Monate nach den Überschwemmungen in Pakistan sind sieben Millionen Menschen obdachlos

Von Sampath Perera
28. Oktober 2010

Sieben der einundzwanzig Millionen Pakistaner, die von den Überschwemmungen im Sommer betroffen waren, sind immer noch obdachlos, berichtete das pakistanische Büro der der Vereinten Nationen in dieser Woche. Und schätzungsweise vierzehn Millionen benötigen weiterhin dringend humanitäre Hilfe.

Diese Zahlen sind eine Anklage gegen die stümperhaft organisierten und dürftig finanzierten Anstrengungen der Fluthilfe.

Sie stellen auch eine Anklage gegen die imperialistischen Mächte dar. Unter Bedingungen einer Krise in Pakistan, die die UN immer wieder als die weltweit größte humanitäre Krise seit Jahrzehnten beschrieben haben, musste die Organisation mehrfach die “internationale Gemeinschaft” dringend dazu auffordern, Pakistan zu helfen.

Der westlich dominierte IWF und die Weltbank haben die Fluthilfen an ihre Forderungen gegenüber Pakistan gebunden, marktwirtschaftliche Reformen durchzuführen. Gleichzeitig hat Washington seinen Druck auf Pakistan verstärkt. Es soll seinen Krieg in den von der Zentralregierung kontrollierten Stammesgebieten ausweiten, der gegen, aufständische Gruppen gerichtet ist, die sich an den Taliban orientieren.

Pakistans Überschwemmungen begannen mit heftigen Regenfällen, die Ende Juli im Nordosten des Landes einsetzten, und dauerten an, weil die Fluten während der nächsten zwei Monate über die gesamte Länge des Indus-Tals hinwegströmten. Mehr Menschen als irgendwo anders wurden in der südlichsten Provinz des Landes in Sindh, vertrieben, obwohl den Behörden bereits seit Wochen Warnungen vor den drohenden Überschwemmungen. Vorlagen. Die überwiegende Mehrheit der Obdachlosen, kommt aus Sindh.

Angaben der Leitung der pakistanischen Behörde für nationalen Katastrophenschutz zufolge haben die Fluten 1.961 Menschen getötet. Aber diese Zahlen können wegen der Ausbreitung von Seuchen in den Flüchtlingslagern, der ungenügenden Nahrungsmittelhilfe und dem Zusammenbruch der Nahrungsmittelversorgung des Landes noch stark ansteigen.

Auf einer in Islamabad abgehaltenen Pressekonferenz am 18. Oktober, auf der ein “Floods in Pakistan Fact Update” [Aktualisierung der Fakten bezüglich der Überschwemmungen in Pakistan] bekannt gegeben wurde, sagte de UN-Sprecherin Stacey Winston: “Mindestens sieben Millionen Menschen sind in den von der Flut betroffenen Gebieten derzeit obdachlos.”

Dem Bericht zufolge zerstörten oder beschädigten die Überschwemmungen 1,9 Millionen Häuser und verwüsteten die öffentliche Infrastruktur in einem Areal von 50.000 Quadratkilometern - einer Fläche größer als die Niederlande. Über 10.000 Schulen und 558 Gesundheitseinrichtungen wurden schwer beschädigt.

Die UN hat internationale Geberländer aufgefordert, 346 Millionen US Dollar zur Verfügung zu stellen, um die Flutopfer mit Notunterkünften zu versorgen wie Zelten und Übergangsunterkünften, die auf die Überbrückung mehrerer Jahre – der Zeit in der feste Häuser gebaut werden können – ausgelegt sind. Bisher hat die UN nur zwanzig Prozent dieser Summe erhalten.

“Wir tun, was wir können, um das Beste aus den Ressourcen zu machen, die uns zur Verfügung stehen”, sagte Winston. “Aber es wird mehr Unterstützung benötigt, damit Familien eine Unterkunft erhalten, die ihnen in den bevorstehenden Wintermonaten Schutz bietet.”

Aus dem Zustandsbericht ging hervor, dass die Überschwemmungen mindestens 2,4 Millionen Hektar der Ernte vernichteten und zum Tod von 1,2 Millionen Nutztieren und sechs Millionen an Geflügel führten. Er fügte hinzu “Ohne entsprechende Futtermittel und tierärztliche Versorgung können noch mehr sterben.”

Obwohl die Fluten zurückgegangen sind, stellte der UN-Bericht eine weiterhin akute Gesundheitsgefährdung fest, weil sauberes Wasser, sanitäre Einrichtungen und die Möglichkeiten einer medizinischen Grundversorgung fehlen.

In den vergangenen zwei Monaten gab es mehr als eine Million Fälle von Durchfall, Hauterkrankungen und akuter respiratorischer Infektionen. Es gibt schätzungsweise 300.000 neue Fälle von Malaria und 921 bestätigte Dengue Fälle.

Eine weitere UN-Behörde, die IRIN, berichtet, dass die Menschen sich der vielfältigen Gesundheitsgefahren bewusst sind, aber vor erdrückenden Problemen stehen.

“Wir wissen, das Malaria ein Risiko ist, aber was erwartet man von uns, wenn wir kein Dach über dem Kopf haben, keine richtigen Kinderbetten, um Netze anzubringen und eine Situation, in der überall schmutziges Wasser steht?” erzählte Saghir Muhammad aus Thatta in Sindh, der von den Fluten vertrieben wurde, der IRIN.

Ein Regierungsbeamter in Thatta erklärte der IRIN, dass es keine Mittel gibt um die Tümpel mit stehendem Wasser trocken zu legen, die von den Fluten zurückgeblieben sind und ideale Brutstätten für die Malaria übertragenden Mücken sind : “Natürlich sollten [die Tümpel mit stehendem Wasser] trockengelegt werden, aber wir haben keine Ausrüstung, und es ist sowieso nicht einfach, soviel Wasser loszuwerden.”

Andere Gruppen und Behörden warnen vor der Bedrohung durch Hunger und Unterernährung.

Die Internationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung (IFRC) sagte, Millionen von Flutopfern könnten in diesem Winter Hunger leiden. Der Generalsekretär der IFRC, Bekele Geleta, wies darauf hin: “Im Gegensatz zu einem Erdbeben ist das eine langsam beginnende Katastrophe und ihr wahrer Umfang wird sich möglicherweise erst in einigen Monaten herausstellen.”

Angaben der IFRC zufolge ist die Unterernährung in ganz Pakistan auf vierzehn Prozent angestiegen und dreißig bis fünfzig Prozent der Kinder, die in den Gesundheitszentren ankommen, weisen Symptome einer akuten Unterernährung auf.

UNICEF zeichnet ein noch düstereres Bild für die Kinder, die von den Überschwemmungen betroffen sind. 125.000 Kinder unter fünf Jahren sind stark unterernährt und eine weitere halbe Million leiden an einer mittelschweren Unterernährung. Es schätzt, dass die 75.500 “stark” unterernährten Kinder zehnmal häufiger an Krankheiten sterben als die nicht so stark unterernährten.

Das Welternährungsprogramm (WFP) warnte in einem Bericht von vergangener Woche, dass schwere und mittlere Unterernährung “in einigen der von den Überschwemmungen betroffen Gebiete dramatisch ansteigen.” “Leider”, sagte WFP-Sprecherin Jackie Dent, “werden unsere Mittel knapp und im November erwarten wir bei einigen Hilfsgütern einen Einbruch im Nachschub.”

Drei Tage bevor die UN bekanntgab, dass sieben Millionen Menschen in Pakistan noch immer obdachlos sind, fand in Brüssel ein Treffen der Freunde eines Demokratischen Pakistans (FoDP) statt, eine Gruppierung die von den USA und den europäischen Mächte dominiert wird.

Auf dem Treffen, bei dem der pakistanische Außenminister Shah Mehmood Qureshi den Co-Vorsitz inne hatte, wurde über die jüngsten Berichte der Weltbank und der Asiatischen Entwicklungsbank beraten, nach denen die Überschwemmungen schätzungsweise Schäden in Höhe von 9,7 Milliarden US Dollar an Häusern, Schulen, Ernteeinbußen und indirekt durch zukünftige wirtschaftliche Verluste verursachten. Das sind weit weniger als die von der pakistanischen Regierung ursprünglich geschätzten $ 43 Milliarden Dollar.

Aber selbst wenn die niedrigere Schätzung richtig sein sollte, stellt sie mehr als ein Viertel des jährlichen Bruttosozialprodukt Pakistans dar.

Doch das Ausmaß der Katastrophe, vor der das pakistanische Volk steht, hielt die Versammlung nicht davon ab „fortgesetzte Anstrengungen der pakistanischen Regierung bei ihrem Programm zur Wirtschaftsstabilisierung und der nachhaltigen wirtschaftlichen Wiederbelebung, einschließlich einer Ausweitung der Besteuerungsgrundlage und der Einleitung weiterer Maßnahmen, um die größtmögliche, nachhaltige Entwicklung zu erzeugen und zu verbessern“ zu fordern.

Dies ist eine Forderung an Islamabad, die Umsetzung eines IWF-Restrukturierungsprogramm zu beschleunigen, das von der Regierung verlangt, Subventionen auf Energiepreise noch in diesem Geschäftsjahr auslaufen zu lassen oder an anderenfalls die Staatsausgaben zu senken und ein neue Umsatzsteuer einzuführen. Der IWF hat die letzte Tranche eines Darlehens über 11,3 Milliarden Dollar, das im Herbst 2008 ausgehandelt wurde, zurückgehalten und besteht darauf, dass die Mittel erst freigegeben werden, nachdem Islamabad diese sozialen Brandsätze umgesetzt hat.

Mit großem Tamtam hat die Obama Regierung mehrere hundert Millionen Dollar an Fluthilfen für Pakistan zugesagt. Aber sie nimmt diese aus Geldern, die schon im Rahmen eines 2009 beschlossenen Fünf-Jahres-Hilfeplans, dem Kerry-Lugar Gesetz, für Pakistan bereitgestellt worden sind. Und Washington ignoriert weiterhin die langjährigen Appelle an die Vereinigten Staaten, die Zölle für in Pakistan hergestellte Baumwollgüter, den größten Export-Posten des Landes, zu senken.