Taifun Haiyan verursacht soziale Katastrophe

14. November 2013

Ein verheerender Taifun hat auf den Philippinen mindestens 10.000 Todesopfer gefordert. Nur neun Jahre nach dem Seebeben und Tsunami im Indischen Ozean, acht Jahre nach Hurrikan Katrina und drei Jahre nach dem Erdbeben in Haiti erlebt die Menschheit ein weiteres Spektakel mit katastrophalem Leiden und riesigen Todesopfern.

Eine Million Menschen leben in Notunterkünften, hunderttausende leben ohne Strom und Wasser, und die Krankenhäuser, die den Taifun überstanden haben, sind voll mit leidenden und sterbenden Patienten, die behandelt werden könnten, wenn genug medizinische Vorräte da wären. Die Strom-, Kommunikations- und Verkehrsinfrastruktur in der Region wurde zerstört.

Zweifellos ist es eine große Aufgabe, Notunterkünfte zu bauen, in denen die Menschenmassen verheerende Stürme wie Haiyan überleben können, und durch eine solche Katastrophe zerstörte Städte wieder aufzubauen. Haiyan war mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 315 Stundenkilometern und Böen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 380 Stundenkilometern der schlimmste Sturm, der jemals Festland erreicht hat. Zweifellos ist der Klimawandel ein Grund für die zunehmende Stärke von Hurrikans und Taifunen.

Allerdings steckt hinter den Behauptungen der internationalen Presse, vom Guardian bis zur New York Times, nichts hätte den über 300 Stundenkilometer schnellen Winden des Taifuns Widerstand leisten können, eine eindeutige politische Agenda.

Die Bilder aus der Stadt Tacloban und dem Umland, die der Taifun durchquert hatte, sprechen eine andere Sprache. Unternehmen, Einkaufszentren, Regierungsgebäude und Villen stehen noch. Der Countryclub der Stadt ist nahezu unbeschädigt.

Haiyans verheerende Winde waren zwar nicht aufzuhalten, die massive Zahl von Toten und Verletzten und das Ausmaß des Elends in Tacloban sind jedoch keine Natur- sondern eine soziale Katastrophe. Die große Mehrheit der Taifunopfer hätte überlebt, wenn sie Zugang zu stabil gebauten Evakuierungszentren an sicheren Orten gehabt hätte, die im Voraus mit den notwendigen Gütern ausgerüstet worden wären.

Eines der Evakuierungszentren in Tacloban war das überdachte Sportstadion der Stadt. Hunderte von Menschen, die vor dem Sturm flohen, wurden von örtlichen Behörden angewiesen, im Stadion Zuflucht zu suchen. Wie alle stabil gebauten Gebäude in Tacloban widerstand es dem Sturm. Aber da das Stadion nicht hoch genug über dem Meeresspiegel gelegen war, drang das Wasser ein. Die Menschen darin ertranken entweder oder wurden zu Tode getrampelt, als sie versuchten, vor dem eindringenden Wasser zu flüchten.

Die Stadtviertel, die jetzt eingestürzt sind oder weggespült wurden, wurden aus billigen und minderwertigen Materialien gebaut, die Arbeiter und Arme gezwungenermaßen beim Hausbau verwenden müssen. Laut Daten der philippinischen Statistikbehörde haben mehr als ein Drittel aller Wohnhäuser in Tacloban hölzerne Außenmauern, dreizehn Prozent von ihnen haben ein Dach aus Gras. Der Hurrikanforscher Brian McNoldy von der Universität Miami erklärte, dass bei so einer minderwertigen Bauweise „ein schwächerer Sturm genauso viel Zerstörung angerichtet“ hätte.

Laut einer Studie der Weltbank von 2012 leben vier von zehn Filippinos in einer Stadt mit mehr als 100.000 Einwohnern, die anfällig für Stürme ist. Trotzdem wurden in den gefährdeten Gebieten keine Vorbereitungen getroffen. Die „Evakuierungszentren“ sind Kirchen, städtische Auditorien und Schulen, in denen es nicht genug Sanitäranlagen und Hilfsgüter gibt.

Es hat sich hier wieder einmal gezeigt, dass die arbeitende Bevölkerung der ganzen Welt, von Tacloban bis Port-au-Prince und New Orleans gezwungen ist, in schlecht gebauten Häusern zu leben und Stürmen und anderen Katastrophen ausgesetzt ist.

Für diesen Zustand ist nicht das Schicksal verantwortlich, sondern der Kapitalismus. Die Menschheit hat die technischen Fähigkeiten, sich auf Taifune vorzubereiten, Unterkünfte zu bauen und auszustatten, die große Stürme aushalten, und ganze Städte wieder aufzubauen.

Die notwendigen Mittel können jedoch wegen der Irrationalität des kapitalistischen Marktes, dem Profitstreben, das alle gesellschaftlichen Anstrengungen dominiert, der veralteten und zerstörerischen Aufteilung der Welt in rivalisierende Nationalstaaten und der grotesken sozialen Ungleichheit, die auf der ganzen Welt vorherrscht, nicht mobilisiert werden. Die notwendigen Gelder können zu einem Großteil aus dem Grund nicht aufgetrieben werden, weil Billionen von Dollar auf die Konten von „Personen mit hohem Nettowert“ geschoben werden, die weltweit ein Vermögen von 27 Billionen Dollar für sich beanspruchen.

Die Unfähigkeit, auf den Philippinen angemessene Wohnhäuser und Unterkünfte zu bauen, gehört zu den allgemein schlechten Lebensbedingungen, die dieses veraltete und irrationale Gesellschaftssystem den arbeitenden Massen aufzwingt.

Laut dem nationalen Ernährungsrat erhalten nur vier von zehn Menschen auf den Philippinen eine angemessene Ernährung. 27 Prozent der Bevölkerung leben in dauerhaftem unfreiwilligem Hunger. Die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer lag im Jahr 2012 auf der Insel Samar, die von Haiyan verwüstet wurde, bei 64,5 Jahren – ganze fünfzehn Jahre weniger als in Westeuropa.

Diese Bedingungen zeigen, dass die Arbeiterklasse die Kontrolle über den obszönen Reichtum übernehmen muss, den die Superreichen horten, und ihn für sozial fortschrittliche Reformen nutzen muss. Jeder Versuch, das zu tun, wird sie in gewaltsamen Konflikt mit dem kapitalistischen Staat bringen, der zurzeit seine bewaffnete Macht einsetzt, um Privateigentum zu verteidigen und die Opfer des Taifuns einzuschüchtern.

Während hunderttausende von Opfern des Sturms auf den Philippinen Probleme haben, Nahrungsmittel zu finden, und nirgendwo Hilfsgüter zu finden sind, versuchen Opfer des Taifuns, die benötigten Lebensmittel, Wasser und andere Güter aus geschlossenen Läden und Einkaufszentren zu holen.

Der philippinische Präsident Aquino hat daraufhin 1300 schwerbewaffnete Polizisten und Militärs mit Panzerfahrzeugen abkommandiert, in der Stadt zu patrouillieren und Privateigentum zu schützen, eine Ausgangssperre verhängt und die Opfer des Sturms willkürlich durchsuchen lassen. Ein Großteil der Hilfsaktionen wurde privaten Agenturen oder – was nichts Gutes bedeutet – dem amerikanischen Militär, der ehemaligen philippinischen Kolonialmacht, überlassen.

Die komplexen logistischen Operationen, die hinter den aktuellen Hilfsaktionen stecken, sind nur ein Vorgeschmack auf die riesigen wirtschaftlichen Anstrengungen, die nötig sein werden, um eine Gesellschaft aufzubauen, die solchen Stürmen trotzen kann. Das kann nur durch die geplante internationale Mobilisierung der industriellen und wissenschaftlichen Möglichkeiten der ganzen Region und der Welt unter der Führung der Arbeiterklasse erreicht werden.

Joseph Santolan