Japanischer Abschwung: Weltwirtschaft bewegt sich in Richtung Depression

Von Barry Grey
19. August 2015

Wie die japanische Regierung am Montag bekannt gab, ist die Wirtschaftsleistung des Landes im zweiten Quartal um 0,4 Prozent zurückgegangen, bzw. um 1,6 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der private Konsum, Unternehmensinvestitionen und die Nettoexporte gingen allesamt zurück, hauptsächlich aufgrund des zunehmenden Abschwungs der chinesischen Wirtschaft und fortdauernder Stagnation in Europa und den USA.

Der Rückgang in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt war ein Schlag für das Anti-Deflationsprogramm von Premierminister Shinzo Abe, das unter dem Namen „Abenomics“ bekannt ist. Zugleich enthüllte er auch die Unfähigkeit der Regierungen der kapitalistischen Großmächte, nach dem Finanzkollaps von 2008 und der folgenden Rezession für einen echten Aufschwung zu sorgen. Damit wachsen die Anzeichen für eine tiefer gehende Rezession.

Der private Konsum, der 60 Prozent des japanischen Bruttoinlandsproduktes ausmacht, ging in diesen drei Monaten um 0,8 Prozent zurück, die Exporte um 4,4 Prozent.

Wie diese jämmerlichen Ergebnisse zeigen, ist die japanische Wirtschaft weiterhin bestenfalls stagnierend, obwohl die Bank von Japan in den letzten zwei Jahren massiv Wertpapiere aufgekauft und damit Billionen Yen in die Finanzmärkte gepumpt hat. Letzten Oktober erhöhte die Zentralbank das Tempo ihrer Anleihenkäufe, die im Endeffekt auf das Drucken von Geld hinauslaufen, auf 80 Billionen Yen pro Jahr.

Genau wie in den USA und Europa, wo die Zentralbanken ähnliche Konjunkturprogramme für die Finanzmärkte aufgelegt haben, hat Abes Geldspritze für das Finanzsystem die Aktienkurse in die Höhe getrieben, Finanzspekulationen subventioniert und den Reichtum der Wirtschaftselite vergrößert, konnte allerdings die Realwirtschaft kaum beleben.

An der Reaktion des japanischen Aktienmarktes auf die negativen Wirtschaftsnachrichten zeigte sich das Anwachsen des Finanzparasitismus. Der Aktienindex Nikkei stieg am Montag um 0,5 Prozent. Das ist ein weltweit auftretendes Muster: Großinvestoren reagieren auf Anzeichen für eine andauernde Rezession der Realwirtschaft, indem sie die Aktienpreise in die Höhe treiben, da sie damit rechnen, von den Zentralbanken noch mehr Geld zu bekommen.

Dem Bericht aus Japan ging eine Welle von negativen Daten aus China voraus, die auf ein langsameres Wachstum hindeuten, sowie die überraschende Abwertung des Renminbi (auch als Yuan bekannt). China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und wichtigster „Wachstumsmotor“ der Weltwirtschaft nach dem Zusammenbruch von 2008, ist Japans wichtigster Handelspartner.

Die globalen Auswirkungen eines weiteren Rückgangs in China lassen sich daran erahnen, dass China in den letzten zehn Jahren für ein Drittel der Expansion der Weltwirtschaft verantwortlich war, fast doppelt so viel wie die USA.

Die Abwertung hat die Befürchtungen von Regierungen und Märkten auf der ganzen Welt verstärkt, China könnte am Rande einer schweren Krise stehen. Zuvor wurden offizielle Berichte veröffentlicht, laut denen Chinas Exporte im Juli um 8,3 Prozent zurückgingen und die Erzeugerpreise zum 40. Mal in Folge im Vergleich zum Vormonat sanken.

Chinas Exporte nach Japan sind im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um zehn Prozent gesunken, diejenigen nach Europa um zwölf Prozent.

Nach der ersten Abwertung meldete Peking, dass die Industrieproduktion im Juli nur knapp über dem Vierjahrestief lag, das sie im März erreicht hatte. Die Unternehmensinvestitionen stiegen in den ersten sieben Monaten des Jahres 2015 in so geringem Umfang wie zuletzt 2000, vor allem die Investitionen in Immobilien brachen ein.

Chinas Importe gingen im Juli um 8,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurück, zuvor waren sie im Juni bereits um 6,1 Prozent gesunken. Der Grund hierfür ist ein Rückgang der Nachfrage der chinesischen Industrie nach Rohstoffen.

Der Chefökonom für China bei UBS, Tao Wang, erklärte: „Chinas größtes Problem ist noch immer eindeutig der wachsende deflationäre Druck.“

Der Abschwung in China hatte besonders schwere Auswirkungen auf die japanische Wirtschaft, allerdings wurden Japans Exporte auch durch die schleppende Nachfrage aus Europa und den USA beeinträchtigt.

Vertreter der EU meldeten letzten Freitag, dass das Gesamt-BIP der neunzehn Mitglieder der Eurozone im zweiten Quartal nur um 0,3 Prozent angestiegen sei. Das BIP von Frankreich war gar nicht gestiegen. Deutschland verzeichnete ein Wachstum von nur 0,4 Prozent. Italiens Wachstum betrug 0,2 Prozent, im ersten Quartal waren es 0,3 Prozent. Die niederländische Wirtschaft wuchs um nur 0,1 Prozent. Die Wirtschaftsleistung der Region liegt noch immer unter derjenigen des zweiten Quartals 2008.

Und in den USA veröffentlichte die Zentralbank Federal Reserve in New York am Montag ihre monatliche Produktionsumfrage. Sie zeigt für August bisher einen scharfen Rückgang der Wirtschaft. Der Geschäftsklimaindex sank von Plus 3,9 Punkten im Juli auf Minus 14,9 – den niedrigsten Wert seit der Krise im April 2009.

Der ständige Rückgang der Preise für Grundgüter ist ein direkter Ausdruck des weltweiten deflationären Drucks. Der Rückgang der Ölpreise, der letztes Jahr begann, verschärfte sich am Montag als der Preis für die Rohölsorte West Texas Intermediate um weitere 1,1 Prozent auf 42,05 Dollar pro Barrel sank. Das ist der niedrigste Preis seit sechs Jahren. Die Kupferpreise in London sanken um einen weiteren Prozentpunkt. Ein Warenpreisindex von Bloomberg fiel auf den niedrigsten Wert seit Anfang 2002.

Der allgemeine Abschwung hat besonders schwere Auswirkungen auf die sogenannten „Schwellenländer“ in Osteuropa, Lateinamerika, Asien und Afrika. Die Preise für Aktien, Anleihen und Devisen dieser Länder sind insgesamt gesunken, seit China seine Abwertung bekannt gab.

Die türkische Lira, der mexikanische Peso und der südafrikanische Rand erreichten am Montag allesamt neue Tiefststände im Vergleich zum Dollar, die Währungen von Malaysia und Indonesien sanken auf die niedrigsten Werte seit der Asienkrise 1997-98. Andere Währungen mit starken Kursverlusten sind u.a. der malaysische Ringgit, der thailändische Baht und die indonesische Rupie. Der Währungsindex für Schwellenmärkte von JPMorgan ist diesen Monat um 2,4 Prozent auf den niedrigsten Wert seit seiner ersten Berechnung im Jahr 2000 gesunken.

Jedes dieser Länder, oder jedes andere, das vom Kapitalzufluss aus den großen Wirtschaftsmächten und den expandierenden Exportmärkten abhängig ist, könnte in die Insolvenz rutschen und eine weitere internationale Finanzkrise auslösen.

Jay Pelosky, der Vorsitzende von J2Z Adivsory, schrieb am Montag in einer Kolumne in der Financial Times: „Seit 2010 waren die Schwellenmärkte der Wachstumsmotor der Welt. Das bedeutet, dass die derzeitigen Probleme der Bric-Staaten [Brasilien, Russland, Indien, China] beobachtet werden müssen: Ja, Indien wächst, doch Brasilien und Russland sind tief in der Rezession, während die Wirtschaft in China rapide langsamer wächst... Anders als 2010 wird China die Weltwirtschaft nicht retten können. Die Wahrscheinlichkeit einer weltweiten Rezession scheint bei 35 bis 40 Prozent zu liegen und zuzunehmen.“

Die Weltwirtschaft ist enger und komplexer miteinander verbunden als je zuvor in der Geschichte. Doch ihre Spaltung in rivalisierende Nationalstaaten, das politische Grundgerüst des kapitalistischen Privateigentums an den Produktionsmitteln, macht jede vernünftige und progressive Lösung der Krise im Rahmen des Kapitalismus unmöglich.

Stattdessen nehmen Parasitismus und Kriminalität ständig zu. Die Kernursache der Rezession ist ein starker Rückgang der Investitionen in die Produktion. Der Internationale Währungsfonds gab im letzten April zu, dass keine Aussicht auf eine Rückkehr zu „normalen“ Wachstumsraten wie vor dem Finanzkollaps von 2008 besteht. Als Grund nannte er vor allem einen deutlichen Niedergang der Investitionen in die Produktion in den Industrienationen Europas und Nordamerikas.

Amerikanische Konzerne sitzen auf einem Geldberg von 1,4 Billionen Dollar. Doch die Investitionen in die Infrastruktur in den USA sanken im ersten Quartal um 2,8 Prozent. Die Wirtschafts- und Finanzelite enthält der Wirtschaft produktive Investitionen vor und nutzt das Geld stattdessen für Finanzmanipulationen und Schwindeleien, um ihren eigenen Reichtum auf Kosten der Gesellschaft zu vermehren. Die Ergebnisse sind Massenarbeitslosigkeit, Lohnsenkungen, wachsende Armut und soziales Elend für die Arbeiterklasse.

Fusionen und Firmenaufkäufe, die Milliardengewinne für Banken und Großinvestoren schaffen, aber Arbeitsplätze zerstören, sind nicht nur in den USA, sondern weltweit auf einem Rekordhoch. Ebenso Aktienrückkäufe, bei denen die Gewinne von Unternehmen nicht dazu benutzt werden, die Produktion auszuweiten oder Forschung und Entwicklung zu betreiben, sondern um die eigenen Aktien zu kaufen, damit die Preise in die Höhe gehen und die Boni der Vorstände und die Gewinne der Investoren steigen.

Amerikanische Unternehmen haben seit 2004 fast sieben Billionen Dollar für den Rückkauf eigener Aktien ausgegeben. Laut Professor William Lazonick von der University of Massachusetts entspricht diese Summe 54 Prozent aller Gewinne von 2003 bis 2012 der Unternehmen, die auf dem Aktienindex Standard & Poor's 500 gehandelt werden.