60 Jahre nach der chinesischen Revolution: Lehren für die Arbeiterklasse

Von John Chan
2. Oktober 2009

Heute vor 60 Jahren ergriff die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) unter der Führung von Mao Zedong die Macht und rief die Volksrepublik China aus.

Die revolutionäre Erhebung in China war Teil eines weltweiten Aufschwungs der Arbeiterklasse und der unterdrückten Massen nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie in anderen Teilen Asiens, Lateinamerikas und Afrikas waren Millionen Arbeiter und Bauern entschlossen, das Joch der Kolonialherrschaft abzuwerfen, das in China in den 1930er Jahren die Form einer brutalen militärischen Besetzung durch Japan angenommen hatte. Trotz des enormen Ausmaßes der Kämpfe war die Revolution von 1949 nicht sozialistisch oder kommunistisch. Sie brachte nicht die Arbeiterklasse an die Macht, sondern Maos Bauernarmeen.

Heute ist jedem klar, dass China trotz seines "kommunistischen" Anspruchs voll und ganz in die globale kapitalistische Wirtschaft integriert ist und deren wichtigstes Billiglohnland darstellt. Wie sonst kann man sich die Glückwünsche zweier konservativer amerikanischer Ex-Präsidenten (Bush sen. und Bush jun.) zum 60. Jahrestag der chinesischen Revolution, oder die Beleuchtung des Empire State Buildings in New York mit den chinesischen Revolutionsfarben Rot und Gelb zur Feier dieses Tages erklären? Die Wall Street weiß die Dienste des chinesischen Polizeistaats bei der Disziplinierung von Millionen von Arbeitern im Dienst globaler Konzerne sehr zu würdigen, ganz zu schweigen von dem Kauf ungeheurer Mengen amerikanischer Staatsanleihen durch die chinesische Regierung.

Diese Feierlichkeiten stehen nicht im Widerspruch zum Maoismus und der chinesischen Revolution von 1949, sondern sind ihre logische Folge. Zwar wurde die chinesische KP 1921 als Reaktion auf die Russische Revolution von 1917 auf der Grundlage des Marxismus gegründet, sie wurde aber bald schon vom Aufstieg des Stalinismus in der Sowjetunion sehr stark beeinflusst. Unter den Bedingungen der Isolation des ersten Arbeiterstaats konnte die Stalin-Clique als Vertreterin eines konservativen bürokratischen Apparats nach dem Tod Lenins 1924 die Macht an sich reißen. Sie tat das auf der Grundlage der Zurückweisung des sozialistischen Internationalismus

Stalin griff besonders Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution an, die besagte, dass in Ländern mit einer verspäteten kapitalistischen Entwicklung nur die Arbeiterklasse in der Lage ist, die nationalen, demokratischen Aufgaben zu erfüllen. Nach seiner Machteroberung an der Spitze der unterdrückten Massen sei das Proletariat gezwungen, als Teil des breiteren internationalen Kampfs für den Sozialismus sozialistische Maßnahmen zu ergreifen. Trotzkis Permanente Revolution, die sich als exakter theoretischer Kompass für die Ereignisse von 1917 erwiesen hatte, wurde für die privilegierte Position der Bürokratie zu einer untragbaren Bedrohung. Ihre Interessen wurden von der reaktionären stalinistischen Theorie des "Sozialismus in einem Land" zusammengefasst.

In China zwang Stalin die junge KP sich mit der nationalistischen Kuomintang (KMT) zu vereinigen, um sein opportunistisches Bündnis mit dieser bürgerlichen Partei zu stärken. Er wies die Lehren der russischen Revolution offen zurück und erklärte, dass die chinesische Revolution zwei Stadien durchlaufen müsse. Zuerst müsse die chinesische Bourgeoisie die nationalen, demokratischen Aufgaben lösen; der Sozialismus komme dann erst in fernerer Zukunft. In der Revolution von 1925-27 erwies sich die chinesische Kapitalistenklasse dann aber als noch korrupter als die russische. Von dem revolutionären Aufschwung in Schrecken versetzt, ertränkte die KMT die KPCh und die Arbeiterklasse in Blut. Eine Niederlage, die wiederum nur die Macht der stalinistischen Bürokratie in Moskau stärkte.

In der Zeit nach 1927 entwickelten sich innerhalb der KPCh zwei Tendenzen. Eine wandte sich der Linken Opposition zu, welche vor der Katastrophe, die von Stalin verursacht war, gewarnt hatte, und unterstützte Trotzkis Permanente Revolution. Die andere kam unter der Führung von Mao zu dem Schluss, das Problem sei nicht der Stalinismus, sondern die organische Unfähigkeit der Arbeiterklasse, die Revolution anzuführen. Die KPCh schloss die Trotzkisten aus, zog sich unter Maos Führung von der städtischen Arbeiterklasse zurück und wandte sich den Bauern und dem Guerillakampf zu.

In einem außergewöhnlich scharfsichtigen Artikel wies Trotzki 1932 darauf hin, dass Maos "Rote Armee" eine der Arbeiterklasse feindliche Bewegung von Kleineigentümern sei. Ihre Feindschaft wurzelte in den unterschiedlichen Klassenstandpunkten von Proletariat und Bauernschaft. Die erstere repräsentiert die gesellschaftliche Großproduktion, die letztere einen Teil der verfallenden Mittelschichten, die die städtische Industrie und Kultur ablehnten. Wenn sie die Städte erobern sollten, warnte Trotzki, würden die Bauernarmeen jede unabhängige Bewegung der Arbeiterklasse unterdrücken, wobei bestimmte Kreise der Führungsschicht im Lauf der Zeit Teil der Bourgeoisie werden würden.

Diese Analyse wurde 1949 bestätigt. Wie die stalinistischen Parteien weltweit nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte auch die KPCh zunächst eine Koalitionsregierung mit der bürgerlichen KMT zu bilden, was aber scheiterte. Vom Beginn des Kalten Kriegs gegen die Sowjetunion ermutigt, begann der KMT-Führer Tschiang Kaischek einen verzweifelten Bürgerkrieg gegen die KPCh. Der Ausgang wurde nicht so sehr von Maos weit überschätzten militärischen Fähigkeiten bestimmt, sondern von der tiefgreifenden ökonomischen und politischen Schwäche des KMT-Regimes, das buchstäblich implodierte. Wie Trotzki gewarnt hatte, unterdrückte Maos neue "kommunistische" Regierung jede unabhängige Initiative der Arbeiterklasse und schützte das Privateigentum. Nichts in der Art wie die demokratisch gewählten Arbeiterräte oder Sowjets der Russischen Revolution wurden errichtet. Die ständige Angst des Regimes vor der Arbeiterklasse fand 1952 seinen Ausdruck in der Inhaftierung der chinesischen Trotzkisten.

Das leitende Prinzip des neuen Regimes war nicht der Sozialismus, sondern Maos "neues demokratisches Stadium", das eine Koalition mit kapitalistischen Parteien und Personen beinhaltete, die nicht mit Tschiang nach Taiwan geflohen waren. Seine begrenzten Reformen - die Verstaatlichung von Grund und Boden und die Landreform, grundlegende sozialstaatliche Maßnahmen und das Verbot gesellschaftlicher Übel wir Prostitution und Opiummissbrauch - waren bürgerliche Maßnahmen. Genauso wenig hatte die Welle von Verstaatlichungen im Verlauf der durch den Koreakrieg ausgelösten Wirtschaftskrise einen "sozialistischen" Charakter. Sie ähnelte der Politik der staatlichen Wirtschaftsregulierung, wie sie auch von Ländern wie Indien durchgeführt wurde. Die KPCh setzte das Programm, das auch von bürgerlichen Führern der antikolonialen Bewegung wie Nehru in Indien vertreten wurde, nur konsequenter um.

Bald tauchten scharfe Differenzen in Maos Regime auf. Die KPCh musste sich auf ehemalige Kapitalisten und städtische Experten stützen, um die Führung der Industrie zu übernehmen, da die meisten ihrer Bauernkader keine Ahnung von der modernen Industrie hatten. Darin lag schon die Saat zukünftiger Konflikte zwischen Maos Radikalismus, der die Feindschaft der Bauernschaft gegenüber der städtischen Industrie, Kultur und vor allem der Arbeiterklasse widerspiegelte, und den so genannten Befürwortern des kapitalistischen Weges, die entschieden, der großen Industrie und dem Markt müsse freier Lauf gelassen werden. Beide Fraktionen blieben dem nationalistischen System vom "Sozialismus in einem Land" verhaftet und standen der sozialistischen Alternative, Chinas Isolation zu überwinden, organisch feindlich gegenüber - nämlich der Hinwendung zur internationalen Arbeiterklasse auf der Grundlage des Programms der sozialistischen Weltrevolution.

Maos utopische Pläne für einen ländlichen Sozialismus, Landkommunen und Hinterhofindustrie führten in eine Katastrophe nach der anderen und fanden ihren Höhepunkt in der Großen Proletarischen Kulturrevolution, die er 1966 im Kampf gegen seine parteiinternen Rivalen ausrief. Als Arbeiter begannen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, begrub die verschreckte Bürokratie ihre Differenzen schnell wieder und unterdrückte die Arbeiterklasse mithilfe der Armee. Von da an war sein Programm vom Bauernradikalismus begraben. Den von ihr geschaffenen Mao-Kult nutzte die KP-Führung nur noch dazu, ihre Repressionsmaßnahmen zu rechtfertigen. Nach Maos Tod 1976 wurde die so genannte Viererbande verhaftet und die Parolen der Kulturrevolution wurden begraben.

Kleinbürgerlich-Radikale glorifizierten in den 1960er und 1970er Jahren die Kulturrevolution, aber die bewussteren Vertreter des US-Imperialismus erkannten, dass die Sowjetunion und "Rot-China" nicht den gleichen Klassencharakter hatten. Die Sowjetunion war immer noch ein Arbeiterstaat, wenn auch ein degenerierter. Auf dem Höhepunkt der "Kulturrevolution" im Oktober 1967 schrieb Richard Nixon in der Zeitschrift Foreign Affairs, dass seine bevorstehende Regierung "China zurück in die internationale Gemeinschaft" holen werde - "aber als große, sich entwickelnde Nation und nicht als Epizentrum der Weltrevolution".

In der gleichen Ausgabe von Foreign Affairs merkte ein anderer Analyst an, dass Maos Regime sich gar nicht so sehr von anderen bürgerlichen Regierungen unterscheide, die von antikolonialen Bewegungen an die Macht gespült worden seien. Der einzige Unterschied sei "die überlegene Effektivität des chinesischen Kommunismus bei der Verfolgung von Zielen, die historisch mit der kapitalistischen Produktionsweise und der auf ihr beruhenden gesellschaftlichen Ordnung verbunden sind... Die Originalität des Maoismus liegt in seinen Methoden der Massenmobilisierung im Namen des Kommunismus für die Erreichung von Zielen, die jeder national-revolutionären Bewegung angemessen sind: die Industrialisierung Chinas und die Beschaffung von militärischer Ausrüstung (bis hin zu Nuklearwaffen), wie sie zur Verfolgung von Großmachtpolitik unverzichtbar ist."

Das ist im Wesentlichen, was in den letzten 30 Jahren passiert ist. Nixon traf sich 1972 mit Mao und legte die Grundlage für ein anti-sowjetisches Bündnis sowie Chinas erste Öffnung für ausländisches Kapital. 1978 beschleunigte Deng Xiaoping Investitionen aus dem Ausland und die Wiedereinführung des kapitalistischen Marktes enorm. Das fiel Ende der 1970er Jahre zusammen mit der Veränderung des Weltkapitalismus hin zur Globalisierung der Produktion und zur Schaffung von Billiglohnländern. Der Zufluss von ausländischem Kapital wurde zur Flut, nachdem das Regime mit dem Massaker auf dem Tiananmen Platz 1989 seine Bereitschaft zum Einsatz der brutalsten Methoden bei der Unterdrückung der Arbeiterklasse bewiesen hatte.

Welche Errungenschaften werden heute gefeiert? Die begrenzten Reformen der Revolution von 1949 sind schon längst wieder einkassiert worden, und das KP-Regime sowie die gierige chinesische Bourgeoisie, die es vertritt, regieren über eine sich vertiefende gesellschaftliche Kluft zwischen Arm und Reich. Aber während sie sich mit den Vertretern des globalen Kapitalismus verbünden und zu Ehren der Volksrepublik China anstoßen, werfen die KP-Bürokraten einen nervösen Blick über die Schulter auf eine chinesische Arbeiterklasse, die enorm angewachsen ist und eng mit den Arbeitern in aller Welt verbunden ist.

Vor allem fürchten sie, dass die Arbeiterklassen inmitten der schwersten Krise des Weltkapitalismus seit den 1930er Jahren beginnen wird, die politischen Lehren der Revolution von 1949 zu ziehen, die Sackgasse des Stalinismus und Maoismus zurückweisen und auf den Weg der sozialistischen Weltrevolution zurückkehren wird. In China bedeutet das, eine Sektion des Internationalen Komitees der Vierten Internationale, der trotzkistischen Weltbewegung, aufzubauen, um die unabdingbare revolutionäre Führung zu schaffen.

Siehe auch:
Entstehungsgeschichte und Folgen des Massakers von 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens
(3. Juli 2009)
Triste ökonomische Aussichten für die chinesische Führung
( 14. März 2009)