Wofür sterben die Nato-Soldaten in Afghanistan

Von Bill Van Auken
30. Oktober 2009

Mindestens 21 US-Soldaten und Angehörige von Marineeinheiten sind seit dem Ende der letzten Woche in Afghanistan getötet worden. Damit steigt die Todesrate im Oktober auf den höchsten Stand in einem Monat, seit die US-Truppen das Land vor acht Jahren besetzt haben. Weit mehr noch sind durch Bomben, Panzerabwehrraketen und Handfeuerwaffen verletzt worden.

Zu den Todesopfern der letzten Tage gehört eine 24-jährige Mutter zweier kleiner Töchter aus Kalifornien, Sergeant Eduviges Wolf, die an den Verletzungen starb, die sie beim Beschuss ihres Wagens durch eine Panzerabwehrrakete in der Provinz Kunar erlitten hatte.

Devin Michel, ein 19-jähriger Gefreiter, der erst vor etwas über einem Jahr die HighSchool verlassen hat, wurde durch eine Bombe an einer Straße in der Provinz Zhari getötet.

Gregory Fleury, ein 23-jähriger Unteroffizier, verlor sein Leben bei einem von drei Hubschrauberunglücken am letzten Sonntag. Die Zeitung Anchorage Daily News zitierte seinen Großvater, der sagte, dass Fleury eigentlich, nachdem er zwei Dienstperioden im Irak absolviert hatte, seinen aktiven Dienst beenden sollte. Aber die Regierung habe "seinen Dienst verlängert" und ihn nach Afghanistan geschickt. Anfang November hätte er nach Hause kommen sollen.

Die Ausdehnung des Krieges, die Präsident Barack Obama voraussichtlich bald bekannt gibt, wird die Anzahl der Kriegsopfer weiter erhöhen, da Zehntausende Soldaten und Marineeinheiten zusätzlich nach Afghanistan geschickt werden sollen, um den Widerstand der dortigen Bevölkerung gegen die Besatzung zu unterdrücken.

Wofür werden diese Opfer gebracht? Warum werden junge Männer und Frauen, mehr als 11.000 km von den USA entfernt, in einen schrecklichen Tod geschickt? Warum sollen sie mit schlimmen Unterdrückungsmaßnahmen gegen eine Bevölkerung vorgehen, die ihre Anwesenheit nicht haben will?

Diese Fragen stellen sich umso deutlicher, nachdem aufgedeckt wurde, dass der US-Geheimdienst Central Intelligence Agency (CIA) seit acht Jahren den Bruder von Präsident Hamid Karsai, eine Schlüsselfigur im Millionen schweren Drogengeschäft Afghanistans, auf seiner Gehaltsliste führt.

Die Verbindungen der CIA mit Ahmed Wali Karsai werfen "wesentliche Fragen über Amerikas Kriegsstrategie auf, wie sie gegenwärtig vom Weißen Haus bestimmt wird", meinte die New York Times in einem Bericht vom Mittwoch über diese Verbindung.

Das ist vornehm ausgedrückt, denn die Verbindungen zwischen Karsais Bruder und der CIA sind ein weiterer Beweis dafür, dass "Amerikas Kriegsstrategie" ein kriminelles Unternehmen ist, das mit verbrecherischen Methoden geführt wird.

Die Zeitung beschreibt eine äußerst enge Beziehung zwischen der CIA und Ahmed Wali Karsai, der dabei half, eine paramilitärische Einheit namens Kandahar Strike Force aufzubauen, die "unter Anweisung der CIA operiert" und Leute ermordet, die als "Aufständische" verdächtigt werden.

CIA-Agenten für besondere Aufgaben benutzen inzwischen Gelände, das Karsai zur Verfügung stellt, als Stützpunkt für eigene Operationen im Süden des Landes.

Laut Times erklären amerikanische Offiziere und Behördenvertreter, dass "die Rolle, die Mr. Karsai mutmaßlich im Drogenhandel spielt, zusammen mit den ihren Worten nach mafiaähnlichen Strukturen der Stammesfürsten im südlichen Afghanistan ihn zu einer bösartigen Kraft macht." Dennoch bleibt er einer der wichtigsten Aktivposten der USA im Lande.

Afghanistan liefert zurzeit 90 Prozent des Heroins auf der Welt. Seit der US-Invasion hat die Opiumproduktion in diesem Land um mehr als 300 Prozent zugenommen.

Die CIA nutzt seit Langem Verbindungen zum Drogenhandel. Vor 1979 gab es in Afghanistan und Pakistan keinen bedeutenden Anbau von Schlafmohn und keine Heroinproduktion. Beide Länder wurden als Nebeneffekt der CIA-Unterstüzung für die islamistischen Mujaheddin, die gegen die von der Sowjetunion unterstützte Regierung in Kabul kämpften, zum Zentrum der Heroinproduktion. Die USA lieferten Milliarden von Dollars, Geld und Waffen für diesen Krieg, und die Drogen bildeten eine zusätzliche Finanzquelle zur Ausrüstung der von der CIA unterstützten Guerillabewegung.

Während des Krieges gegen Nikaragua in den 1980er Jahren verschafften Kokain-Exporte in die USA die Mittel zur Ausrüstung der von der CIA unterstützten Contras, nachdem der US-Kongress die offizielle Finanzierung gestoppt hatte. Und im Vietnamkrieg verbündete sich die CIA mit im Drogenhandel tätigen Warlords in Laos, die ihrerseits ihren Absatzmarkt bei den US-Soldaten fanden.

In all diesen Kriegen hinterließ die US-Intervention Tod, Zerstörung und soziale Verelendung einschließlich der Verbreitung und des Konsums von Drogen. So wird ein Anwachsen der Heroinsucht in den USA und auf der ganzen Welt eine unvermeidbare Begleiterscheinung der Intervention in Afghanistan sein.

Sterben US- und Nato-Soldaten, um eine Regierung an der Macht zu halten, die von mit Drogen handelnden Warlords beherrscht wird? Werden in den kommenden Monaten noch mehr sterben, um eine weitere betrügerische Wahl zu schützen, die dieser Regierung den Anschein von Legitimität verleihen soll?

Es scheint so. Die Karsais und die mit ihnen verbündeten Warlords sind allerdings selbst nur Marionetten der US-Politik. Washington benutzt sie als Mittel zum Zweck.

Der Zweck ist offenkundig nicht die Förderung der "Demokratie". Auch gegen den Terrorismus in Afghanistan kämpfen die 100.000 Soldaten der USA und der NATO nicht. Dort gibt es nach Angaben von Vertretern des Militärs nicht mehr als 100 Mitglieder der Al-Kaida.

Die wirklichen Kriegsziele wurden recht offen in einem Artikel von Dr. Stephen Blank ausgesprochen, der letztes Jahr in dem Magazin des US Army War College erschien. Blank ist Professor für Nationale Sicherheitsstudien an dieser Hochschule.

Der Titel des Artikels lautet: "Die strategische Bedeutung Zentralasiens aus amerikanischer Sicht". Der Autor hält sich nicht lange mit der angeblichen Bekämpfung der Al-Kaida oder dem Aufbau von Demokratie in Afghanistan auf.

Blank legt dar, dass die USA in Zentralasien eine Politik der "Türöffnung" für amerikanische Firmen verfolgen, "die sich um die Entdeckung, Ausbeutung und Vermarktung von Energie bemühen". Die US-Politik, schreibt er, habe zum Ziel, zu verhindern, dass in Zentralasien "russische Energiemonopole entstehen" oder die Region durch China beherrscht wird. Auch versuche man den Iran, einen anderen regionalen Rivalen, zu isolieren.

"Es ist nicht verwunderlich", fährt Blank fort, "dass das Leitmotiv der US-Engergiepolitik die Entwicklung diverser Pipelines und Verbindungslinien zu auswärtigen Nutzern und Energieproduzenten ist", mit denen die Kontrolle dieser regionalen Rivalen umgangen werde. Die wichtigste, so schreibt er, sei die geplante Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan (TAP)-Pipeline, durch die Öl und Erdgas von Zentralasien durch das Gebiet geleitet werden soll, das gegenwärtig von US-Truppen besetzt ist.

Den kommenden höheren Offizieren der US-Armee wird anscheinend ein sehr viel konkreteres Ziel vermittelt als den einfachen Soldaten und Marineeinheiten, denen erzählt wird, dass sie für Demokratie und gegen Terrorismus kämpfen und sterben.

Das amerikanische Militär kämpft in Afghanistan als Teil des "Great Game", des "Großen Spiels" des 21. Jahrhunderts, in dem der amerikanische Imperialismus versucht, auf Kosten seiner strategischen Rivalen Zentralasien und seine Energiereserven zu beherrschen.

Kein Zweifel, die Obama-Regierung wird fortfahren, diese Ziele zu verfolgen, indem sie den Krieg in Afghanistan ausweitet.

Die Kosten für diesen Krieg belaufen sich jetzt auf 3,6 Milliarden Dollar im Monat und werden durch die Entsendung weiterer Truppen noch steigen. Die arbeitende Bevölkerung in den USA wird sie durch Angriffe auf ihren Lebensstandard und ihre Sozialleistungen zu bezahlen haben. Die Zahl der toten und verletzten amerikanischen Soldaten und Marineeinheiten wird ebenso ansteigen wie die Tötung von afghanischen und pakistanischen Zivilisten.

Die Interessen der Arbeiterklasse in den USA und international stehen im Gegensatz zu den Interessen, die durch das Töten und Sterben in diesem so genannten AfPak-Krieg verfolgt werden. Die arbeitenden Menschen müssen den sofortigen und bedingungslosen Rückzug aller amerikanischen und internationalen Truppen aus der Region verlangen. Sie müssen fordern, dass die Bestrebungen des Imperialismus, Zentralasien zu beherrschen, beendet werden.