Pentagon will Kampfstärke der US-Truppen in Afghanistan beibehalten

Von Bill Van Auken
22. Juni 2011

Laut US-Präsident Barack Obama sollte der Abzug der US-Soldaten aus Afghanistan ursprünglich im Juli 2011 beginnen. Doch nun widersetzt sich das US-Militär jeder nennenswerten Reduzierung.

Am Mittwoch trafen sich General David Petraeus und der nationale Sicherheitsberater im Weißen Haus. Petraeus ist der höchste US-Militärbefehlshaber in Afghanistan und Obamas Kandidat für das Amt des CIA-Direktors. Laut dem Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, habe Petraeus "mehrere Optionen" vorgelegt. Carney sagte, der US-Präsident werde "relativ bald" bekanntgeben, wie viele Soldaten zurückgezogen werden und in welchem Tempo.

Unter Berufung auf militärische Kreise und Regierungsvertreter berichtete das Wall Street Journal am Donnerstag, die Militärführer verlangten, dass das Weiße Haus "die Beendigung der Truppenaufstockung in Afghanistan auf den Herbst 2012 verschieben solle".

Seit seinem Amtsantritt im Januar 2009 hat Obama die Zahl der amerikanischen Soldaten in diesem zehnjährigen Krieg fast verdreifacht. Als Obama ins Weiße Haus kam, waren 34.000 Soldaten in Afghanistan stationiert; heute sind es fast 100.000.

Im Dezember 2009 gab Obama seinen „Surge“, die massive Truppenaufstockung, bekannt und ordnete den Einsatz von 33.000 zusätzlichen Soldaten an. Damals versprach er, im Juli 2011 werde Washington "beginnen, die Truppen aus Afghanistan abzuziehen".

Diesem „Surge“ ging eine heftige Debatte in der Regierung voraus, die zwischen der Militärführung und dem Vizepräsidenten Joseph Biden entbrannte. Die Generäle forderten eine massive Aufstockung der Truppenstärke, um die Aufständischen durch einen möglichst breit angelegten Feldzug zu bekämpfen, während eine Gruppe um Vizepräsident Biden eine Anti-Terror-Strategie favorisierte, die weniger Soldaten erfordern würde und den Widerstand stattdessen durch vermehrte Luftangriffe und den Einsatz von Spezialkräften durch gezielte Tötungen brechen würde.

Am Ende gab Obama der Armeeführung in allen Punkten nach. Außerdem begann die Regierung praktisch unmittelbar nach seiner „Surge“-Rede, den auf Juli 2011 angesetzten Termin zum Truppenabzug zu relativieren. Jetzt hieß es, jede Reduzierung der US-Streitkräfte sei von der Lage am Boden abhängig. Im Vordergrund stand nun das von der NATO festgesetzte Zieljahr 2014, in dem die Verantwortung für die Sicherheit an die afghanischen Militär- und die Polizeikräfte übergehen würde.

Im Vorfeld der Truppenaufstockung führte die Militärführung eine beinahe-öffentliche Kampagne für die gewünschte Truppenstärke. General Stanley McChrystal, Petraeus’ Vorgänger als Oberbefehlshaber in Afghanistan, hielt damals eine Rede in London, die in ihrem Spott gegenüber Bidens Position fast an Befehlsverweigerung grenzte. Diesmal haben die uniformierten Kommandeure es vermieden, öffentliche Kommentare abzugeben.

Das Wall Street Journal berichtet jedoch, dass Petraeus privat gegenüber Kongress-Mitgliedern und Regierungspolitikern gesagt habe, er wolle die derzeitige US-Kampfkraft in Afghanistan mindestens bis zum Herbst 2012 aufrechterhalten. Dadurch würde der aktuelle Stand der Einsatzstärke während der "Kampfsaison" in den Sommermonaten in diesem und im kommenden Jahr aufrechterhalten. Die bewaffneten Aufständischen, die sich gegen die US-Besatzung wehren, führen ihre Offensiven traditionell in den Sommermonaten durch.

US-Verteidigungsminister Robert Gates hält mit seiner Sympathie für die Haltung der Generäle nicht hinterm Berg. Gates wurde 2006 noch von George W. Bush zum Chef des Pentagons ernannt, muss aber im nächsten Monat von seinem Amt zurücktreten. In seiner jüngsten Rede beim Treffen der NATO-Verteidigungsminister in Brüssel betonte er, wenn Obama seine Entscheidung zum Juli-Abzug mitteilen werde, werde es keine "übereilte Flucht" geben.

Jeder Rückzug müsse „verantwortungsbewusst“ durchgeführt werden, sagte Gates am 6. Juni, während eines Besuchs in Afghanistan. Er bestand darauf, die Regierung müsse die Sache "strategisch angehen (...) und sich nicht nur auf dieses Datum und die Zahl konzentrieren, die für Juli bekannt gegeben wird".

Er fügte hinzu, er werde "versuchen, meine Kampfkapazitäten zu maximieren, so lange dieser Prozess weitergeht ". Das soll heißen, dass unabhängig davon, wie viele Einheiten abgezogen werden, diese in erster Linie aus Hilfstruppen bestehen werden, die zum Teil durch private Unternehmen ersetzt werden können. Ende des letzten Jahres gab es 18.919 private Sicherheitskräfte in Afghanistan, das ist dreimal soviel wie im Juni 2009. Die Gesamtzahl der Auftragnehmer, einschließlich jener in unbewaffneten Einheiten, übertrifft 100.000 Personen.

Als Gates am Mittwoch vor einem Kongress-Ausschuss sprach, betonte er die auf 2014 angesetzte NATO-Frist und sagte, bis dahin werde "die Zahl der Truppen in Afghanistan deutlich reduziert werden". Bis dahin werde "genügend Zeit sein, um das Ausmaß und den Zeitplan für diese Truppenreduzierung anzupassen".

In seiner letzten Pressekonferenz für das Pentagon am Donnerstag wies Gates auf die wachsende Opposition in der amerikanischen Bevölkerung gegen den Krieg hin. Jüngste Umfragen hätten ergeben, dass zwei Drittel der amerikanischen Bevölkerung nicht glauben, dass es sich lohne, für den Krieg in Afghanistan zu kämpfen.

"Diese Unzufriedenheit und sicherlich auch Kriegsmüdigkeit nach einem Jahrzehnt (…) ruht schwer auf uns allen", sagte Gates. "Und die Schlüsselfrage lautet, wie werden wir unsere Mission beenden? Wird es wie im Irak so sein, dass die nationalen Sicherheitsinteressen Amerikas und das amerikanische Volk geschützt werden, und dass die Stabilität gewahrt bleibt?"

Auf die Frage, ob das US-Militär "in Afghanistan gewinnen" könne, sagte Gates, er habe gelernt, „emotionsgeladene Worte" wie „gewinnen“ zu vermeiden, aber er behauptete, das Pentagon sei "bei der Umsetzung der Strategie des Präsidenten erfolgreich. (...) Die Kontrolle der Taliban über die besiedelten Gebiete ist verhindert, deren Leistungsfähigkeit beeinträchtigt und die Fähigkeiten der afghanischen Sicherheitskräfte verbessert worden".

Die offiziellen Behauptungen von Gates und den Generälen, dass der fast zehnjährige Krieg erfolgreich verlaufe, dass er aber auf dem heutigen Niveau fortgeführt werden müsse, um einen Rückschlag zu verhindern, wird durch eine Reihe von Hinweisen der Lüge gestraft.

Die Gewalt in Afghanistan ist heute auf dem höchsten Stand, seitdem die USA im Oktober 2001 den Krieg begannen, um das Taliban-Regime zu stürzen. Nach Angaben der Vereinten Nationen erreichte die Zahl der getöteten Zivilisten in dem Land im vergangenen Jahr 2.777, eine 15-prozentige Steigerung gegenüber 2009.

Es gibt allen Grund zu glauben, dass diese Zahl im Vergleich zu den wirklichen Opfern unter der Zivilbevölkerung massiv untertrieben ist, hauptsächlich deshalb, weil die UNO kritiklos die Daten der USA und der NATO übernimmt.

Ein Artikel von Gareth Porter, veröffentlicht auf Interpress-Service (IPS), nährt Zweifel an den offiziellen Zahlen. Darin geht es um die von General Petraeus aufgestellten Behauptungen über angebliche Taliban, die in Razzien der Spezialkommandos festgenommen wurden.

Porter berichtet: "Im Dezember [2010] waren in den vorangegangenen sechs Monaten gemäß Aussage von Petraeus’ Kommandostab insgesamt 4.100 Taliban-Kämpfer gefangen genommen und 2000 getötet worden". Die Angaben des Militärs selbst zeigten jedoch, dass achtzig Prozent der insgesamt 4.100 Inhaftierten innerhalb weniger Tage wieder freigelassen werden mussten, weil man festgestellt hatte, dass sie Zivilisten waren und keinerlei Verbindungen zu den Taliban hatten.

Aus der Haftanstalt Bagram wurden sogar noch mehr Gefangene wieder freigelassen, weil US-Offiziere zum Schluss kamen, dass nichts auf ihre Teilnahme an bewaffneten Oppositionsgruppen hindeute. Am Ende wurden nur knapp zehn Prozent der von Spezialeinheiten gefangen Genommenen auch tatsächlich festgehalten.

Die Frage liegt auf der Hand: Wenn neunzig Prozent der von den US-Truppen als mutmaßliche Taliban festgenommenen Personen in Wirklichkeit Zivilisten waren, ist es dann nicht naheliegend, dass eine ähnlich hohe Zahl von Menschen unter den Getöteten ebenfalls keine Kämpfer waren? Bei praktisch jedem US-Einsatz, bei dem sich die Opfer schließlich als zivile Todesopfer herausstellen, behaupten US- und NATO-Sprecher am Anfang, die Toten seien "Aufständische".

Auch die so genannte „Afghanisierung“ des Kriegs bis zum Jahr 2014 wird von Berichten in Zweifel gezogen, die vom US-Militär selbst stammen. Laut dem britischen Independent folgert der neueste Lagebericht des Pentagons über die Nationale Armee Afghanistans, dass keine einzige Einheit fähig sei "ohne die Unterstützung der Koalitionstruppen" zu agieren. Laut dem Bericht sei über die Hälfte der Armee- und Polizeieinheiten nicht in der Lage, in den Kampf zu ziehen, solange nicht US-Truppen oder andere ausländische Soldaten an ihrer Seite kämpften, und auch mit Unterstützung von ausländischen Militär-"Beratern" könnten dies weniger als ein Drittel.

Der Bericht kommt weiter zum Schluss, die „langsame Entwicklung der Regierungsautorität und Korruption“ mache "möglicherweise die in den letzten sechs Monaten gemachten Fortschritte zunichte". Mit anderen Worten: Die USA versuchen, eine Armee für ein korruptes Marionetten-Regime aufzubauen, an dessen Spitze ein Mann wie Hamid Karzai steht, dem es sowohl an Legitimität als auch an Unterstützung in der Bevölkerung fehlt.

Ein zweiter für die US-Armee im letzten Monat vorbereiteter geheimer Bericht kam zum Schluss, dass die Tötung von US-Soldaten durch afghanische Soldaten, mit denen die Amerikaner eigentlich zusammen trainieren oder kämpfen sollten, zu einer "schnell wachsenden systemischen Bedrohung" werde, welche die gesamte US-Strategie untergraben könnte.

Das von Jeffrey Bordin, einem von der Armee angestellten Politikwissenschaftler und Verhaltensforscher, vorbereitete Dokument zeigt auf, dass die Häufigkeit solcher Tötungen zwischen Verbündeten in der modernen Geschichte beispiellos sei. Sie könnte eine "Vertrauenskrise" zwischen US-Truppen und den abhängigen afghanischen Einsatzkräften hervorrufen, und die amerikanischen Militärs versuchten, diese Vertrauenskrise zu vertuschen.

Es gab 57 solcher Tötungen seit 2007. Bordin beschrieb sie als "einen schweren und rasch metastasierenden bösartigen Tumor".

Die Studie enthält Interviews mit afghanischen und amerikanischen Soldaten darüber, wie jede Gruppe die andere wahrnimmt. Dem Bericht zufolge betrachten afghanische Truppen ihre amerikanischen Kollegen als "gewalttätige, rücksichtslose, aufdringliche, arrogante, egoistische, gottlose, ungläubige Tyrannen, die sich hinter hochentwickelten Waffen verstecken".

Die amerikanischen Soldaten beschrieben ihre afghanischen Kollegen als "feige, unfähige, stumpfe, diebische, selbstgefällige, faule, kiffende, verräterische und mörderische Extremisten".

Während die Truppen immer noch vorrücken, erreichen die Opferzahlen unter US- und NATO-Streitkräften den höchsten Stand seit Kriegsbeginn. Im April und Mai stieg die Zahl der von den US-Streitkräften angeführten, in Afghanistan getöteten Besatzungstruppen auf 110 Menschen. Das ist der höchste jemals im Zeitraum von zwei Monaten erreichte Wert. Die Gesamtzahl der US-Opfer stieg auf 1.623, wobei schon 177 Soldaten in diesem Jahr getötet wurden.

Am Donnerstag gab das Pentagon den Tod des Gefreiten Ryan Larson bekannt, eines 19-Jährigen aus Friendship im Bundesstaat Wisconsin, der am Tag zuvor in der Provinz Kandahar durch eine Bombe am Straßenrand getötet worden war.

Larson trat der Armee im vergangenen Jahr vor seinem Schulabschluss bei. Sein Rektor sagte, er sei der Schülerpräsident der obersten Klasse gewesen und habe während seiner gesamten Schulzeit Bestnoten erhalten. Er spielte Trompete und war Mitglied im Baseball-, Ringkampf- und Geländelauf-Team.

Die Mutter und Großmutter des Jugendlichen flogen nach Dover Air Force Base in Delaware, um auf die Rückführung seiner sterblichen Überreste zu warten. Larson ist der fünfte Soldat aus Wisconsin, der dieses Jahr schon in Afghanistan getötet wurde.