Warum wurde General McChrystal entlassen?

26. Juni 2010

Reaktionen im amerikanischen Establishment auf die Entlassung von General Stanley McChrystal weisen darauf hin, dass die abschätzigen Bemerkungen McChrystals und seiner Berater über Präsident Obama und andere hohe Zivilisten, die im Magazin Rolling Stone veröffentlicht wurden, nicht der Hauptgrund für seine Entlassung waren.

Vielmehr trieb der Artikel eine Krise auf die Spitze, die ihre Ursache darin hat, dass das amerikanische Militär nicht mehr in der Lage ist, den Widerstand der Bevölkerung Afghanistans gegen den Kolonialkrieg zu unterdrücken. Seit dem Scheitern der Offensive vom Februar in Mardschah wurde die Obama-Regierung immer unzufriedener mit McChrystals Führung. Die Entscheidung von Anfang des Monats, den Angriff auf Kandahar um mindestens drei Monate zu verschieben, wurde gemeinhin als peinlicher Rückschlag empfunden.

McChrystals Ruf als rücksichtsloser Aufstandsbekämpfer, der für den Tod Tausender Iraker verantwortlich ist, bewahrte ihn nicht davor, in letzter Zeit zum Zielobjekt wachsender Kritik zu werden. Ihm wird vorgeworfen, seine überzogene Sorge um zivile Opfer beeinträchtige die Effektivität der Operation in Afghanistan.

Dabei hat McChrystals Anliegen nichts mit humanitären Überlegungen zu tun. Er geht vielmehr von der kühlen Kalkulation aus - der Artikel in Rolling Stone spricht von McChrystals "Aufstandsmathematik -, dass jede unschuldig getötete Person den Taliban zehn neue Anhänger in die Arme treibt.

Der Artikel von Michael Hastings befasst sich nur relativ kurz mit den Bemerkungen McChrystals und seiner Berater über führende amerikanische Zivilisten in Afghanistan. Es sind, wie nicht anders zu erwarten, ziemlich grobe Äußerungen, die jedoch weder für Obama noch für das Pentagon wirklich überraschend kamen. Die faschistoiden und verkommenen Kreise um McChrystal sind ihnen lange bekannt. Hastings beschreibt die Mannschaft des Generals ziemlich treffend als "eine handverlesene Bande von Killern, Spionen, Genies, Patrioten, politischen Handlangern und regelrecht Verrückten".

McChrystals Bemerkungen über Obama, Vizepräsident Joseph Biden und Sonderbotschafter Richard Holbrooke wurden überall zitiert. Aber Hastings geht viel ausführlicher auf die Beschwerden amerikanischer Soldaten ein, dass McChrystal ihnen mit seinen Einsatzregeln die Hände binde. Diese Regeln schränken Luftschläge und Granatenbeschuss gegen potentiell zivile Ziele stark ein und beeinträchtigen das Recht amerikanischer Truppen, die Häuser von Zivilisten zu durchsuchen.

Hastings schreibt: "McChrystals Direktiven für die Vermeidung ziviler Opfer gehören zu den striktesten, die das amerikanische Militär jemals in einer Kriegszone angewendet hat." Er fährt fort: "Aber mag McChrystals neuer Marschbefehl auch strategisch gedacht sein - er führt bei seinen eigenen Truppen zu intensiven Reaktionen. Der Befehl, weniger zu schießen, beschweren sich Soldaten, bringe sie in größere Gefahr. ‚Schlussfolgerung?’ fragt ein ehemaliges Mitglied der Special Forces, der schon Jahre in Irak und Afghanistan verbracht hat. ’Ich würde McChrystal am liebsten in die Eier treten. Seine Einsatzregeln sind eine zusätzliche Gefahr für das Leben der Soldaten. Jeder echte Soldat wird dir das Gleiche sagen’."

Hastings berichtete über ein Treffen in der Nähe von Kandahar zwischen McChrystal und erzürnten Truppen: "Die Soldaten beschweren sich, keine tödliche Gewalt anwenden zu dürfen, und weil sie Aufständische aus Mangel an Beweisen wieder freilassen müssen. Sie wollen kämpfen - wie im Irak und in Afghanistan vor McChrystal."

Ob diese Ansicht bei Soldaten wirklich weit verbreitet ist, sei dahingestellt. Aber es scheint, dass die Elite in Washington, die das politische Sagen hat, und die Medien solche Argumente aufgreifen. Hastings eigener Standpunkt - und der vieler Kritiker McChrystals im Establishment - scheint durch, wenn er schreibt: "Was Afghanistan betrifft, ist die Geschichte nicht auf McChrystals Seite. Der einzige ausländische Invasor, der je einigen Erfolg hatte, war Dschinghis Khan, - und der musste sich nicht mit Problemen herumschlagen wie den Menschenrechten, der wirtschaftlichen Entwicklung und der Kontrolle durch die Presse."

Vor dem Treffen am Mittwoch von Obama und McChrystal im Weißen Haus, bei dem der General seinen Rücktritt einreichte, schaltete sich die New York Times ein. Ihr Afghanistan-Korrespondent C.J. Chivers brachte einen Artikel unter der Überschrift "Krieger über Einsatzregeln verärgert".

Der Artikel setzt sich dafür ein, dass die USA "die Handschuhe ausziehen" und den Krieg gegen die afghanische Bevölkerung dramatisch verschärfen. Chivers zitiert anonyme Soldaten, die über McChrystal schimpfen, weil er Luftangriffe und Artilleriebeschuss beschränkt hat, und erklärt: "In dem Maße, wie die Gewalt in Afghanistan zunimmt, gibt es ein merkliches und ansteigendes Unwohlsein bei den Truppen über eine der umstrittensten Fragen, wie der Krieg zu führen sei: Wann und wie darf tödliche Gewalt eingesetzt werden?"

Er fährt fort: "Die Einsatzregeln verlagern das Risiko von afghanischen Zivilisten auf westliche Kämpfer... Junge Offiziere, Soldaten und Marines sprechen davon, ‘mit gebundenen Händen’ kämpfen zu müssen...

Niemand will eine Lockerung der Einsatzregeln, wenn dadurch mehr Zivilisten getötet werden", schreibt er weiter. Aber genau das fordert die New York Times.

In ihrem Leitartikel vom Dienstag verlangt die Times unter dem Titel "Afghanistan nach McChrystal" eine "ernsthafte Einschätzung der militärischen und zivilen Strategien". Dann folgen Worte, die den Leser frösteln lassen: " Solange sich die Aufständischen keine richtig blutige Nase geholt haben, werden sie nicht aufhören, die volle Rückgabe der Macht an sie zu verlangen. Berichte, dass einige Vertreter des Außenministeriums ebenfalls eine schnelle Einigung mit den Taliban befürworten, sind besorgniserregend." [Hervorhebung hinzugefügt].

Die New York Times ist die autoritative Stimme der liberalen Entscheidungsträger in der Demokratischen Partei. Diese Sätze gewähren Einblick in die tieferen Gründe für McChrystals Entlassung. Offenbar haben die Vereinigten Staaten nach Meinung der Times ihren Gegnern, die sich in Afghanistan gegen die ausländische Besatzung wehren, in den letzten acht Jahren keine "richtig blutige Nase" verpasst.

Zehntausende Afghanen sind von den US- und Nato-Truppen schon getötet worden. Niemand kennt das genaue Ausmaß des Blutbads, weil Washington sich nicht die Mühe macht, seine Opfer zu zählen. Zehntausende sind verwundet, in amerikanische Gefängnisse gesperrt und gefoltert worden.

Diese Terror- und Mordkampagne verfolgt das Ziel, den völlig legitimen Kampf des afghanischen Volkes um seine nationale Befreiung von einem kolonialen Eroberer im Blut zu ertränken. Das Hauptproblem der USA besteht darin, dass nach acht Jahren Krieg und drei Jahrzehnten Subversion und Provokation der Widerstand der afghanischen Massen gegen den amerikanischen Imperialismus wächst. Die Antwort der amerikanischen herrschenden Elite besteht darin, noch mehr Afghanen zu ermorden.

Der Krieg in Afghanistan ist ein Verbrechen gegen die Menschheit, und die Verantwortlichen an diesem Krieg sind Kriegsverbrecher.

Deshalb muss alles getan werden, um den Widerstand in der amerikanischen und internationalen Arbeiterklasse zu verdoppeln.

Siehe auch:
Obamas Eskalation in Afghanistan und der Niedergang der Demokratie
(19. Dezember 2009)

Barry Grey