USA: Urabstimmungen über Streik bei GM, Ford und Chrysler

Von unseren Reportern
26. August 2019

Die Autoarbeiter bei GM, Ford und Fiat Chrysler (FCA) stimmen noch bis Mittwoch über einen Streik ab. Die offiziellen Ergebnisse werden vermutlich am Donnerstag bekanntgegeben.

Die Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) ist weitgehend diskreditiert, weil sie in den letzten 30 Jahren die Arbeiter allen Tarifrunden ausverkauft hat. Zudem hat ein ausufernder Korruptionsskandal enthüllt, dass führende Gewerkschaftsfunktionäre bei FCA und GM Millionen Dollar an Bestechungs- und Schmiergeldern von den Unternehmen angenommen haben.

Während die Arbeiter entschlossen sind, die Zugeständnisse der letzten Jahrzehnte rückgängig zu machen, hat die UAW kein Interesse an einem echten Kampf. Es ist jedoch möglich, dass sie angesichts des überwältigenden Widerstands der Autoarbeiter isolierte „Hollywood-Streiks“ in ein oder zwei Werken veranstaltet, die nur ein paar Tage oder Stunden dauern. Durch dieses Manöver, das auch in der Wirtschaftspresse diskutiert wurde, sollen die Arbeiter Dampf ablassen und der Gewerkschaft soll ein Ausverkauf erleichtert werden.

Die Arbeiter des Autozulieferers Faurecia in Saline (Michigan) haben im Juni einen Vorgeschmack auf diese schäbige Taktik bekommen. Die lokale Gewerkschaft hatte einen Streik ab Mitternacht ausgerufen und ihn am nächsten Morgen bereits wieder beendet. Dann hat die UAW einen Tarifvertrag mit Verschlechterungen durchgesetzt und die Arbeiter abstimmen lassen, ohne dass sie den Vertrag vollständig lesen konnten.

Melvin, ein ehemaliger Arbeiter des Autozulieferers Faurecia in Saline (Michigan), berichtete vor Kurzem mit dem Autoworker Newsletter der World Socialist Web Site, wie die Gewerkschaft seine Entlassung ermöglichte: „Ich wurde wegen zu häufiger unentschuldigter Abwesenheit entlassen, aber ich glaube, sie wollten mich einfach loswerden. Die Firma hat ein Acht-Punkte-System: acht Fehler und man wird entlassen. Man darf pro Jahr drei- oder viermal aus persönlichen Gründen fehlen, aber das ist ein Witz. Als ich vor Gericht erscheinen oder ins Krankenhaus gehen musste, wurde das nicht als Begründung für meine Abwesenheit akzeptiert. Und die Gewerkschaft hat absolut nichts getan.“

„Verhandlungen“ zwischen den Unternehmen und ihren bezahlten Agenten in der UAW können mit nichts anderem als weiteren Zugeständnissen enden. Deshalb ruft der Autoworker Newsletter der WSWS alle Autoarbeiter dazu auf, den Verhandlungsausschuss der UAW hinauszuwerfen und durch gewählte Vertreter der Belegschaft zu ersetzen. Um Hinterzimmerabsprachen zu verhindern, müssen alle Verhandlungen live übertragen werden. Dies muss verbunden werden mit dem Aufbau von Aktionskomitees in allen Fabriken, um der UAW die Kontrolle über den Kampf zu entreißen, damit die Autoarbeiter in den USA und weltweit unabhängig von der Gewerkschaft einen Kampf aufnehmen können.

Aktivisten des Autoworker Newsletter sprachen am Freitag mit Arbeitern im FCA-Fertigungswerk Sterling Heights in einem Vorort von Detroit, während dort die Urabstimmung lief.

Jason erklärte: „Wir reden jeden Tag darüber [die Korruption der UAW]. Gerade erst beim Essen haben wir darüber geredet. Wenn alle ihre hohen Tiere angeklagt und vor Gericht gestellt werden, ist es schwer, diesen Leuten zu trauen. Wir sind diejenigen, denen das Geld aus der Tasche gezogen wird. Wir sind diejenigen, die sich ein Bein ausreißen und nichts bekommen.“

Ein jüngerer Arbeiter stellte die rhetorische Frage: „Wie soll man mit diesen Gewerkschaften für seine Rechte kämpfen und einen besseren Tarifvertrag fordern, wenn sie Schmiergelder vom Unternehmen annehmen?“ Er fügte hinzu: „Und warum reden wir nicht über einen gemeinsamen Streik mit Arbeitern in anderen Ländern? Man weiß ja, dass die meisten Autoteile, die sie in die Fabrik bringen, aus Mexiko kommen. Und die haben es dort wahrscheinlich nicht besser als wir hier.“

Ein Vertreter des Autoworker Newsletter erklärte, dass die Arbeiter in der Autozulieferindustrie im mexikanischen Matamoros Anfang des Jahres gegen den Willen der Gewerkschaft gestreikt hatten. Die US-Medien hatten diesen Streik wochenlang totgeschwiegen, bis in den USA die Autoproduktion wegen Teilemangels ins Stocken geriet. Darauf antwortete der Arbeiter: „Ja, die Medien hier wollen nicht, dass wir etwas davon wissen, weil sie nicht wollen, dass wir gemeinsam streiken. Aber wir müssen über die Kämpfe der jeweils anderen informiert sein.“

Überall in den USA äußerten sich Autoarbeiter gegenüber der Autoworker Newsletter zu den Tarifverhandlungen.

Ein Arbeiter aus dem Ford-Werk in Louisville erklärte: „Gleich und gleich gesellt sich gern. Ich finde, sie sollten die Tarifrunde verschieben, bis alle korrupten Leute raus sind. Sie haben kein Recht, irgendetwas zu verhandeln, vor allem nicht [die UAW-Chrysler-Vizepräsidentin Cindy] Estrada.

Sicherheit müsste [im Tarifvertrag] das wichtigste Thema sein. Es ist ein großes Problem, dass es in Louisville den ganzen Sommer über durchschnittlich etwa 38 Grad heiß ist. Der Gewerkschaft ist das total egal. Zwei Getränke, das war‘s, und dann wird die gleiche Produktivitätsrate erwartet. Mein anderes Anliegen ist die Rente. Diese Kasper haben keine Ahnung, wie man verhandelt. Fast die Hälfte aller Arbeiter sind in Teilzeit oder befristet beschäftigt, deshalb zahlt niemand in die Rentenkasse ein.

Sie haben auf Facebook geschrieben, dass sie gerade vier Millionen Dollar in [das private Urlaubszentrum der UAW] Black Lake gesteckt haben, weil es ,nicht groß genug für die Ford-Leute oder zusätzliche Gäste. Es gibt nur Platz für 395 Menschen.‘ Deshalb ,müssen‘ sie zu ihrer Tagung nach Florida, behaupten sie ... [und jetzt], wo ein [potenzieller] Streik droht, sagen sie uns, wir sollen unser Geld zusammenhalten und Lebensmittelkonserven horten ... Diese faulen Ratten tun für niemanden etwas außer für sich selbst.

[Die Massendemonstrationen] in Puerto Rico haben gezeigt, wie man sich am besten wehrt. Das ganze Problem beim Streiken ist, ob man den Anführern vertrauen kann.“

Ein Autoarbeiter aus dem FCA-Fertigungswerk in Jefferson bei Detroit erklärte: „Momentan ist die Krankenversicherung das wichtigste. Ich habe gehört, sie wollen im nächsten Tarifvertrag den Eigenanteil zur Krankenversicherung erhöhen. Ich bin Diabetiker und meine Frau hat ernsthafte gesundheitliche Probleme, also brauchen wir die Gesundheitsversorgung.

Es passt mir nicht, dass die Bosse so viel Geld bekommen. Sie sitzen nur am Schreibtisch, während wir hier ackern. Es macht mich fertig. Aber was können wir dagegen tun? Wir haben keine Kontrolle darüber, was das Unternehmen mit dem Geld macht. Und die UAW unternimmt nichts dagegen. Um die Dinge zu ändern, bräuchten wir irgendeine neue Organisation, die unabhängig von der UAW und dem Unternehmen ist.“

Als er hörte, dass der WSWS Autoworker Newsletter genau dafür kämpft, zeigte er sich begeistert: „Dann packen wir's an!“

„Wir haben immer gewitzelt, dass sie direkt auf der Gehaltsliste des Unternehmens stehen“, erklärte ein Arbeiter bei American Axle, das im Jahr 2012 mit Unterstützung der UAW seine Fabrik in Detroit geschlossen hat. „Und damit hatten wir schon vor 15 Jahren absolut recht. Wir wussten alle, dass sie bis auf die Knochen korrupt waren.

Jemand hat mich gefragt, wie es bei den Verhandlungen zwischen der UAW und GM steht, weil ich immer alles erkläre, was ich im Autoworker Newsletter lese. Aber die UAW lässt kein Sterbenswörtchen raus.

Die Unternehmen behaupten, sie könnten in diesem Tarifvertrag keine Zugeständnisse machen, weil sie so viel Geld in künstliche Intelligenz und selbst fahrende Autos investieren müssen. Aber sie haben Rekordprofite gemacht.“

Zum Schluss erklärte er: „Ich bin einer Meinung mit dem Newsletter. Wir brauchen eine neue Strategie, und wir müssen uns mit den Arbeitern in anderen Ländern und anderen Branchen verbünden.“