USA: Rückkehr an den Arbeitsplatz gefährdet Zehntausende

19. Mai 2020

Diese Woche markiert einen bedeutenden Wendepunkt in der weltweiten Coronavirus-Pandemie. In den Vereinigten Staaten, dem Land mit mehr Infektionen und mehr Todesfällen als in jedem anderen, haben die Trump-Regierung und die Regierungen fast aller Bundesstaaten die Wiedereröffnung großer Fabriken und anderer Arbeitsstätten sowie eine breitere Wiedereröffnung der Wirtschaft genehmigt.

Diese Politik wird katastrophale Folgen haben. Das Coronavirus ist extrem infektiös, es verbreitet sich durch Aerosole oder Schmierinfektionen. Ermutigt durch die Trump-Regierung und die Medien zeichnen sich allmählich Szenen von Massenversammlungen an öffentlichen Orten ab. Die Menschen legen ein Verhalten an den Tag, dessen Konsequenzen sie nicht verstehen, und das sie später bereuen werden.

Nur wenige Tage, nachdem die führenden Wissenschaftler der Regierung, Anthony Fauci und Rick Bright, dem Kongress mitgeteilt haben, dass eine verfrühte Rückkehr an den Arbeitsplatz ein starkes Wiederaufflammen von Covid-19 riskiert, kehrten am Montag Zehntausende von amerikanischen Autoarbeitern in überfüllte Fabriken zurück.

Autoarbeiter beim Schichtwechsel im Fiat-Chrysler-Werk in Warren, Michigan (WSWS Photo)

In den Vereinigten Staaten, in denen kaum vier Prozent der Weltbevölkerung leben, gibt es 32 Prozent der Fälle und 29 Prozent der Todesfälle weltweit. In der kommenden Woche wird sich die Zahl der Todesopfer in den USA, die bereits 91.000 übersteigt, der Marke von 100.000 nähern. Die Gesamtzahl der Fälle hat bereits 1,5 Millionen überschritten. Aufgrund der verlängerten Inkubationszeit des Virus werden sich die tatsächlichen Auswirkungen der Lockerungspolitik bis Ende des Monats zeigen.

Die kriminelle Politik der herrschenden Klasse wird umgesetzt, selbst wenn über die Natur des Coronavirus noch vieles unbekannt ist. In einem der alarmierendsten Berichte wurde bekannt, dass dreizehn Matrosen auf dem Flugzeugträger USS Theodore Roosevelt ein zweites Mal positiv auf Covid-19 getestet wurden, nachdem sie sich von der Krankheit erholt hatten und auf das Schiff zurückgekehrt waren. Das wirft die Frage auf, ob eine überstandene Infektion tatsächlich eine lang anhaltende Immunität verleiht.

Die Arbeiter sind gezwungen, ohne universelle Tests zur Untersuchung, Isolierung und Behandlung der bereits mit dem Coronavirus infizierten Personen wieder zu arbeiten. Jede Arbeitsstätte hat daher das Potenzial, zum Brennpunkt eines neuen Ausbruchs der Pandemie zu werden.

Ein neues Papier, das in der Zeitschrift Health Affairs veröffentlicht wurde, schätzt, dass ohne soziale Distanzierung und Ausgangssperren „bis Ende April 10 Millionen mehr Menschen in den Vereinigten Staaten mit dem Virus infiziert gewesen wären.“ Ein solcher Tribut, der von Monat zu Monat exponentiell ansteigt, ist das vorhersehbare Ergebnis der Beendigung dieser Schutzmaßnahmen.

Trotz der Behauptungen von Trump findet die Wiedereröffnung nicht statt, weil die Coronavirus-Epidemie besiegt oder auch nur eingedämmt worden wäre. Fabriken und Arbeitsplätze werden wieder eröffnet, weil die Unternehmer es fordern: Die Arbeiter müssen an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, um wieder Mehrwert und Gewinn zu generieren, ungeachtet der Kosten durch Leid und den Verlust von Menschenleben.

Wer wissen möchte, welche brutale Psychologie an der Wall Street vorherrscht, kann den dieswöchigen Bericht von William Cohan in der Vanity Fair lesen, der auf Interviews mit Investmentbankern basiert. Die Schlagzeile vermittelt den Kommentar eines Mannes von der Wall Street: „Menschen werden sterben. Menschen sterben bereits.“

Derselbe Bankier benutzte den Jargon der Finanzmärkte, um die Auswirkungen der Pandemie abzutun. „Wir können das Land nicht für eine winzige Anzahl von Menschen herunterfahren“, sagte er. „Wir haben keine Sterblichkeitsrate von 100 Prozent. Wir sprechen von ein paar Basispunkten.“

„Basispunkte“ – ein Begriff, der in Finanzkreisen verwendet wird, um die Entwicklung der Zinssätze zu erörtern – ist die Art und Weise, wie über den Tod von Zehntausenden Menschen gesprochen wird.

Noch geschmackloseres Denken, wenn man es so nennen kann, durchdringt den Trump-Clan. Trumps Sohn Eric erklärte die soziale Distanzierung zu einem Komplott der Demokratischen Partei und sagte gegenüber Fox News am Samstag, sie sei dazu gedacht, die Wiederwahlkampagne seines Vaters zu sabotieren. „Sie glauben, sie nehmen Donald Trump sein bestes Mittel weg, das darin besteht, in eine Arena zu gehen und sie jedes Mal mit 50.000 Menschen zu füllen“, sagte er. „Passen Sie auf“, fügte er hinzu, „sie werden diese Kuh bis zum 3. November jeden einzelnen Tag melken. Und stellen Sie sich vor, nach dem 3. November wird das Coronavirus wie von Zauberhand plötzlich verschwinden, und alles wird wieder aufmachen können.“

Die amerikanische Regierung befindet sich mit ihrer Bevölkerung im Krieg. Die Trump-Regierung führt diese Kampagne an, aber er wurde von den Medien und der vermeintlichen Opposition in der Demokratischen Partei unterstützt.

Es ist eine demokratische Gouverneurin, Gretchen Whitmer, die am Montag die Wiedereröffnung der Autofabriken in Michigan genehmigt hat. Es ist ein demokratischer Gouverneur, Andrew Cuomo, der in die jüngste Gesetzgebung des Bundesstaates eine Bestimmung aufgenommen hat, die New Yorker Pflegeheime von der Haftung für die horrende Zahl der Todesopfer von Covid-19 befreit, bei der Fahrlässigkeit, Personalmangel und Profitgier der Eigentümer eine so große Rolle spielten.

Dann gibt es den demokratischen Vorgänger von Trump. Der ehemalige Präsident Barack Obama hat am Samstag vor zwei Gruppen von Studenten gut platzierte Bemerkungen gemacht: Studenten von historisch afroamerikanischen Colleges und Hochschulen (HBCUs), und Schüler, die eine Reihe von amerikanischen High Schools besuchen.

Obamas Kommentare waren unseriös, oberflächlich und banal, vorgetragen in seiner falschen populistischen Rolle. Er bezog sich nur indirekt auf die Trump-Regierung, als er erklärte: „Diese Pandemie hat die Vorstellung, die Verantwortlichen wüssten, was sie tun, endgültig platzen lassen.“

Tatsächlich wissen die Trump-Regierung, die Demokraten und die Republikaner sowie die Wall Street genau, was sie tun. Sie zwingen Millionen von Arbeitern dazu, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren, wohl wissend, dass viele von ihnen an Covid-19 erkranken und sterben werden. Sie tun dies, um wieder Gewinne aus den Arbeitern herauszuholen, um die an die Wall Street ausgehändigten Billionen zu bezahlen, was von beiden Parteien einstimmig gebilligt wurde.

Die Socialist Equality Party verurteilt die Kampagne für die Rückkehr an die Arbeitsplätze. Wir lehnen die falsche Wahl zwischen Verarmung und Tod ab. Die Wirtschaftskrise, mit der Dutzende Millionen Menschen konfrontiert sind, ist nicht die Folge der Pandemie, sondern der Politik der herrschenden Klasse und des kapitalistischen Systems.

Jede Maßnahme, die die Trump-Regierung zusammen mit Regierungen in der ganzen Welt ergriffen hat, basierte auf den Interessen der Konzern- und Finanzoligarchie. Im Gegensatz zu dieser kriminellen Politik besteht die SEP darauf, dass die Interessen und Bedürfnisse der arbeitenden Menschen und der Gesellschaft als Ganzes bedingungslosen Vorrang vor allen Überlegungen zu Profit und Privatvermögen haben müssen.

Die Umsetzung von Maßnahmen, um die Ausbreitung der Pandemie zu stoppen und die Interessen der Arbeiterklasse zu sichern – einschließlich der fortgesetzten Einstellung der nicht lebensnotwendigen Produktion, eines massiven Programms umfassender Tests und der Rückverfolgung von Kontakten, der Neuverteilung der gesellschaftlichen Ressourcen, um eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung für alle zu gewährleisten, und der Bereitstellung eines vollen Einkommens für alle Arbeiter, deren Arbeitsplätze von der Pandemie betroffen sind – ist unvereinbar mit der fortwährenden Dominanz der Gesellschaft durch die Konzern- und Finanzoligarchie.

Alles, was geschieht, zeigt eine unausweichliche Tatsache: Der Kampf gegen die Covid-19-Pandemie ist gleichzeitig ein Kampf, um die Arbeiterklasse unabhängig und in Opposition zum Kapitalismus zu organisieren. Das ist der einzige Ausweg aus der Krise im Interesse der Arbeiterklasse.

Patrick Martin