Das afghanische Massaker:

Produkt eines kriminellen Krieges

21. März 2012

Seitdem der Name des Soldaten bekannt ist, dem ein Massaker an sechzehn afghanischen Zivilisten vorgeworfen wird, versuchen die Medien dieses schreckliche Verbrechen verständlich zu machen, indem sie den Werdegang und die persönlichen Probleme von Feldwebel Robert Bales untersuchen. Sie bemühen sich dabei nach Kräften, den kriminellen Charakter des Krieges selbst zu ignorieren.

Das Militär wirft Bales, der im US-Militärgefängnis von Fort Lavenworth im Bundesstaat Kansas einsitzt, vor, er habe seinen Posten im Panjawi-Distrikt im Süden der Provinz Kandahar in den frühen Morgenstunden des 11. März verlassen, sei in zwei nahegelegenen Dörfern in Häuser eingedrungen und habe sechzehn Afghanen, darunter neun Kinder, erschossen und erstochen. In einem Haus soll er die Körper seiner Opfer gestapelt und angezündet haben.

Er wird jetzt weitgehend als “verbrecherischer” Soldat eingestuft. Präsident Barack Obama, Außenministerin Clinton und der US-Kommandeur in Afghanistan, General John Allen, haben alle formell erklärt, dass Bales‘ Handlungen nicht die Werte und Haltungen des US-Militärs widerspiegeln. Diesen offiziellen Angaben zufolge lautet die einzige zu beantwortende Frage: Wieso ist er „durchgedreht“?

Die afghanischen Dorfbewohner, der Marionetten-Präsident des Landes, Hamid Karzai, und eine Untersuchungskommission, die vom Unterhaus des afghanischen Parlaments gebildet wurde, bezweifeln die Faktengrundlage dieser These. Sie alle behaupten, der Massenmord sei nicht das Werk eines Einzeltäters, sondern die Tat von 15 bis 20 Soldaten gewesen. Der Parlamentsausschuss stellte seine Untersuchungsergebnisse am Wochenende vor. In ihnen wird auch festgestellt, dass zwei der bei dem Massaker getöteten Frauen zuvor sexuell missbraucht worden waren.

Selbst wenn sich die Version des Militärs zu den blutigen Ereignissen als wahr herausstellt und es sich bei Bales tatsächlich um einen Einzeltäter handelt, ist die Tatsache schon sehr aufschlussreich, dass die überwältigende Mehrheit der Afghanen meint, dass eine größere Zahl von US-Soldaten an dem Blutbad beteiligt war. Sie sehen die Tat nicht als das Werk eines „Verbrechers“, sondern eher als eine allzu alltägliche Episode in einem seit zehn Jahren andauernden Krieg, der bereits zehntausende afghanische Zivilisten das Leben gekostet hat.

Die bisher über Bales bekannt gewordenen Informationen legen eine Reihe von Stressfaktoren und persönlichen Krisen nahe. Er war der Armee 2001 beigetreten, nur Wochen nach den Angriffen vom 11. September, aber auch, nachdem der Absturz des Aktienmarktes seine kurze Karriere als Finanzinvestor beendet hatte.

Er war letztes Jahr nach Afghanistan entsandt worden, nachdem er bereits drei Kampfeinsätze im Irak absolviert hatte und man ihn hatte glauben lassen, dass er nicht mehr in eine Kriegszone verschifft werden würde. Er war bei Beförderungen nicht berücksichtigt worden und hatte erhebliche finanzielle Probleme. Sein Schuldenstand zwang ihn, sein Haus kurzfristig zu verkaufen. Im Irak erlitt er eine traumatisierende Hirnverletzung. Sein Anwalt hat angedeutet, dass es in seinem Prozess auch um die Frage gehen könnte, ob er an posttraumatischen psychischen Problemen leidet.

All diese Faktoren sind symptomatisch für die Hunderttausenden in der “Freiwilligen”-Armee der USA, nachdem das Land zehn Jahre lang gleichzeitig zwei Kriege im Nahen Osten und in Südasien geführt hat. Während das politische Establishment und die beiden großen Parteien die Bevölkerung routinemäßig auffordern, „unsere Truppen zu unterstützen“, um so die Akzeptanz imperialistischer Kriege in Übersee sicherzustellen, werden diese Soldaten in Wahrheit von der herrschenden Klasse als Wegwerfware betrachtet.

So wie die Probleme, die Bales zugeschrieben werden, kaum einzigartig sind, so sind die fürchterlichen Handlungen, die ihm vorgeworfen werden, keinesfalls ausschließlich das Produkt eines psychischen Zusammenbruchs.

Nach Aussagen der Ermittler des afghanischen Parlaments sahen die Dorfbewohner ein klares Motiv für das Massaker – Rache. Sie bezeugten, dass US-Soldaten sie gewarnt hätten, es werde für Bombenanschläge, bei denen mehrere amerikanische Soldaten verletzt worden waren, Vergeltung geben.

Solche Vergeltungsaktionen kamen für das US-Militärkommando wohl kaum erwartet. Erst letzten Monat – inmitten der Massenaufstände, die durch die Verbrennung von Koranbüchern ausgelöst worden waren – zeigte das amerikanische Fernsehen General Allen bei einer Ansprache an US-Soldaten auf einem Stützpunkt in der Provinz Nangarhar, wo am Tag zuvor zwei Soldaten getötet worden waren. „Jetzt ist weder die Zeit für Vergeltung, noch die Zeit für Racheaktionen“, sagte der General.

Allen gab zu, dass die Soldaten von “Wut und dem Wunsch erfüllt sind, zurückzuschlagen”. Er beschwor sie, „an eure Disziplin zu denken, an eure Mission zu denken und nicht zu vergessen, wer ihr seid.“

Die Worte waren sorgfältig gewählt. General Allen und das amerikanische Oberkommando erkannten, dass die Bedrohung durch blutige Vergeltungsmaßnahmen nicht der psychischen Erkrankung einzelner, sondern dem Charakter des Krieges entspringen. Er ähnelt einer kolonialen Besetzung, die das US-Militär mit wachsendem Volkswiderstand konfrontiert, den es nicht brechen kann.

Solche Racheakte und oft noch tödlichere Bombardements, nächtliche Razzien und andere mörderische Akte sind unvermeidliches Kennzeichen imperialistischer Aggressionskriege, die von der Bush-Regierung begonnen worden sind und unter Obama fortgesetzt werden.

Die von der Wirtschaft kontrollierten Medien, die bei der Verbreitung der Lügen zur Rechtfertigung der Kriege eine so entscheidende Rolle gespielt haben, haben jetzt kein Interesse daran, zu analysieren, was das letzte Massaker über den Krieg selbst aussagt. Wie die Regierung sorgen sie sich vor allem darum, wie man solche Verbrechen verschleiern oder, falls das nicht geht, die Aufmerksamkeit von ihrer objektiven Bedeutung ablenken kann.

Feldwebel Bales und alle anderen an dem Mord in Kandahar beteiligten Soldaten müssen für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden. Davon abgesehen sind die viel größeren Verbrecher jene in den Regierungen Bush und Obama, die sie entsandt haben, um in Kriegen zu töten und zu sterben, die auf Lügen aufgebaut sind.

Diese Verbrecher zur Rechenschaft zu ziehen ist die Aufgabe der Arbeiterklasse als Teil des Kampfes gegen imperialistische Kriege und gegen das kapitalistische System, dem sie entspringen.

Bill Van Auken