eine Warnung an die Wirtschaftseliten gegangen sei. Auch mit diesem Stück konnte er trotz des überaus wichtigen Themas nicht an den Stellvertreter anknüpfen.

Hochhuth bei der Übergabe des Elser-Denkzeichens in Berlin 2011 (Lienhard Schulz, CC BY-SA 3.0)

Zu Hochhuths Verdiensten gehört auch, dass er sich für den Widerstandskämpfer Georg Elser, einen einfachen Handwerker, einsetzte, dessen fehlgeschlagenes Attentat auf den „Führer“ von der bundesdeutschen Erinnerungskultur im Gegensatz zum „Widerstand“ der überwiegend adligen Militärs und hohen Beamten vom 20. Juli 1944 mehr oder weniger unterschlagen wurde. Auf Hochhuths Initiative wurde Elser 2011 in Berlin ein Denkmal errichtet.

In jüngster Zeit verfasste er noch Traktate zum Streit um das Hohenzollernerbe oder über das geplante Museum des 20. Jahrhunderts. Bis zuletzt warnte Hochhuth in seinen Arbeiten vor hoheitlicher Übermacht, Bevormundung und Überwachung durch den Staat. Dabei verlor er zunehmend den politischen Kompass.

Zusammenarbeit mit Rechten

Obwohl er sich weiterhin als Mahner gegen die gesellschaftlichen Zustände verstand, ließ er sich nun zeitweise für Kampagnen einspannen, die er früher bekämpft hätte. So wenn er 2012 aus der Berliner Akademie der Künste austrat und mehrere ihrer Mitglieder des Antisemitismus bezichtigte, nachdem dort über das politische Gedicht von Günter Grass Was gesagt werden muss diskutiert worden war. Er lehne es ab, neben Antisemiten zu sitzen, erklärte er.

Übler jedoch und all seinen früheren Bemühungen ins Gesicht schlagend war Hochhuths Verteidigung des den Holocaust leugnenden David Irving. In einem Interview mit der rechtsradikalen Jungen Freiheit nannte er ihn 2005 einen „fabelhaften Pionier der Zeitgeschichte“. Dieser habe nicht den Rechten das Wort reden und die Gefühle der jüdischen Bürger verletzen wollen. Später entschuldigte Hochhuth sich, die späten Äußerungen Irvings seien ihm nicht bekannt gewesen.

Mehrfach veröffentlichte er auch Artikel im rechtsextremen Compact-Magazin von Jürgen Elsässer. Noch 2015 trat Hochhut als Redner auf der „Souveränitätskonferenz“ des Compact-Magazins auf, obwohl es an dessen ultrarrechter Ausrichtung nicht mehr den geringsten Zweifel geben konnte.

Eher geschadet hat seinem Ansehen auch seine Auseinandersetzung mit dem Berliner Ensemble (BE), dessen Theater er vom Berliner Senat im Namen der nach seiner Mutter benannten Ilse Holzapfel Stiftung erworben hatte. Als Hausherr hatte er versucht durchzusetzen, dass seine Stücke dort vermehrt aufgeführt werden.

Trotz dieser heftigen, zum Teil auch gerichtlichen Auseinandersetzungen würdigten ihn das Berliner Ensemble und sein Intendant Oliver Reese nach seinem Tod als „leidenschaftlichen Autor“. Er sei „ein überaus streitbarer, politischer Kopf“ gewesen und zugleich „durch und durch Dramatiker“. Sein Vorgänger Claus Peymann sagte der Sendung „Kulturzeit“ auf 3Sat, Hochhuth sei „ein wirklicher Demokrat, ein wirklicher Aufrührer und ein Verrückter“ gewesen. „Wir haben einen Streiter weniger und wir könnten ihn gut gebrauchen.“

Hochhuths offene Zusammenarbeit mit rechten und rechtsextremen Kräften am Ende seines Lebens war letztlich ein Ergebnis der Tatsache, dass er nie eine Perspektive hatte. So brisant auch seine Themen waren, nie ging er in deren politischer Ausrichtung über den Protest hinaus. Eine tragfähige gesellschaftliche politische Alternative blieb er schuldig.

Beschränkte Perspektive

Wie Ulrich Rippert in seiner McKinsey-Besprechung schrieb: „Das Auffallendste an diesem Stück ist der deutliche Kontrast zwischen dem Anspruch des Autors, der sich selbstbewusst in der Tradition der Aufklärung sieht, und seiner Unfähigkeit, diesen Anspruch auch nur ansatzweise zu realisieren. Kein Geringerer als der Philosoph Hegel wird mit den Worten zitiert: ‚Bekanntes ist noch nicht erkannt.‘ Doch dann liefert uns der Autor nur Bekanntes und keine Erkenntnis.“

Wie die meisten Intellektuellen seiner Generation blieb Hochhuth bewusst oder unbewusst von den pessimistischen Argumenten und Überzeugungen beeinflusst, die auf Vertreter der Frankfurter Schule wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer zurückgingen. Diese lehnten trotz aller Gesellschaftskritik eine sozialistische Perspektive ab. Die Umwälzung der Gesellschaft durch das selbstbewusste Handeln einer politisch und kulturell gebildeten Arbeiterklasse lehnten sie ab.

Die Erfahrung des Faschismus veranlasste Horkheimer und Adorno in ihrem Schlüsselwerk Dialektik der Aufklärung zu der Einschätzung: „Die Ohnmacht der Arbeiter ist nicht bloß eine Finte der Herrschenden, sondern die logische Konsequenz der Industriegesellschaft.“ Wenn Arbeiter bei Hochhuth auftauchen, so mehr oder weniger nur als Unterdrückte und nicht als revolutionäres Subjekt. Auch wenn Hochhuth das Wort „Revolution“ gelegentlich in den Mund nahm, so verstand er es eher als Warnung an die Herrschenden, nicht als Aufforderung an die Unterdrückten.