Internationale Hilfe für philippinische Taifunopfer

Ein Tropfen auf den heißen Stein

Von Peter Symonds
14. November 2013

Nach dem Supertaifun Haiyan, der am Freitag quer durch Zentral-Philippinen eine Straße der Verwüstung hinterließ, haben die UN einen Aufruf für 300 Millionen Dollar Nothilfe für die Katastrophenopfer erlassen. Dieser mickrige Fond, der weit davon entfernt ist, die dringendste Not zu lindern, ist noch bei weitem nicht erfüllt.

Die UN selbst schätzen, dass elf Millionen Menschen von Haiyan getroffen wurden. Das bedeutet, dass für jedes Opfer im Durchschnitt weniger als dreißig Dollar zur Verfügung stehen. Der philippinischen Regierung zufolge benötigen zwei Millionen Menschen unmittelbar Nahrungsmittelhilfe, und mindestens 670.000 Menschen sind obdachlos geworden. Der ganze Umfang der Katastrophe wird erst nach und nach sichtbar, weil immer noch viele Gebiete abgeschnitten sind. Straßen sind blockiert, Flughäfen nicht nutzbar und das Kommunikationssystem gestört. Die UN haben erst 25 Millionen Dollar Nothilfe freigegeben.

Bilder und Berichte aus den am schlimmsten betroffenen Gegenden bieten ein Bild völliger Zerstörung. Wie 2004 bei dem asiatischen Tsunami wurden ganze Städte und Ortschaften dem Erdboden gleich gemacht. Den Überlebenden fehlt es am Notwendigsten wie Wasser, Nahrung und einem Dach über dem Kopf. „Die Wasser- und Stromversorgung ist unterbrochen. Ein großer Teil der Nahrungsmittelvorräte und anderen Güter ist zerstört. Viele Krankenhäuser sind außer Betrieb, und die Vorräte an Medikamenten gehen schnell zur Neige“, heißt es in einem Communiqué der UN-Katastrophenhilfe.

Immer noch werden Leichen auf den Straßen von Tacloban, der größten Stadt auf der Insel Leyte, eingesammelt. Tausende Überlebende versammeln sich am Flughafen vor den Toren der Stadt, um Lebensmittel und Wasser zu ergattern oder mit einer Militärmaschine ausgeflogen zu werden, die Hilfslieferungen einfliegen. Auf Präsident Benigno Aquinos Anweisung fliegen die Militärmaschinen auch Soldaten ein, die mit automatischen Gewehren bewaffnet sind, um den wachsenden Zorn zu unterdrücken und Geschäfte vor den hungrigen Menschen zu beschützen.

Am schlimmsten betroffen sind die Arbeiterklasse und die Armen in Stadt und Land, deren leichte Häuser und sonstiger Besitz von den schrecklichen Winden und Sturmböen hinweggefegt wurden. Außerhalb der großen Städte sind die Überlebenden in Dörfern und Ortschaften sich selbst überlassen.

Der Guardian berichtet, dass in Nordcebu „in einem Dorf nach dem anderen Familien die Straßen säumen und um Hilfe bitten“. Dondon Toleng sagte der Zeitung, dass inzwischen etwas Hilfe angekommen sei. Aber seine Familie müsse zwanzig Kilometer nach Bogo City laufen, um in ihren Genuss zu kommen. Profiteure nutzen den Mangel an Hilfsgütern aus. „Wir haben kein Benzin, kein Geld, unsere Wasserpumpen sind defekt. Alles kostet jetzt Geld“, sagte Toleng. Er erklärte, dass Wasser jetzt dreißig Pesos koste. Er verdiene als Zuckerrohrerntehelfer aber nur sechzig Pesos am Tag.

Die offizielle Zahl der Todesopfer wurde am Dienstagabend mit 1.798 angegeben, aber die tatsächliche Zahl wird wahrscheinlich viel höher liegen. Aquino wies am Dienstag die Schätzung lokaler Politiker zurück, dass es allein in Tacloban bis zu 10.000 Tote gegeben haben könnte. Er sagte, diese Leute seien „zu nahe“ am Geschehen, um das richtig einschätzen zu können. Aquino sagte, die Zahl der Todesopfer könnte schließlich bei etwa 2.500 liegen.

In den Philippinen und überall auf der Welt reagieren die einfachen Leute großzügig auf Spendenaufrufe. Einheimische und internationale Freiwillige opfern ihre Zeit, um bei den Hilfseinsätzen zu helfen. In starkem Kontrast dazu geben die Großmächte nur ein Taschengeld für die Hilfsfonds. Die USA und Großbritannien haben Kriegsschiffe in die Katastrophenregion entsandt.

Die USA haben ihre erste Spende von 100.000 Dollar auf zwanzig Millionen Dollar aufgestockt. Japan hat zehn Millionen angeboten, Australien 9,6 Millionen, Großbritannien sechzehn Millionen, die Europäische Union vier Millionen und Deutschland 670.000. In der Summe ist das wesentlich weniger, als das bescheidene Ziel der UN von 300 Millionen Dollar, selbst wenn alle Versprechungen eingelöst werden.

Hinter den betont ernsten Gesichtern von US-Präsident Barack Obama und anderer globaler Führungspolitiker verbergen sich ganz andere, zynische Kalkulationen. Hilfslieferungen sind vollständig mit dem Kampf um politische Vorteile verquickt, die auf Kosten der Konkurrenten gehen. Vor allem hinter der Entscheidung der Obama-Regierung, den atomgetriebenen Flugzeugträger George Washington und vier weitere Kriegsschiffe vor die Philippinen zu entsenden, steht das Ziel, in der Region Unterstützung für den amerikanischen „Pivot to Asia“ und ihre Kriegsvorbereitungen gegen China aufzubauen.

Die Aquino-Regierung verfolgt mit Unterstützung der USA ihre territorialen Ansprüche im Südchinesischen Meer besonders provokativ gegen China. Als Teil ihrer militärischen Aufrüstung in der Region streben die USA neue Stationierungsabkommen mit den Philippinen an. Die Anwesenheit der USS George Washington mit ihrer Besatzung von 5.000 Seeleuten und mehr als achtzig Flugzeugen schafft einen bedeutsamen Präzedenzfall, stärkt Aquino politisch und zementiert die Beziehungen der USA zu ihrer früheren Kolonie.

Die USA haben schon andere große Naturkatastrophen in Asien in den letzten zehn Jahren in ähnlicher Weise ausgebeutet. Nach dem schrecklichen Tsunami von 2004 mit mindestens 230.000 Toten in Indonesien, Sri Lanka, Indien und Thailand schickte das Pentagon Marineschiffe nach Sri Lanka und Indonesien und zum ersten Mal Soldaten in beide Länder. Sie vertieften die Beziehungen zum Militär der Länder. In Sri Lanka nutzten US-Vertreter die Gelegenheit, sich in den anhaltenden Bürgerkrieg im Land einzumischen und dem srilankischen Militär schon vorbeugend im Hintergrund Unterstützung für den 2006 neu ausbrechenden Bürgerkrieg zuzusagen. Außerdem inspizierten sie den umworbenen Tiefwasserhafen von Trincomalee. (Siehe: “The tsunami in Sri Lanka: A case study in US humanitarian missions”)

Als 2008 ein riesiger Zyklon Burma verwüstete, stationierten die USA, Großbritannien und Frankreich Kriegsschiffe vor der Küste und nutzten die Katastrophe, um Druck auf die Militärjunta des Landes auszuüben, das Land ausländischem Militär zu öffnen und „ungehinderten Zugang“ zu gewähren. Die Kampagne war Bestandteil der Strategie, die engen Beziehungen Burmas mit China aufzubrechen und das Land für westliche Investitionen zu öffnen. Seit 2011 ist dieser Kurs zunehmend erfolgreich.

Der Zweck der “humanitären Mission” des amerikanischen Militärs auf den Philippinen wurde in einem Kommentar des Analysten der Rand Corporation, Jonah Blank, in der Zeitung USA Today offen angesprochen. Die Rand Corporation hat seit langem enge Beziehungen zum militärischen und Geheimdienstestablishment der USA.

Blank erklärte: “Der Einsatz militärischer Mittel für Katastrophenhilfe ist eine bemerkenswert effektive und preisgünstige Investition in die Zukunft. Einer der größten Einsätze dieser Art in der Geschichte, die Entsendung des Flugzeugträgers Abraham Lincoln und anderer Schiffe nach dem asiatischen Tsunami von 2004, hat etwa 857 Millionen Dollar gekostet. Das ist ungefähr soviel wie drei Tage Krieg im letzten Jahr in Afghanistan gekostet haben.“

Die Vorteile für die USA waren “unschätzbar”, schrieb Blank. „ Fast ein Jahrzehnt später zählt dieser Einsatz vielleicht zu den handfestesten Gründen, warum südostasiatische Länder dem langfristigen Engagement der USA bei der ‚Trendwende nach Asien“ [Pivot to Asia] trauen.“

Er lobte die Entscheidung der Obama-Regierung, die USS George Washington nach den Philippinen zu schicken, und schloss: „Weil das Pentagon versucht, in Zeiten der Neuausbalancierung eines schrumpfenden Haushalts mehr Gewicht in die asiatisch-pazifische Region zu legen, könnte sich das als die bei weitem bestmögliche Entscheidung entpuppen.“