China: Über fünfzig Tote bei Fabrikexplosion von Tianjin

Von Oscar Grenfell
15. August 2015

Laut den bisherigen offiziellen Zahlen sind 56 Menschen gestorben, als in der Nacht von Mittwoch eine Lagerhalle in der chinesischen Hafenstadt Tianjin explodierte. Über siebenhundert Verletzte wurden in Krankenhäuser gebracht, und etwa siebzig befinden sich immer noch in kritischem Zustand. Die Zahl der Toten wird in den nächsten Tagen voraussichtlich noch erheblich steigen, da zahlreiche Menschen vermisst werden.

Im Epizentrum der Explosion sind noch immer nicht alle Brände gelöscht. Mindestens siebzehn Tote sind Feuerwehrleute, und Dutzende von ihnen werden noch vermisst. Die Behörden haben die genaue Ursache der zwei Detonationen, die am Mittwoch um 23:30 Uhr Tianjin erschütterten, bisher nicht bekannt gegeben, obwohl man weiß, dass sie von einem Lager von Rui Hai International Logistics ausgingen, einem Transportunternehmen für „Gefahrgüter“. Wie von offizieller Stelle behauptet wird, weiß man bisher nicht, welche Chemikalien bei den Explosionen in die Luft gingen.

Experten zufolge könnte die Ursache der Versuch gewesen sein, einen Brand zu löschen, der im Industriekomplex ausgebrochen war. Sie verweisen auf das Vorhandensein von Kalziumkarbid, einer Chemikalie, die in Verbindung mit Wasser entzündbare Gase freisetzt.

Die erste der beiden Explosionen hatte eine Stärke von drei Tonnen TNT, die zweite von 23 Tonnen TNT. Sie haben in der Fünfzehn-Millionen-Stadt eine humanitäre Katastrophe ausgelöst. Überlebende beschreiben die Detonationen wie ein Erdbeben, gefolgt von einem zum Himmel aufsteigenden Feuerpilz. Weite Teile der Stadt sind von Glasscherben übersät, die beim Herumfliegen zahlreiche Menschen verletzten und töteten.

Wohnblöcke im Umkreis der Fabrik wurden besonders in Mitleidenschaft gezogen. Eine benachbarte Unterkunft für zweitausend Wanderarbeiter stürzte ein. Über 3500 Menschen mussten evakuiert und provisorisch woanders untergebracht werden, und ihre Zahl könnte sich laut einem Bericht auf 6000 erhöhen.

Die Reaktion der chinesischen Regierung zeigt ihre Angst, dass die Katastrophe zum Auslöser für Widerstand gegen die soziale Ungleichheit werden könnte. Millionen Arbeiter im ganzen Land leben unter horrenden Bedingungen.

Sofort nach der Explosion gab der chinesische Präsident Xi Jinping eine Erklärung ab, in der er „vollen Einsatz” bei den Rettungsmaßnahmen und beim Wideraufbau forderte. Am Donnerstag schickte der Staatsrat (das chinesische Kabinett) eine Gruppe unter Führung des Ministers für öffentliche Sicherheit, Guo Shengkun, nach Tianjin, um die Aktionen der städtischen Behörden zu koordinieren.

Mindestens 217 Nuklear- und Chemiespezialisten der Armee sind mit Spürgeräten in die Stadt geschickt worden, wie es in staatlichen Medien heißt. Während die Politiker versuchen, die Gesundheitsrisiken herunterzuspielen, die die Explosionen wohl verursacht haben, berichteten staatliche Publikationen am Freitag, die Teams hätten begonnen, hunderte Tonnen gefährlicher Chemikalien, darunter auch Kaliumnitrat, Wasserstoffperoxid und Natriumzyanid vom Ort des Geschehens zu entfernen.

Wie Greenpeace und andere Umweltorganisationen warnen, können die Chemikalien, die vermutlich in dem Industriegebiet lagern, eine Umweltkrise mit großen Gesundheitsgefahren verursachen, wenn sie in die Luft oder ins Trinkwasser gelangen.

Nach altbekanntem Muster versuchen die Behörden offenbar, die Fabrikbetreiber zu beschuldigen, und haben einige von ihnen bereits festgenommen, um ihre eigene Verantwortung für die Katastrophe zu vertuschen.

Industrieexplosionen und andere Unfälle passieren häufig. Sie sind das unvermeidliche Produkt des fieberhaften Wachstums des chinesischen Kapitalismus unter der Leitung des Regimes der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh). Jeder Aspekt der Arbeitssicherheit, der Existenzbedingungen und des gesamten Lebens wird der Jagd nach immer größeren Profiten für die großen Konzerne untergeordnet, die das Wirtschaftsleben beherrschen.

Neuen Informationen zufolge sind die unsicheren Praktiken der großen Chemiefabriken in Tianjin der Regierung seit langem bekannt. Laut Medienberichten hat die Arbeitssicherheitsbehörde von Tianjin erst letzte Woche über ein Treffen der Stadtverwaltung mit Direktoren von zwanzig Konzernen berichtet, die gefährliche Chemiestoffe lagern. Wie es heißt, forderten die Beamten die Fabrikchefs auf, sicherzustellen, dass ihre Schutzmaßnahmen auch Bedingungen von „extremer Hitze, hoher Feuchtigkeit und starkem Regen“ standhielten.

Wie Reuters außerdem berichtet, hat die Hafenbehörde herausgefunden, dass der Konzern, dem das explodierte Lager gehört, schon vor zwei Jahren gegen die Verpackungsregeln verstoßen hatte, wie eine Sicherheitsinspektion konstatierte.

Schon der Standort der Fabrik in dichter Nähe von öffentlichen Gebäuden und Wohnblöcken stelle eine „klare Verletzung“ der offiziellen Schutzbestimmungen dar, wie das Parteiorgan der KP Chinas People’s Daily schreibt. Wie es in dem Artikel heißt, müssen Fabriken, in denen gefährliche Güter lagern, mindestens einen Kilometer von öffentlichen Gebäuden entfernt sein. Aber im unmittelbaren Umkreis dieses Fabrikkomplexes gab es zwei Wohngebäude, große Durchgangsstraßen, ein Krankenhaus und andere öffentliche Gebäude.

Die Katastrophe und die offizielle Reaktion darauf haben in der städtischen Bevölkerung erhebliche Wut ausgelöst.

Die Zeitung Australian zitiert eine Frau, Madame Zhang, deren Mann in der Fabrik arbeitete und lebte, mit den Worten: „Ich vernahm die Nachricht etwa um fünf Uhr morgens und rannte aus dem Zentrum von Tianjin hierher, aber bisher will mir keiner helfen“, sagte sie. „Jemand brachte mich zum Krankenhaus, aber die Krankenhauslisten sind so unklar, dass ich seinen Namen nicht finden kann. Die Leute im Krankenhaus sagen, ich müsse Geduld haben, aber ich kann nicht geduldig sein: Ich muss doch meinen Mann finden!“

Die chinesische Polizei und das Sicherheitspersonal schicken offenbar Anwohner, die die Unglücksstelle fotografieren wollen, immer wieder weg. Journalisten durften ein Krankenhaus, in dem Explosionsopfer behandelt werden, nicht betreten.

Laut der New York Times hat die Internet-Polizei von Tianjin eine Warnung herausgegeben, dass jedermann, der Gerüchte über die Explosionen verbreite, „ernsthafte Probleme wegen Zuwiderhandlung gegen das Gesetz“ bekomme. Kritische Einträge in den sozialen Medien sollen gelöscht worden sein. Ein Nutzer, der nach eigenen Angaben für Tianjin TV arbeitet, kritisierte über die sozialen Netze die Reaktion der Politiker auf die Katastrophe und schrieb, obwohl sein Netzwerk hundert Reporter in der Stadt habe, dürften nur Berichte von der Katastrophe gesendet werden, die von der Zentralregierung genehmigt seien.

Hinter der nervösen Reaktion der chinesischen Behörden auf die Explosion in Tianjin steht die immer tiefere Krise des gesamten KPCh-Regimes. Die Explosion ereignete sich nur einen Tag nach der erneuten Yuan-Abwertung, einer Maßnahme ohne Beispiel in den letzten Jahren. Die Regierung will damit einem weiteren Exportrückgang und stark rückläufiger Produktionstätigkeit entgegenwirken.

Seit einiger Zeit leidet die chinesische Wirtschaft an einer Wachstumsschwäche, und das weckt in den Köpfen der Arbeiter Zweifel an der politischen Legitimität des Regimes. Jahrelang hat es jeden Aspekt des gesellschaftlichen Lebens dem Wirtschaftswachstum untergeordnet. Unter Bedingungen des Niedergangs vergrößert sich die Kluft zwischen der dünnen Schicht von Milliardären, auf die sich die KP Chinas stützt, und den vielen Millionen von Arbeitern, die vor einer wachsenden sozialen Krise stehen. Größere soziale Erhebungen bereiten sich vor.