Abschwung in China durch globale Rezession

Von Mike Head
18. Dezember 2008

Der jüngste Schock für die globale Wirtschaft besteht darin, dass die Industrieproduktion Chinas stark zurückgeht, was bedeutet, dass das gesamte Bruttoinlandsprodukt sinkt. Die offiziellen Statistiken für November sind ein beunruhigender Hinweis darauf, wie schnell sich die Weltrezession verschlimmert und der chinesischen Wirtschaft die Aufträge entzieht.

Noch vor wenigen Monaten wies China Wachstumsraten von über zehn Prozent auf, und Kommentatoren spekulierten, ob der chinesische Boom dem globalen Kapitalismus vielleicht eine Rezession im Ausmaß der 1930er Jahre ersparen könnte. Heute gehen westliche Analysten davon aus, dass die chinesische Wirtschaft in diesem Quartal und im ersten Quartal des nächsten Jahres wahrscheinlich schrumpfen wird. D.h. China wird das Schicksal Europas, Japans und der USA teilen.

Bis November stieg die Industrieproduktion Chinas nur noch um 5,4 Prozent. Das bedeutet, dass es Mitte des Jahres zu einem plötzlichen Rückgang kam. Zu dem Zeitpunkt betrug das Wachstum noch siebzehn Prozent. Den stärksten Rückgang gab es in der Schwerindustrie. Die Stahlproduktion sank seit November 2007 um mehr als zwölf Prozent auf 35,2 Millionen Tonnen.

Die Stromproduktion ging in einem Jahr um 9,6 Prozent zurück. Das ist der stärkste Rückgang, seitdem die Führung in Peking vor drei Jahrzehnten offen zur Marktwirtschaft überging. Das Bruttoinlandsprodukt "wird in diesem Quartal sicher zurückgehen, alles ist ziemlich schlimm", sagte der China-Spezialist Paul Cavey von der Macquarie Bank der Melbourner Zeitung Age. "Und wir sind noch nicht am Tiefpunkt angelangt."

Die chinesischen Stahlhersteller leiden nicht nur unter niedrigen Verkäufen, auch die globalen Stahlpreise sind seit Juli um vierzig Prozent gesunken. In einer ungewöhnlich offenen Erklärung wies Industrieminister Li Yizhong weiter daraufhin hin, dass die Lage wohl noch schlimmer werde. "Viele Faktoren kommen zusammen und treffen die Industrie wirklich hart. Wir erwarten, dass die Talsohle noch nicht erreicht ist und sich die Probleme im Dezember weiter verschärfen", sagte Li

Li meinte, die Stahlindustrie werde ihre Rohstoffe, die Anfang des Jahres zu hohen Preisen eingekauft wurden, erst im Juli aufgebraucht haben. Bis dahin werden die meisten Produzenten nicht in der Lage sein, Gewinne zu machen. "Nicht nur kleine Firmen verlieren Geld, auch die großen. Das macht die Situation so ernst."

Die veränderte Lage in China hat große Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Zunächst einmal, weil China als weltgrößter Stahlproduzent und -konsument Firmen in Schwierigkeiten bringt, die sich für ihr eigenes Wachstum auf den Stahlboom des Landes verlassen haben, wie die chinesischen Stromproduzenten oder große Bergwerksgesellschaften wie BHP Billiton oder Rio Tinto.

Die Hoffnung, Pekings Billionen Dollar schweres Konjunkturpaket könnte die Auswirkungen des globalen Zusammenbruchs durch Förderung des Inlandskonsums neutralisieren, hat sich zerschlagen, weil die Bauindustrie, die bisher das Herzstück des Wirtschaftswachstums war, um zwanzig bis dreißig Prozent eingebrochen ist. Auch der PKW-Verkauf ist aufs Jahr gerechnet bis November um zehn Prozent zurückgegangen, der LKW-Verkauf sogar um 25 Prozent.

In Weltfinanzkreisen geht nun die Angst um, der Abschwung in China könnte nicht nur den weltweiten Zusammenbruch beschleunigen, sondern auch zu Massenarbeitslosigkeit und zu explosiven sozialen Unruhen in China selbst führen. Die Billiglohnarbeit dieses Landes hat in den letzten zwanzig Jahren entscheidend zu den Profiten der globalen Wirtschaft beigetragen.

Unter der Überschrift "China fährt gegen die Wand" schrieb der Kommentator der Financial Times, Gideon Rachman: "Die Wirtschaftskrise von 2009 könnte sich zum bisher härtesten Test für die chinesische Regierung seit den Studentenunruhen von 1989 erweisen, deren zwanzigster Jahrestag nächstes Jahr sein wird. Es ist jetzt klar, dass China nicht immun gegen die globale Finanzkrise, sondern in Wirklichkeit sehr verwundbar ist... Es wäre eine historische Ironie, wenn die Kommunistische Partei Chinas nicht durch den Zusammenbruch des Kommunismus 1989 in die Krise geworfen würde - sondern die Zuckungen des Kapitalismus im Jahr 2009 ihr den Garaus machten."

Die pessimistischen Aussichten für China gesellen sich anderen Hinweisen auf eine Vertiefung der globalen Rezession hinzu. Gerade hat die Bank von Japan den vielbeachteten Wirtschaftsindex Tankan veröffentlicht. Die Daten für das Dezember-Quartal zeigen einen Rückgang des Vertrauens in die wirtschaftliche Entwicklung bei großen Herstellern seit September um 21 Punkte auf minus 24. In der Vorausschau wird bei den großen Firmen in den nächsten Monaten ein weiterer Rückgang um zwölf Punkte auf minus 36 erwartet.

Das ist der zweitstärkste Rückgang in einem Quartal seit August 1974, während der ersten globalen Ölkrise, und der niedrigste Stand für große Hersteller seit März 2002 im Gefolge der letzten scharfen Rezession in Japan.

Es erscheint inzwischen sicher, dass Japan Ende dieses Monats sein drittes offizielles Rezessionsquartal beendet. Im dritten Quartal ist die Wirtschaft mit einer Jahresrate von 1,8 Prozent geschrumpft. Es gibt bisher keinerlei Anzeichen, dass irgendeine Gruppe der 210.000 erfassten Firmen von einem baldigen Ende der Krise ausginge. Produzierende Unternehmen und Dienstleistungsfirmen aller Größen erwarten von jetzt bis März eine weitere deutliche Verschlechterung der Lage.

Mit einem beispiellosen Zusammenbruch ihrer Exportmärkte konfrontiert, haben Firmen wie Sony und Toyota begonnen, Arbeitsplätze zu vernichten. Autohersteller haben die Produktionsziele für die nächsten sechs Monate um zwanzig Prozent gekürzt. "Die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich rapide", sagte Hiroshi Watanabe, Ökonom des Wirtschaftsforschungsinstituts Daiwa, gegenüber AFP. "Die Welle von Arbeitsplatzabbau wird sich in Servicebereichen wie Autohändlern, Einzelhandel und Restaurants fortsetzen."

Auch in Europa gibt es weitere Anzeichen für eine Verschärfung der Lage. In der gesamten Eurozone gab es im dritten Quartal im Vergleich zum vorhergehenden Quartal einen Rückgang der Beschäftigungsverhältnisse. Das Amt für Statistik der Europäischen Union teilte mit, dass die Anzahl der Beschäftigten von Juli bis September um 0,1 Prozent oder 80.000 auf 146,1 Millionen zurückgegangen sei. Das war der erste Quartalsrückgang, seit Eurostat 1995 seine Tätigkeit aufgenommen hat.

Die Volkswirtschaften der fünfzehn Mitglieder der Eurozone stecken jetzt schon in ihrer ersten offiziellen Rezession, die sich aber im vierten Quartal fast sicher noch verschärfen wird. Ein weithin angewandter Index für den Produktions- und Dienstleistungssektor fiel auf einen Rekordtiefststand. Der Marktindex fiel im Dezember auf 38,3 Punkte, von 38,9 Punkten im November. Weniger als fünfzig Punkte gelten als Anzeichen für einen Rückgang im Ausstoß.

Für Ökonomen bedeuten diese Zahlen, dass das Bruttoinlandsprodukt von Oktober bis Dezember um 0,6 Prozent zurückgegangen ist - das übersteigt den Rückgang von 0,2 Prozent in den beiden vorausgegangenen Quartalen. Der Ökonom Marco Valli von der UniCredit MIB in Mailand sagte der Londoner MarketWatch, die Daten gäben keinerlei Anhaltspunkt für ein Ende des Abstiegs.

Einige europäische Banken sind auch von den Auswirkungen des fünfzig-Milliarden-Dollar-Betrugs des amerikanischen Investmentberaters Bernhard Madoff betroffen. Die britische HSBC bestätigte den möglichen Verlust von einer Milliarde Dollar, und der holländische Ableger der belgischen Bank Fortis hält einen Verlust von 1,4 Milliarden Dollar für möglich. Daneben gehören auch BNP Parisbas, Banco Santander und die Royal Bank of Scotland zu den Opfern. Letztere könnte 612 Millionen Dollar verlieren.

Einer der aussagekräftigsten Indikatoren für die Verschlimmerung der Weltkrise, die sich seit einem Jahr aufbaut, ist die Zinssenkung des Federal Reserve Board in den USA auf nur noch ein Viertel Prozent. Das ist der niedrigste Zinssatz seit Juli 1954. Er soll wahrscheinlich auch für einige Zeit so niedrig bleiben.

Die jüngste Zinssenkung um einen dreiviertel Punkt lässt keinen Raum mehr für eine weitere Stimulierung der größten Volkswirtschaft der Welt durch Zinssenkungen. Die amerikanischen Behörden waren trotz verschiedener, viele Milliarden Dollar schwerer Initiativen, die die krisengebeutelten Banken zur Kreditvergabe ermuntern sollten, nicht in der Lage, die Verschärfung der Rezession zu verhindern.

Von Reuters vergangene Woche befragte Ökonomen erwarteten in den letzten drei Monaten des Jahres ein Schrumpfen der amerikanischen Wirtschaft mit einer Jahresrate von 4,3 Prozent. Angesichts der weiteren Hiobsbotschaften, unter anderem aus China, wird ein noch stärkeres Schrumpfen angenommen. Es wird inzwischen nicht mehr ausgeschlossen, dass die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal um mehr als sechs Prozent einbricht.