Ein Brief und eine Antwort zu Theodor Adorno

Von Stefan Steinberg
14. November 2009

Ich bin, gelinde gesagt, von der Ignoranz des Autors enttäuscht, was Werk und Ideen von Theodor Adorno betreffen, des großen marxistischen Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts. Sein und Horkheimers Werk Dialektik der Aufklärung (1941) ist vor allem eine Antwort auf den deutschen Nationalsozialismus und auf faschistische/autoritäre Herrschaftssysteme in den übrigen Industriestaaten der damaligen Zeit. Das Buch (das aus einer Reihe von Essais besteht) weist darauf hin, dass es dem Projekt der Aufklärung nicht gelungen ist, sein Gesellschaftsversprechen einer allgemeinen Verbesserung der Menschheit zu erfüllen, weil es in den Kapitalismus mündete, und dass mehr und wahre Aufklärung, nicht weniger, vonnöten ist.

Adorno war außerdem durch seine Lehre, Schriften und öffentliches Auftreten (er starb 1969) der wichtigste Gegner des früheren Nazi-Philosophen Martin Heidegger, und von faschistischem Gedankengut und dem Gedankengut der Herrschenden allgemein. Adorno genoss in den letzten Monaten seines Lebens ein beachtliches Renommee unter linken Studentenaktivisten in Frankfurt, was jedoch seiner unbeugsamen (und schließlich tragischen) Opposition gegen autoritäre Systeme, wo immer sie sich im Nachkriegs-Deutschland zeigten, geschuldet war. Adorno war sein Leben lang Antifaschist und ein pro-sozialistischer Philosoph im besten Wortsinn. Der Autor eures Artikels sollte, statt ahnungslos die Meinung anderer zu verbreiten, lieber ernsthaft lesen und selber denken.

RD

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Lieber RD,

Ich stimme in keiner Weise mit Ihrer Einschätzung von Theodor Adorno als "großem marxistischen Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts" überein. Sie sind nicht der Einzige, der diese Ansicht über Adorno vertritt, aber das macht Ihren Standpunkt in keiner Weise besser.

Vom Beginn seiner Tätigkeit als führendes Mitglied der Frankfurter Schule an hat Adorno die Grundmaxime des Marxismus abgelehnt, die darin besteht, dass die ökonomischen Verhältnisse die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse bestimmen. Sowohl Adorno als auch der Leiter der Frankfurter Schule, Max Horkheimer, betrachteten diese Auffassung als nicht ausreichend, um neue politische Phänomene, besonders das Auftauchen des Faschismus in Deutschland, zu erklären. Sie bezogen sich auf das Werk Siegmund Freuds und versuchten, den Aufstieg des Nationalsozialismus in erster Linie durch psychosoziale Faktoren zu erklären.

Statt die Wurzeln für das Aufkommen des Faschismus im Zusammenspiel lebendiger politischer Kräfte und Parteien vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise aufzuspüren, verfassten die führenden Mitglieder der Frankfurter Schule Essays und soziologische Studien, um ihre vorgefasste Meinung zu untermauern: dass die Arbeiterklasse politisch vollkommen ohnmächtig sei.

Horkheimer gab einem Abschnitt seiner Notizen- und Schriften-Sammlung Dämmerung (1928-34) die Überschrift: "Die Ohnmacht der deutschen Arbeiterklasse". Schon damals war er zum Schluss gekommen, dass die Integration der Arbeiterklasse in den kapitalistischen Produktionsprozess sie der Fähigkeit beraubt habe, den Sozialismus zu erkämpfen. Theodor Adorno stimmte in diesem Punkt mit Horkheimer überein. Rolf Wiggershaus schreibt in seinem Werk über die Geschichte der Frankfurter Schule mit Blick auf diese Periode: "Keiner von ihnen [den Leitern der Frankfurter Schule] setzte Hoffnungen auf die Arbeiterklasse. ... Adorno sprach der Arbeiterklasse ausdrücklich jede progressive Rolle ab." (Die Frankfurter Schule - Geschichte, Theoretische Entwicklung, Politische Bedeutung, DTV 1988, S. 143)

Adorno leugnete nicht nur die wirtschaftlichen und politischen Wurzeln des Faschismus und schrieb die Arbeiterklasse als Trägerin einer progressiven Veränderung ab, auch seine Haltung zum Stalinismus war nicht besser.

Sie entsprach dem Standpunkt, den viele linke Intellektuelle auf der Flucht aus Deutschland angenommen hatten: "Solange Hitler lebt, darf es keine Kritik an Stalin geben!" Adorno sprach sich ausdrücklich dafür aus, über Stalins monströse Unterdrückung der Linken Opposition Stillschweigen zu bewahren.

Auf dem Höhepunkt der Moskauer Prozesse schrieb Adorno, die einzig loyale Haltung bestehe im Moment darin, sich ruhig zu verhalten. In einem Brief an Horkheimer forderte er die Gruppe auf, "Disziplin zu halten und nichts zu publizieren, was Russland zum Schaden ausschlagen kann".

Nur wenige Jahre später sollte das sowjetische und internationale Proletariat einen schrecklichen Preis für solches Schönreden bezahlen: Stalin schloss einen Pakt mit Hitler, der den Nationalsozialisten die nötige Zeit verschaffte, um ihren Überfall auf die Sowjetunion vorzubereiten.

Demoralisiert durch den Aufstieg von Faschismus und Stalinismus, gaben Adorno und Horkheimer in den 1940er Jahren schließlich auch die letzten Reste ihrer sozialistischen Phraseologie auf.

Zoltan Tar schreibt in seinem Buch über die Frankfurter Schule, Adorno und Horkheimer hätten auf die drängenden politischen Probleme der damaligen Zeit reagiert, indem sie den Begriff einer Klassenanalyse vollständig aufgegeben hätten. "In ihren Schriften der 1940er Jahre ersetzten Horkheimer und Adorno die Konzepte des Klassenkonflikts immer mehr durch das Konzept des Konflikts von Mensch gegen Natur, als Teil der Theorie der universellen Beherrschung. Der Ausdruck ‚Klasse’ verschwindet aus der Terminologie der Kritischen Theorie. Diese Verschiebung wurde durch eine Kombination soziologischer und psychologischer Faktoren bedingt, wie zum Beispiel das Versiegen jeder revolutionären Arbeiterbewegung, den Höhepunkt des faschistischen Siegeszugs, die schwindende Hoffnung auf die Möglichkeit eines wahren Sozialismus in der Sowjetunion und die Isolation der Autoren in Amerika." (The Frankfurt School, Schocken, 1985, p. 80, aus dem Englischen)

Dialektik der Aufklärung

In ihren messianischen Text Dialektik der Aufklärung ließen Adorno und Horkheimer die ganze Frustration und Verzweiflung einfließen, die die Entwicklung in Deutschland (und übrigens auch in Amerika, wo sie die längste Zeit ihres Exils verbrachten) in ihnen ausgelöst hatte. Sie verfassten das Werk gemeinsam im Jahr 1944; veröffentlicht wurde es drei Jahre später. Mit dem Buch hatten sie sich "nichts weniger als die Erkenntnis" vorgenommen, "warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt". (Vorrede zu Dialektik der Aufklärung)

Wie erklären nun Adorno und Horkheimer den Absturz in die Barbarei in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts? In einem zusammenhanglosen und zuweilen völlig abstrusen Text greifen Adorno und Horkheimer in die Geschichte zurück und beschwören die Reisen und Mühen des Odysseus herauf, um ihren Angriff auf vernünftiges Denken, Wissenschaft und Technologie zu rechtfertigen. In Dialektik der Aufklärung halten die zwei Führer der Frankfurter Schule Zwiegespräch mit dem französischen Schriftsteller Marquis de Sade und dem deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche, nur um zum Schluss zu kommen, dass jeder Versuch des Menschen, Kontrolle über die Natur zu erlangen, unvermeidlich in der Barbarei enden müsse.

Horkheimer und Adorno greifen teilweise die Kritik an der modernen kapitalistischen Gesellschaft auf, die der Soziologe Max Weber Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geübt hatte, und erklären, dass instrumentelle Vernunft (d.h. der Versuch, die Welt wissenschaftlich zu verstehen und umzuwandeln) zwangsläufig zur Unterdrückung des Individuums führen müsse. Adorno und Horkheimer wiederholen Nietzsches Missbehagen am Fortschritt ("Der Fortschritt ist bloß eine moderne Idee, das heißt eine falsche Idee") und schreiben: "Der Fluch des unaufhaltsamen Fortschritts ist die unaufhaltsame Regression."

In einer Gleichsetzung jeglicher Vernunft mit den Auffassungen großer Denker der Aufklärung im 18. Jahrhundert halten Adorno und Horkheimer dafür, dass der Versuch, die Natur durch Wissenschaft zu beherrschen, zwangsläufig und unabhängig von Form und Zusammensetzung der Gesellschaft zu Unterdrückung führen müsse: "Schrecken und Zivilisation [sind] untrennbar ... Man kann nicht den Schrecken abschaffen und Zivilisation übrigbehalten."

Adorno, so nimmt man generell an, war der hauptsächliche Verfasser der Texte, die in Dialektik der Auffassung enthalten sind.

Zusammenfassend kann man sagen:

1) Adorno (und Horkheimer) lehnen das marxistische Axiom vollkommen ab, dass die ökonomischen Verhältnisse für die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse bestimmend sind.

2) Adorno (und Horkheimer) betonen wiederholt ihre Überzeugung, dass die Arbeiterklasse politisch "ohnmächtig" sei.

3) Adorno weigerte sich, zu den Moskauer Prozessen Stellung zu beziehen und sie zu verurteilen, obwohl er und andere führende Mitglieder der Frankfurter Schule sich sehr wohl darüber im Klaren waren, was in der Sowjetunion passierte.

4) In Dialektik der Aufklärung setzen Adorno (und Horkheimer) an die Stelle des marxistischen Konzepts von der Entfremdung als besonderer Form, in der die Arbeiter in der kapitalistischen Gesellschaft vom Produkt ihrer Arbeit getrennt sind, ein generelles Unwohlsein, das die Menschheit in jeder Art von Produktionsgesellschaft heimsuchen müsse. Für Adorno bestand die einzige Möglichkeit der Erlösung in einer Art Utopie, die das Produktionsprinzip ablehnte. Er schrieb: "Vielleicht wird die wahre Gesellschaft der Entfaltung überdrüssig und lässt aus Freiheit Möglichkeiten ungenützt, ... Rien faire comme une bête, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, ‚sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung’ ... Keiner unter den abstrakten Begriffen kommt der erfüllten Utopie näher als der vom ewigen Frieden." (Minima Moralia, Reflexionen aus dem beschädigten Leben)

5) Mindestens seit dem zweiten Weltkrieg lehnten Adorno und Horkheimer eine Klassenanalyse der Gesellschaft immer stärker ab.

Alle diese Positionen sind mit einer marxistischen Weltanschauung oder mit dem Kampf für Sozialismus unvereinbar.

Zum Schluss schreiben Sie noch, dass Adorno der wichtigste Gegner des Werks von Martin Heidegger gewesen sei. Es ist wahr, dass Adorno sein Buch Jargon der Eigentlichkeit gegen einen Teil von Heideggers Denken schrieb. Aber die Beziehung zwischen den beiden war zum Mindesten ambivalent. In den 1930er Jahren sprachen Horkheimer und Adorno sehr positiv über Heideggers Werk. Sogar noch nach dem Krieg schlug Adorno Horkheimer vor, eine Kritik über Heideggers Buch Holzwege zu schreiben, und bemerkte, Heidegger sei in gewisser Weise "nicht allzu verschieden von uns".

Mehrere Schriftsteller haben auf die Ähnlichkeiten zwischen dem Denken Adornos und Heideggers hingewiesen, besonders auf ihre ähnliche Auffassung von der Entfremdung und, vor allem, ihre Auffassung von Kunst und Kultur als Flucht oder Ersatz für politisches und philosophisches Engagement. (Siehe z.B. Kapitel 24 in Rüdiger Safranskis Buch Ein Meister aus Deutschland: Heidegger und seine Zeit.)

Ohne Zweifel verfügten Adorno, Horkheimer und andere Mitglieder der Frankfurter Schule über beträchtliche intellektuelle Fähigkeiten. Sie überragen bei Weitem den aufgeblähten Obskurantisten Peter Sloterdijk. Aber unter den besonders schwierigen politischen Verhältnissen der 1930er Jahre konnte Adorno die Ursachen für den Aufstieg von Faschismus und Stalinismus weder verstehen noch erklären. Dies hatte katastrophale Konsequenzen für die politische, theoretische und philosophische Orientierung der Frankfurter Schule.

In jener Zeit der gewaltigen Rückschläge für die internationale Arbeiterklasse waren nur Leo Trotzki und seine Anhänger von der Internationalen Linken Opposition in der Lage, die Kontinuität der wirklich marxistischen und sozialistischen Analyse zu bewahren und weiter zu entwickeln.

Stefan Steinberg

Siehe auch:
Philosoph Peter Sloterdijk verteidigt Sarrazins rassistische Ausfälle
(28. Oktober 2009)
Rassismus aus der Bundesbank
( 9. Oktober 2009)
Der Aufstieg des Faschismus in Deutschland und der Zusammenbruch der Kommunistischen Internationale
( 22. Dezember 2005)