WAZ-Gruppe schließt Redaktion der Westfälischen Rundschau

Von Sybille Fuchs
22. Januar 2013

Die WAZ Mediengruppe beabsichtigt, zum 1. Februar die Lokalredaktion der Westfälischen Rundschau (WR) mit 120 Beschäftigten zu schließen. Außerdem verlieren durch die Schließung etwa 180 freie Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die Möglichkeit, in der Dortmunder Traditionszeitung zu publizieren. Die Nachricht vom Verlust ihrer Arbeitsplätze war den überraschten Betroffenen am 15. Januar auf einer Betriebsversammlung in Hagen verkündet worden.

Am 19. Januar demonstrierten rund 1.200 Journalisten, Gewerkschafter und Bürger in der Dortmunder Innenstadt gegen die Schließung. In Reden und auf Plakaten prangerten sie die Arbeitsplatzvernichtung und die immer weiter um sich greifende Ausblutung der Medienvielfalt in der Region an. Die Schließung der Redaktion wird vielfach als der Anfang vom endgültigen Aus der Zeitung angesehen.

Demonstration Die Demonstration vom 19. Januar

Der Betriebsratsvorsitzende der WR Uwe Tonscheidt kündigte zaghaft an: „Wir wollen wenigstens versuchen zu kämpfen.“ In der Belegschaft herrsche Fassungslosigkeit über diese radikale Maßnahme, die „zuvor mit keiner Silbe angedroht“ worden sei. Die Mitteilung, dass die Mitarbeiter schon zum 1. Februar ihren Arbeitsplatz verlieren, sei „ein absoluter Kulturbruch“, der existierende Sozialplan sehe eigentlich vor, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden.

Eine Seite mit Berichten über die Schließung und zahlreichen Stellungnahmen von Lokalpolitikern wurde von der WAZ-Geschäftsführung zensiert, so dass sie nur an die Abonnenten ausgeliefert werden konnte. In der später verkauften Ausgabe wurde sie entfernt.

Die drei WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus, Manfred Braun und Thomas Ziegler bedauerten die Härte für die von der Schließung Betroffenen. Sie sagten aber lediglich zu, dass alles „sozialverträglich“ abgewickelt werde und den „Freigestellten“ eventuell freiwerdende Arbeitsplätze in der WAZ-Redaktion angeboten würden. Die Schließung sei angesichts der Verluste der WR von 50 Millionen Euro in den letzten Jahren alternativlos. Die verkaufte Auflage der WR sei von über 200.000 auf 115.000 zurückgegangen.

Die WAZ-Gruppe gehört mit rund 10.000 Mitarbeitern in NRW, Thüringen, Niedersachsen, Österreich und Osteuropa zu den großen Zeitungsverlagen in Europa. Sie veröffentlicht mehr als 30 Tages- und Wochenzeitungen, 170 Illustrierten und Fachzeitschriften sowie Anzeigenblätter und Kundenzeitschriften. Im Jahr 2011 setzte die Gruppe 1,1 Milliarden Euro um.

In Deutschland gehören die folgenden Tageszeitungen zu dem Konzern: Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ), Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung NRZ, Westfalenpost, Westfälische Rundschau, Braunschweiger Zeitung, Thüringer Allgemeine, Ostthüringer Zeitung und Thüringische Landeszeitung. Zu den Illustrierten des Verlags gehören Gong und Frau im Spiegel. In Österreich ist die WAZ-Gruppe am Verlag der Kronen Zeitung und des Kurier beteiligt.

Seit Petra Grotkamp den Erben des WAZ-Gründers Erich Brost die Aktienmehrheit der WAZ Gruppe abgekauft hat, wurde ein massives Sparprogramm für den Konzern beschlossen. Die Eigentümerin hatte sich Kredite von 170 Millionen Euro für den Kauf beschafft. Deshalb sollen bis 2014 die Kosten um 20 Prozent gesenkt werden. Ziel ist ein operatives Ergebnis von 150 Millionen Euro.

Die Tageszeitungen der WAZ Gruppe in der Region haben insgesamt eine Auflage von mehr als 700.000. In den 1970er Jahren verkaufte die WAZ alleine derart viele Exemplare.

Als geradezu zynisch empfinden die Redaktionsangestellten die Pressemitteilung des Konzerns: „Die WAZ Mediengruppe stellt sich in ihrem nordrhein-westfälischen Kerngebiet zukunftssicher auf. Deshalb wird die Westfälische Rundschau, die seit vielen Jahren Verluste in Millionenhöhe hinnehmen muss, grundlegend saniert.“

Unter „Sanierung“ verstehen die Eigentümer, dass der Lokalteil der Zeitung ab 1. Februar nicht mehr von eigenen Redakteuren bestritten wird. Lokalnachrichten für Dortmund und Umgebung sowie andere westfälische Städte werden künftig von der bisherigen Konkurrenzzeitung, den Ruhrnachrichten des Lensing Verlags, oder von anderen Blättern der WAZ Gruppe eingekauft.

In Dortmund und Umgebung wird es damit nur noch Lokalnachrichten aus einer Hand geben. Die Mantelthemen, d.h. die überregionale Berichterstattung, Sport, Reiseteile etc., werden ohnehin schon komplett von der WAZ-Mediengruppe geliefert.

„Unser Ziel ist es, die Westfälische Rundschau zu erhalten und damit die Medienvielfalt in dem Verbreitungsgebiet sicherzustellen“, heißt es beschönigend in der Presseerklärung des WAZ-Konzerns. In Wirklichkeit wird außer dem Namen von der WR nichts bleiben. Allerdings konnte auch bisher von Medienvielfalt kaum die Rede sein, beherrschte doch der WAZ-Konzern weitgehend die Presselandschaft in der Ruhregion und in Westfalen.

Viele Leser haben in Kommentaren und Blogs bereits die Kündigung ihres Abonnements mitgeteilt und das Verfahren des Konzerns als Betrug an den Lesern dargestellt.

Unterstützung Unterstützung für die WR

Nicht, dass die WR eine besonders informative Zeitung gewesen wäre. Ihre eigenständige Berichterstattung wurde seit der Übernahme durch die WAZ immer weiter eingeschränkt. Investigativer Journalismus hielt sich im Gewerkschafts- und SPD-Filz an Rhein und Ruhr schon immer in Grenzen.

Die WR unterschied sich daher nicht sehr von den anderen Provinzzeitungen der Region. Kritische Berichterstattung, wie beispielsweise im Envio-Skandal, war selten. Der WR-Redakteur Klaus Brand war wesentlich für die Aufdeckung dieses Skandals verantwortlich. Jahrelang hatte eine Dortmunder Recycling-Firma ihre Arbeiter sowie Anwohner des Stadtteils hochgiftigen PCB- und Dioxin-Emissionen ausgesetzt. (Siehe: „Prozess im Dortmunder Envio-Umweltskandal eröffnet“)

Geschichtlich war die Westfälische Rundschau sehr eng mit der Sozialdemokratischen Partei verbunden. Die WR wurde 1946 mit einer Lizenz der britischen Besatzungsmacht von den Sozialdemokraten Fritz Henßler, Paul Sattler und Heinrich Sträter als Nachfolgerin des von den Nationalsozialisten verbotenen Generalanzeigers gegründet.

Das Ziel bei der Gründung war, sie zu einer überregionalen Zeitung zu machen. Auch der frühere KPD-Landtagsabgeordnete Kurt Lichtenstein gehörte in den 50er Jahren zur Redaktion.

Von 1973 bis 1981 leitete der stellvertretende Chefredakteur Wolfgang Clement das Ressort Politik der Zeitung. Clement machte später in der SPD eine steile politische Karriere. Er wurde Ministerpräsident von NRW und war als Bundeswirtschafts- und Arbeitsminister. unter Gerhard Schröder für die Umsetzung der Agenda 2010 verantwortlich. Inzwischen ist er aus der SPD ausgetreten und unterstützt die FDP.

In den 1970er Jahren wurde die WR vom WAZ-Konzern übernommen. Die Erlöse der Zeitung sollen früher oftmals in Wahlkämpfen die Schatzkasse der SPD gefüllt haben. Sie war die Zeitung, die vom größten Teil der an den Gewerkschaften und der SPD orientierten Arbeiter gelesen wurde. Die SPD ist auch jetzt noch über ihre Deutsche Druck und Verlagsgesellschaft (ddvg) mit 13,1 Prozent am Zeitungsverlag Westfalen, dem Herausgeber der WR beteiligt.

Das allmähliche Sterben der WR und ihr Leserschwund sind daher auch Ausdruck des Niedergangs der SPD. Die Zeiten, in denen die SPD von der Mehrheit der Arbeiter an der Ruhr noch als ihre Vertreterin wahrgenommen wurde und in enger Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften einige Reformen, akzeptable Löhne und Arbeitsbedingungen durchsetzen konnte, sind lange vorbei.

Die Arbeiter und offiziell 721.616 Arbeitslosen in NRW setzen keine Hoffnungen mehr in diese Partei. Sie wissen zu gut, wer die Hartz-Gesetze und Niedriglöhne zu verantworten hat. Sie erleben auch tagtäglich, wie die seit Jahrzehnten von der SPD dominierten Stadträte die Kürzungen in der sozialen Infrastruktur durchsetzen, Bibliotheken, Schwimmbäder und Theater schließen, Schulen und Straßen verkommen lassen und lokale Gebühren erhöhen.

Während gut bezahlte Arbeitsplätze seit Jahrzehnten vernichtet werden und Arbeitslosigkeit wie Armut stark steigen, kassieren die SPD-Größen in den privatisierten kommunalen Betrieben und Aufsichtsräten gigantische Summen – trotz Verschuldung der Städte, mit der die Kürzungen bei den Einwohnern immer gerechtfertigt werden.

Da sitzen Sozialdemokraten, die außer dem Parteibuch nichts qualifiziert, und erhalten satte Gehälter von mehreren hunderttausend Euro im Jahr. Ein Beispiel aus Dortmund, das jüngst durch die Presse ging, ist Guntram Pehlke. Er war einst Schatzmeister der SPD im Unterbezirk Dortmund, heute ist er Vorstandsvorsitzender der Dortmunder Stadtwerke DSW21. Pehlke sitzt dazu noch im Aufsichtsrat der steag und hat den Aufsichtsratsvorsitz bei der Gelsenwasser AG inne.