Nach Massaker in Afghanistan:

Wachsende Spannungen zwischen USA und Karsais Marionettenregierung

Von Bill Van Auken
20. März 2012

Am Freitag griff der afghanische Präsident Hamid Karsai das US-Militär öffentlich wegen des Massakers vom Sonntag an sechzehn Zivilisten an. Doch Präsident Obama stellte in einem Telefongespräch klar, dass Washington keine Absicht hat, die Forderung zu erfüllen, den afghanischen Streitkräften die Sicherheitsverantwortung sofort zu überlassen.

An den widersprüchlichen Positionen des afghanischen Präsidenten zeigt sich, dass es ihm immer schwerer fällt, seinen Drahtseilakt fortzuführen: Einerseits will er von der wachsenden Wut der Bevölkerung gegen die mehr als zehn Jahre andauernde Besatzung unter amerikanischer Führung profitieren, andererseits ist er völlig davon abhängig, dass ausländische Truppen sein Marionettenregime stützen.

Nach dem Massaker eskalierten die Spannungen zwischen Washington und dem Kabuler Regime vor allem, nachdem Karzai forderte, dass sich alle US-Truppen aus ländlichen Gebieten und Dörfern in große Stützpunkte zurückziehen und alle Sicherheitsoperationen bis 2013 afghanischen Truppen übertragen werden – ein Jahr früher als es das Pentagon und die Nato angekündigt hatten.

Am Freitag ging der afghanische Präsident noch weiter: Er griff das US-Militär an, weil es bei der Untersuchung der Massenmorde im Distrikt Pandschawi, in der südlichen Provinz Kandahar, nicht mit seiner Regierung zusammenarbeitet. Die Hälfte der Opfer waren Kinder von zwei bis zwölf Jahren.

Karsais Vorwürfe erfolgten in angespannter Atmosphäre bei einem Treffen mit Angehörigen der sechzehn Menschen, die letzten Sonntag getötet worden waren. Presseberichten zufolge standen die überlebenden Angehörigen dem afghanischen Präsidenten offen feindselig gegenüber. In einem Bericht von Reuters hieß es: „Einige schrien, andere forderten Antworten, aber alle sagten, sie wollten dass die beteiligten Soldaten bestraft werden.“

„Ich will keine Entschädigung. Ich will kein Geld. Ich will keine Reise nach Mekka. Ich will kein Haus. Ich will gar nichts. Das einzige, was ich unbedingt will, ist, dass die Amerikaner bestraft werden. Das ist meine Forderung, meine Forderung, meine Forderung und meine Forderung,“ rief ein Dorfbewohner, dessen Bruder bei dem Massaker erschossen wurde, sagte Karsai.

Hajji Abdul Samad Aka, der seine acht Kinder, seine Frau, Bruder und Schwägerin bei dem Massaker verlor, sagte wütend zu Karsai: „Unsere Familien sind erledigt und unsere Häuser sind zerstört.“ Er fragte: „Warum ist das passiert? Haben Sie Antworten, Herr Präsident?“

„Nein, habe ich nicht“, antwortete Karsai.

Karsai schien die Behauptungen der Dorfbewohner zu glauben, es sei mehr als ein US-Soldat an dem Massaker beteiligt gewesen. „In seiner Familie wurden in vier Zimmern Menschen, Kinder und Frauen, getötet,“ sagte Karsai. „Und dann wurden sie alle in einen Raum gebracht und angezündet. Ein einzelner Mensch schafft das nicht.“

Das US-Militär hat erklärt, das Massaker sei das Werk eines einzelnen „bösen“, geistesgestörten Armee-Unteroffiziers. Anonyme Quellen aus dem Pentagon gaben am Freitag bekannt, er hieße Robert Bales. Das Pentagon hatte bisher abgelehnt, ihn zu identifizieren, angeblich aus Sicherheitsbedenken gegenüber seiner Familie.

John Henry Browne, ein Strafverteidiger aus Seattle, der Bales vertritt, sagte, der Soldat sei am Freitag in ein Hochsicherheits-Militärgefängnis in Fort Leavenworth, Arkansas, gebracht wurden. Er deutete an, er werde ihn vielleicht auf der Grundlage einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) verteidigen. Diese geistige Störung wurde schon bei 75.000 US-Soldaten diagnostiziert, bis zu 225.000 Veteranen der Kriege im Irak und in Afghanistan sollen daran leiden.

Bales hat drei Einsatzperioden im Irak absolviert, bevor er nach Afghanistan geschickt wurde. Laut Browne wurde ihm und seiner Familie gesagt, er würde nicht noch ein viertes Mal eingesetzt werden, aber dann wurde er plötzlich nach Afghanistan versetzt. Der Anwalt sagte auch, dass Bales am Tag vor dem Massaker erlebt habe, wie einem seiner Freunde die Beine weggesprengt worden waren.

Bei einem Treffen mit Karsai am Freitag sagte der Stabschef der afghanischen Armee, Generalleutnant Sher Mohammad Karimi, die amerikanischen Militärbehörden hätten seine Versuche, das Massaker zu untersuchen, „ignoriert und blockiert“ und afghanische Vertreter daran gehindert, Bales zu befragen. Die Begründung war, der Soldat hätte nach amerikanischen Gesetzen das Recht, die Aussage zu verweigern.

Wenn sich die Ansicht, die Morde seien nicht das Werk eines einzelnen Soldaten, bestätigt, werden die Folgen noch viel verheerender werden.

Die Dorfbewohner haben Berichten zufolge ausgesagt, dass sie bei dem Massaker keine Gegenwehr geleistet hätten, weil sie dachten, es handele sich um einen der üblichen nächtlichen Durchsuchungen, bei denen amerikanische Spezialkräfte Taliban-Unterstützer und andere Widerstandskämpfer gegen die amerikanische Besatzung verhaften oder töten.

Karsai selbst hat ein Ende der nächtlichen Überfälle gefordert. Das US-Militär hat deutlich erklärt, es werde sich nicht dem Willen eines Regimes fügen, das es selbst an die Macht gebracht hat. Die Durchsuchungen, die in ganz Afghanistan Empörung verursachen, seien ein wichtiges Werkzeug im Kampf gegen Aufständische.

Auch Washington und die Nato verschwendeten keine Zeit, um Karsai für seine Forderung nach einem Rückzug der Besatzungstruppen in große Stützpunkte und einer beschleunigten Übertragung des Kommandos an afghanische Truppen zu rügen. ABC News meldete, Vertreter des Pentagons bezeichneten die Forderungen als „Getue.“

Präsident Obama rief am Freitag ungewöhnlicherweise nach Mitternacht bei Karsai an, um dem Präsidenten laut Vertretern des Weißen Hauses zur Geburt eines Kindes zu gratulieren. Allerdings veröffentlichte das Weiße Haus ein Statement, laut dem Obama Karsai in dem Gespräch sein „gemeinsames Engagement“ für einen Zeitplan versicherte, nach dem „afghanische Truppen bis Ende 2014 den Übergangsprozess beendet haben werden und die volle Verantwortung für die Sicherheit im ganzen Land haben werden.“

Laut Karsai fragte Obama mit Bezug auf seine Forderung nach einem Rückzug der US-Truppen in ihre Stützpunkte: „Haben Sie das gesagt?“ Karsai sagte Obama, er habe es gesagt. Der afghanische Präsident sagte außerdem, er habe Obama gesagt, angesichts der Tatsache, dass es bereits Pläne gibt, den afghanischen Streitkräfte bis Ende 2014 die Kontrolle zu übergeben, könne man den Zeitplan doch einfach um ein Jahr beschleunigen.

In Wirklichkeit hat Washington kein Vertrauen in die afghanische Armee und Polizeikräfte. Es hält sie nicht für fähig, das amerikanische Marionettenregime selbst nach 2014 an der Macht zu halten. Amerikanische Diplomaten haben eine langfristige „strategische Partnerschaft“ ausgehandelt. Laut den Bedingungen können tausende amerikanischer Soldaten und amerikanische Stützpunkte auf unbegrenzte Zeit im Land bleiben. Das Massaker hat diesen Plan deutlich verkompliziert, nachdem es zuvor bereits im letzten Monat zu einem Aufschrei gekommen war, weil US-Soldaten den Koran verbrannt hatten und ein Video an die Öffentlichkeit gekommen war, in dem US-Marines auf die Leichen getöteter Afghanen urinierten.

Pentagon-Sprecher George Little schrieb am Donnerstag, das US-Militär habe Verständnis für Karsais „starkes Interesse an einem vollkommen unabhängigen und souveränen Afghanistan,“ mahnte aber an, dass dies in einer „verantwortungsbewussten Weise“ geschehen müsse.

Man könnte es nicht deutlicher ausdrücken, dass Afghanistan unter halbkolonialer Kontrolle der USA steht, und seine Regierung ein Marionettenregime der Besatzungsmacht ist.

Ferner wurde am Freitag in Kabul ein Militärhubschrauber abgeschossen und fiel in ein Haus. Mindestens zwölf türkische Soldaten an Bord des Hubschraubers und zwei Frauen am Boden wurden getötet. Die Nato behauptete, es seien keine Aufständischen in der Gegend gewesen und die Ursache des Absturzes werde untersucht. Es war der schwerste derartige Vorfall, seit im August letzten Jahres 30 amerikanische Militärangehörige, darunter 22 Navy-SEALS bei einem Hubschrauberabsturz in Ost-Afghanistan getötet worden waren.

Die Nato bestätigte auch, dass einer ihrer Soldaten am Freitag an Verletzungen durch ein Bombenattentat auf der Straße im Osten Afghanistans gestorben sei.

Die Gesamtzahl der amerikanischen Todesopfer ist auf 1.912 angestiegen, über die Hälfte davon – 965 – wurden seit Obamas Erhöhung der Truppenstärke im Dezember 2009 getötet.

Eine Taskforce der Army, die die Folgen der improvisierten Sprengsätze untersuchen sollte, veröffentlichte diesen Monat ihren Bericht. Dieser Bericht hob noch einmal die Folgen des Kriegs für die amerikanischen Soldaten hervor. Laut dem Bericht haben im Jahr 2011 so viele Soldaten wie nie zuvor aufgrund ihrer Verwundungen Gliedmaßen verloren. Insgesamt 240 verloren zumindest ein Bein oder einen Arm.

Diese Zahl überschreitet die Opferzahlen von 2007, als die Bush-Regierung die Truppenstärke im Irak erhöht hatte. In jenem Jahr verloren 205 Soldaten und Marines Gliedmaßen.

Laut der Army Times ist die dramatischste Veränderung bei den Verwundeten in Afghanistan, dass in immer mehr Fällen beide Beine über den Knien abgerissen sind; auch dreifache und vierfache Amputationen und damit einhergehende Genitalverletzungen nehmen laut der Taskforce zu.