Londoner Ausstellung erinnert an die Kindertransporte

Vor 80 Jahren durften 10.000 meist jüdische Kinder nach Großbritannien ausreisen

Von Paul Mitchell
11. Januar 2019

Remembering the Kindertransport: 80 Years On“ – so heißt eine Ausstellung im Jüdischen Museum in London, die noch bis zum 24. März 2019 zu sehen ist.

Sie erinnert an die legendären „Kindertransporte“ vor achtzig Jahren. Zwischen Dezember 1938 und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 konnten fast 10.000 unbegleitete, vorwiegend jüdische und auch andere „nicht-arische“ Kinder aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei in Großbritannien einreisen und so vor dem Faschismus gerettet werden.

Die antisemitischen Pogrome vom 9./10. November 1938, der sogenannten Reichskristallnacht, hatten in Großbritannien allgemeine Empörung hervorgerufen. Danach erlaubte die konservative Regierung von Premierminister Neville Chamberlain nach langem Zögern Kindern die Einreise nach Großbritannien.

„Reichskristallnacht“: Brennende Synagoge in Siegen

Die Nazis hatten die „Kristallnacht“ von langer Hand vorbereitet. In einer Nacht wurden nahezu alle 1.400 Synagogen in Deutschland niedergebrannt und 7.000 jüdische Läden und Geschäfte zerstört. Jüdische Bürger, unabhängig von Alter und Geschlecht, wurden zusammengeschlagen und Dutzende getötet. Nach dem Pogrom ordnete die deutsche Regierung an, dass Juden eine Kollektivstrafe in Höhe von insgesamt 1.126.612.495 Reichsmark zahlen mussten. Man verbot ihnen jegliche wirtschaftliche Tätigkeit und trieb jüdische Männer zusammen, um sie in die Konzentrationslager zu deportieren.

Die„Kristallnacht“ war der Auftakt für die fürchterlichsten Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts: die Vernichtung von sechs Millionen Juden im Holocaust. Das waren ca. zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung Europas. Der kaltblütige Mord an Kriegsgefangenen, Polen, Sowjetbürgern und auch Homosexuellen, Sinti und Roma, sowie an politischen Gegnern, Sozialisten und Kommunisten erhöhte die Zahl der Toten auf rund 17 Millionen.

Chamberlains Antwort auf die „Kristallnacht“ bestand lediglich darin, die starren britischen Einwanderungsregeln vorübergehend etwas zu lockern. Die Regierung war nicht bereit, die Rettung zu finanzieren, und Erwachsenen wurde das Visum verweigert. Der Aufenthalt der wenigen glücklichen Kinder, die nach Großbritannien hereingelassenen wurden, sollte durch Spenden finanziert werden, und man wollte sie so bald wie möglich in die Kolonien abschieben.

Die Kindertransport-Ausstellung enthüllt die Schrecken der 1930er Jahre anhand der persönlichen Erinnerung von sechs jüdischen Kindern – Ann, Bea, Bernd, Bob, Elsa und Ruth –, die jetzt alle über 80 Jahre alt sind.

Die sechs Überlebenden der Kindertransporte

In vier kurzen Filmen – Das Leben vorher, Abschiede, Neuanfänge, Erinnerung und Vermächtnis – vermitteln die sechs Augenzeugen einzigartige, bewegende Einblicke in den Terror, den Hitler entfesselte, nachdem er im Jahr 1933 an die Macht gekommen war. Sie zeigen den herzzerreißenden Abschied von den Eltern vor dem Kindertransport – die meisten sahen sich niemals wieder – und wie es ihnen in Großbritannien ergangen ist. Ihr Zeugnis ist von unschätzbarem Wert, da die meisten Archive über ihr Leben in Deutschland und Großbritannien während und nach dem Krieg zerstört wurden.

Bob Kirk erklärt, wie er gezwungen wurde, in der Schule Hitlers Mein Kampf zu studieren, und wie er zusammen mit anderen Kindern, „die nur im hinteren Teil der Klasse sitzen“ durften, den Mund halten musste und nicht am Unterricht teilnehmen durfte.

Bea Green auf ihrem Weg zum Kindertransport

Bea Green erinnert sich daran, dass sie einmal im Anzug ihres Vaters Blut entdeckt hatte, nachdem die Nazis ihn zusammengeschlagen hatten und er barfuß durch die Straßen von München hatte laufen müssen. Man hatte ihm ein Schild mit der Aufschrift: „Ich bin Jude und werde mich nie mehr bei der Polizei beschweren“ umgehängt. Jahre später war sie erstaunt, ein Foto von seiner Demütigung an jenem Tag zu entdecken.

Bea Greens Vater, zum Fußmarsch durch München gezwungen

Ann Kirk erzählt von ihrer Reise zum Abfahrtsbahnhof des Kindertransports. Sie berichtet: „Mama und Papa saßen mir gegenüber und sahen mich an, als könnten sie ihren Blick nicht von mir wenden. Papa, der normalerweise ein großer Witzemacher war, versuchte zu scherzen, aber es gelang ihm nicht so richtig. Und als wir am Bahnhof ankamen, weinten ganz viele Eltern und Kinder. Wir versuchten, uns was vorzumachen: ‚Oh, was für ein Abenteuer, Hannele‘ … Und dann kam ein Pfiff und der letzte Abschied. Mama und Papa umarmten und küssten mich. Und dann flüsterten sie mir zu, an der nächsten Station solle ich aus dem Fenster schauen, was ich tat. Dort standen meine Eltern wieder auf dem Bahnsteig und winkten mir so heftig zu, als würden ihre Hände abfallen. Das war das allerletzte Mal, dass ich sie gesehen habe.“

Ein kleiner Ausschnitt mit Anzeigen aus dem Jewish Chronicle wird gezeigt, auf denen um Hilfe gebeten wird. „Eine Mutter bittet gutherzige Menschen um eine Aufenthaltserlaubnis für zwei liebenswerte Mädchen im Alter von 11 und 17 Jahren. Vater in Dachau“ heißt es in einer. „Eine verzweifelte österreichische Jüdin, hier im Dienst, erbittet finanzielle Hilfe, um Eltern aus Österreich zu holen. Vater interniert, Zeit wird knapp“, lautet eine andere.

Zeitungsannoncen im Jewish Chronicle

Der letzte Abschnitt der Ausstellung, Memory and Legacy (Erinnerung und Vermächtnis), wirft die Frage auf, ob mehr hätte getan werden können, um der jüdischen Bevölkerung zu helfen. Die Co-Kuratorin Kathrin Pieren erklärte mir dazu: „Wenn Sie sich die Erinnerungen anhören, dann liegt der Gedanke nahe, dass die Eltern ebenfalls hätten kommen sollen. Oder dass mehr Kinder hätten kommen können, wenn mehr Geld zur Verfügung gestanden hätte. Das ist eine sehr wichtige Frage.

Die Reaktion der Regierung war problematisch. Man behauptet, dass die Regierung es den Kindern ermöglichte, nach Großbritannien zu kommen, aber es waren britische Bürger und Organisationen, die die Rettungsaktion organisierten. Und es war erstaunlich, was sie erreichten.

Um den Kindertransport wurde ein Mythos konstruiert. Wir wollen die Leute anregen, darüber nachzudenken. Wir erzählen nicht nur von den glorreichen Taten.“

Kuratorin Kathrin Pieren

Wie Kathrin Pieren erläuterte, hat das Jüdische Museum an der Organisation eines Seminars mit dem Titel „1938 in Retrospect“ („1938 im Rückblick“) mitgewirkt, bei dem die Professorin Jennifer Craig-Norton die „Verzerrungen und Mythen“ um die Kindertransporte untersuchte. Der britische Innenminister Sir Samuel Hoare „hat die Kinder gerettet, aber ihre Eltern zur Vernichtung verurteilt“, erklärte Craig-Norton. Den Eltern zu erlauben, nach Großbritannien zu kommen, wurde „nicht einmal in Betracht gezogen“, fügte sie hinzu.

Der Kindertransport wird oft als Großbritanniens wohlwollende und selbstlose Türöffnung für junge, hilflose jüdische Flüchtlinge gepriesen, die dafür dankbar waren, dass sie vor Hitlers „Endlösung“, der Vernichtung der europäischen Juden, gerettet wurden. Die Episode wird jedoch mit einem Nymbus umgeben, gerade weil die Menschlichkeit, zu der sich die britische Regierung damals genötigt sah, so selten vorkam.

Die Wahrheit ist, dass Hitler an die Macht gelangen konnte, weil nicht nur die deutsche, sondern die gesamte europäische Bourgeoisie eine soziale Revolution fürchtete. Darin kamen Ihre Angst und ihr Hass vor der Russischen Revolution vom Oktober 1917 zum Ausdruck. Diese war für Millionen von Arbeitern und Jugendlichen weltweit zum leuchtenden Vorbild geworden.

Aus der Zeitschrift Picture Post

1933, als Hitler Reichskanzler in Deutschland wurde, lag die Endlösung noch einige Jahre in der Zukunft. Aber der Nazi-Führer hatte bereits seit mehr als einem Jahrzehnt in zahlreichen Flugschriften und Reden seine Absicht angekündigt, Kommunisten und Juden zu „vernichten“. Bereits im ersten Jahr an der Macht hatten die Nazis den Reichstagsbrand organisiert und das Ermächtigungsgesetz durchgesetzt, um jegliche politische Opposition zu verbieten. Damit konsolidierten sie ihre faschistische Diktatur. Sozialisten, Kommunisten und Gewerkschafter wurden inhaftiert, und im März 1933 wurde das Konzentrationslager Dachau eröffnet.

Innerhalb der herrschenden Elite Großbritanniens gab es für Nazi-Deutschland beträchtliche Sympathie. 1926 hatte ein Generalstreik das Land erschüttert und das Gespenst der Revolution an die Wand gemalt. Der Wall-Street-Crash von 1929 hatte die Weltwirtschaftskrise ausgelöst und eine Labour-Minderheitsregierung an die Macht gebracht. Ihr folgte im Jahr 1931 das „National Government“, eine zutiefst instabile Mehrparteienregierung. König Edward VIII., der später abdanken musste, begrüßte Hitlers Machtergreifung und erklärte: „Es ist das einzige, was man tun konnte. Auch wir werden noch dazu kommen müssen, denn auch wir sind durch die Kommunisten großer Gefahr ausgesetzt.“ Er wollte sich zum Aushängeschild für eine Regierung nach dem Muster des französischen Vichy-Regimes machen, an der sich die British Union of Fascists von Oswald Mosley beteiligen sollte.

Nachdem Deutschland im März 1938 Österreich annektiert hatte, beschränkten die Westmächte die Einwanderung von Juden. Die britische Regierung unternahm den beispiellosen Schritt, von deutschen und österreichischen Staatsbürgern Visa zu verlangen. Auch für die USA bestand Visumpflicht, und die meisten jüdischen Antragsteller waren nicht erfolgreich. 1939 verweigerten die USA rund 900 jüdischen Flüchtlingen aus Hamburg, die an Bord des Ozeandampfers MS St. Louis emigrieren wollten, die Erlaubnis, in den USA an Land zu gehen. Sie mussten nach Europa zurückkehren, und mindestens 254 von ihnen kamen darauf im Holocaust ums Leben.

Edward VIII. nach seiner Abdankung auf Besuch bei Hitler, 1937

Im Juli 1938 wurde in Frankreich die Evian-Konferenz mit Delegierten aus 32 Ländern und Vertretern vieler internationaler Hilfsorganisationen abgehalten. Sie war vom US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt einberufen worden. Er wollte damit den öffentlichen Aufschrei wegen der Unterdrückung der Juden durch die Nazis beschwichtigen. Aber die Quote für die jüdische Migration in die USA wurde praktisch nicht erhöht. Das einzige Land, das sich für wesentlich mehr jüdische Flüchtlinge anbot, war ein winziger Staat in der Karibik, die Dominikanische Republik. Ein zwischenstaatlicher Flüchtlingsausschuss blieb eine Totgeburt und erhielt kaum Unterstützung von den Regierungen.

Selbst in der zweiten Hälfte des Jahres 1941, als bereits Berichte über den Massenmord der Nazis weltweit bekannt wurden, legten die USA noch strengere Grenzen für die Einwanderung fest. Auch auf der Bermuda-Konferenz der Alliierten im April 1943 wurden keine konkreten Rettungsvorschläge gemacht.

Die Ausstellung „Kindertransporte“ ist auch für die Gegenwart von großer Relevanz. In Syrien hat der Stellvertreterkrieg, den die USA anheizen, um Präsident Bashar al-Assad aus dem Amt zu jagen, eine humanitäre Katastrophe ausgelöst.

Als der Krieg im Jahr 2011 offiziell begann, zählte Syriens Bevölkerung 21 Millionen Menschen. Seitdem wurden Hunderttausende getötet, und fast sechs Millionen sind aus dem Land geflohen. Bei dem Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, sind Tausende ums Leben gekommen. Die Antwort der europäischen Regierungen bestand darin, die „Festung Europa“ mit Grenzzäunen und Kanonenbootpatrouillen zu verstärken.

Der „maßvolle Antrag“ des Oberhausmitglieds der britischen Labour Party, Lord Dubs, anlässlich des Gedenkens an die Kindertransporte vor 80 Jahren 10.000 unbegleitete jugendliche Flüchtlinge in Großbritannien aufzunehmen, wird auf taube Ohren stoßen. Vor kurzem wurde bekannt, dass das Vereinigte Königreich in den letzten zwei Jahren nur 20 unbegleitete geflüchtete Kinder ins Land gelassen hat. Das war ebenfalls im Rahmen eines Vorschlags von Dubs, 3.000 unbegleitete Kinder aus dem „Dschungel“ bei Calais nach Großbritannien zu holen.

Von größter Bedeutung sind die Warnungen der Überlebenden der Kindertransporte vor dem Aufstieg des Faschismus heute. Elsa Shamash sagte: „Ich bin sehr besorgt über die Alternative für Deutschland (AfD) und darüber, dass echte Nazis in Ungarn, Polen und Österreich wieder die Oberhand gewinnen.“ In ganz Europa zeigt sich, genau wie in den 1930er Jahren, dieselbe Gleichgültigkeit oder aktive Unterstützung für diese Kräfte. Auch werden Hitlers Verbrechen heruntergespielt, um den Weg für seine Rehabilitation zu ebnen.

In dem Buch von Hugh Trevor-Roper, „Hitler's Table Talk 1941-1944: His private Conversations“ (1)werden die Tischgespräche und Aussprüche Hitlers zitiert. Darunter sind Sprüche wie diese: „Als erstes geht es vor allem darum, den Juden loszuwerden“ oder „Wenn sie nicht freiwillig gehen, sehe ich nur die absolute Ausrottung“, und „Was die Juden angeht, so bin ich ohne jedes Mitleid.“

Der Historiker der Berliner Humboldt-Universität, Jörg Baberowski, der als politisches Aushängeschild für die neue Rechte agiert, hat erklärt: „Hitler war kein Psychopath, er war nicht grausam. Er wollte nicht, dass an seinem Tisch über die Judenvernichtung geredet wird.“ Die Humboldt-Universität und andere Hochschulen, zahlreiche Professoren und die große Mehrheit der deutschen Medien haben Baberowski unterstützt und verteidigt.

Die Sozialistische Gleichheitspartei (SGP) und die International Youth and Students for Social Equalitiy (IYSSE), die Baberowski als erste entlarvt haben, werden mit Lügen und Verleumdungen überschüttet. Wie die SGP und die IYSSE erklärten, ist die Trivialisierung von Hitlers Verbrechen eng mit dem Wiederaufleben der deutschen Großmachtpolitik und des Militarismus verbunden. Nicht nur traditionell konservative, sondern auch immer mehr ehemals liberale akademische Kreise unterstützen diese Politik.

Um Kriegspolitik und Militarismus wiederzubeleben, verharmlost die herrschende Klasse Deutschlands dieselben historischen Verbrechen, die den Kindertransport damals notwendig machten.

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1) Anmerkung d. Übers.: Eine deutsche Ausgabe der Tischgespräche gibt es von Henry Picker, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, Frankfurt am Main, Ullstein Taschenbuch, 1997.

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