Öffentlicher Druck auf olympischen Hürdenläufer beleuchtet wachsenden chinesischen Nationalismus

Von John Chan
27. August 2008

Die chinesische Regierung kam unter scharfen Druck, als der 110-Meter-Hürden Läufer Liu Xiang am 18. August verletzungsbedingt zu seinem Finalrennen nicht antrat. Sein Verzicht auf die Teilnahme rief in Teilen der der neuen chinesischen Mittelschichten einen Aufschrei hervor. Die Olympiade in Peking wurde von der Regierung benutzt, um in diesen Schichten wilden Patriotismus zu schüren.

Der 25-jährige Liu, der bei der Olympiade 2004 in Athen die Goldmedaille gewonnen hatte, wurde seit Jahren als Nationalheld gefeiert. Peking hatte ihn als Symbol für Chinas Aufstieg zur Sportmacht hochstilisiert. Er war der Beweis dafür, dass China seinen Ruf als "kranker Mann Asiens" abgeschüttelt hatte. An der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert hatte das unterentwickelte China nur wenige Athleten zu den frühen olympischen Spielen entsandt; und rassistische Ideologen hatten diese Tatsache zur Rechtfertigung ihrer reaktionären Behauptung angeführt, dass die Chinesen eine minderwertige Rasse - der "kranke Mann Asiens" - seien.

Lius Sieg vor vier Jahren war der erste Sieg eines chinesischen, und sogar asiatischen, Athleten auf einer Sprintstrecke. Er erklärte damals in Athen: "Mein Sieg hat bewiesen, dass Athleten mit einer gelben Haut genau so schnell rennen können wie Athleten mit weißer oder schwarzer Haut." Im Jahr 2008 - China lag bei den Goldmedaillen insgesamt schon weit vorn - sollte Lius Sieg in Pekings "Vogelnest"-Stadium zum Höhepunkt des olympischen Ruhmes Chinas werden und beweisen, dass die chinesische Rasse genauso leistungsfähig ist wie andere.

Peking hat in alle Sportarten groß investiert, um seine Athleten auf die Erfolgsspur zu bringen. Aber das Projekt "Sieg über 110 Meter Hürden" stand an erster Stelle. Zehn Prozent des gesamten sportwissenschaftlichen Forschungsbudgets für das chinesische Olympiateam wurden allein für Liu aufgewendet. Fünf Kinematik-Experten arbeiteten rund um die Uhr daran, sein Training und seine Technik zu überwachen und auch die seiner Rivalen genau zu beobachten und zu analysieren.

So wurde von der chinesischen Regierung eine riesige Erwartungshaltung geschaffen, als Metapher für Chinas Aufstieg als Großmacht auf dem Gebiet des Sports, wie auch auf anderen Feldern. Folglich war das Stadion mit 90.000 Menschen total ausverkauft, und viele Millionen mehr sahen das 110-Meter-Hürdenrennen im ganzen Land. Lius Rückzug in letzter Minute löste sofort eine gewaltige Schockwelle aus.

Obwohl seine offizielle Web Site schon über eine entzündete Achillessehne berichtet hatte, erschien Liu dennoch erst einmal zum Rennen. Er realisierte aber bald, dass die Schmerzen unerträglich waren, und zog sich aus dem Rennen zurück. Mehreren Meinungsumfragen zufolge reagierte das Publikum überwiegend mit spontanem Mitleid. Mehr als fünfzig Millionen Mal wurde auf der Web Site Sohu "Unterstützt Liu Xiang" angeklickt.

Aber eine kleine, jedoch einflussreiche Schicht machte ihrer Enttäuschung und ihrem Ärger Luft, indem sie den Athleten umgehend übel beschimpfte, weil er ihre Erwartungen und das Land verraten habe. In einem der größten Internetforen, Baidu, verurteilten Fans Liu als "Hund" und "Betrüger". Einer erklärte: "Chinas hundertjähriger olympischer Traum ist geplatzt." Ein anderer Schreiber schlug dem Athleten vor, an den Paralympics teilzunehmen. Ähnliche Kommentare erschienen auf anderen Web Sites. Sie lamentierten, der "kranke Mann Asiens" sei wieder auferstanden, oder forderten einen Boykott aller Sportartikel, für die Liu wirbt.

Die chinesische Führung erkannte die Gefahr, dass die Situation schnell außer Kontrolle geraten konnte, und schritt ein, um sie zu entschärfen. Die chinesische Internetpolizei löschte die anstößigen Kommentare offenbar relativ schnell. Die offizielle People’s Daily schrieb in einem Kommentar: "Vielleicht sollte ein Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern nicht alle seine Erwartungen auf den Schultern eines jungen Mannes abladen."

Vizepräsident Xi Jinping, der vermutliche Nachfolger von Präsident Hu Jintao, gab Liu in einer Erklärung im Namen der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) Rückendeckung. "Jeder wird verstehen, dass Liu Xiang verletzungsbedingt nicht an dem Rennen teilnehmen konnte, und wir hoffen, dass er die mentale Belastung abschütteln und sich auf die Heilung seiner Verletzung konzentrieren kann", sagte Xi. Er forderte den Athleten auf, "seinen Kampfgeist zurück zu gewinnen und noch größere Ehren für das Vaterland zu erringen".

Liu und der Cheftrainer des chinesischen Leichtathletikteams mussten sich unter Tränen auf Pressekonferenzen entschuldigen. Sie mussten erklären, warum Liu sich aus dem Wettbewerb zurückziehen musste, und versprechen, nach seiner Genesung weitere Siege für das "Vaterland" zu erringen.

Chinesischer Nationalismus

Wenn es darum geht, die Olympiade auszunutzen, um patriotische Begeisterung zu schüren, steht China nicht allein da. Wie schon frühere Spiele war auch die Olympiade in Peking in vielen Ländern der Welt von obszönem Nationalismus und offenem Chauvinismus begleitet. Ein enormer Druck der Öffentlichkeit lastet auf den Athleten, der sogar die Gesundheit und andere Aspekte des Lebens der Athleten beeinträchtigt. Sie stehen auch unter ständigem Druck der Medien, die sie fieberhaft drängen, "unsere" Medaillenausbeute zu vergrößern.

Die üble Behandlung Lius weist allerdings darauf hin, dass sich der Charakter des chinesischen Nationalismus verändert. Sichtbar wird ein akut übersteigerter Nationalismus, den die KPCh gefördert hat. Die Regierung hat 43 Mrd. US-Dollar für die Ausrichtung der Spiele ausgegeben, um Chinas Aufstieg als wirtschaftliche Großmacht wie in einem Schaufenster vor Augen zu führen und Patriotismus im Inland zu fördern.

Obwohl Nationalismus immer ein zentraler Bestandteil des Maoismus war, betonte das KPCh-Regime immer auch seine sozialistischen Wurzeln und hob seine Unterstützung für antiimperialistische Kämpfe in der ganzen "dritten Welt" hervor. Seit der offenen Hinwendung zum kapitalistischen Markt 1978 und besonders seit der brutalen Unterdrückung der Proteste von Arbeitern und Studenten 1989 stützte sich die KPCh zunehmend auf nackten chinesischen Nationalismus, um das ideologische Vakuum zu füllen.

Nach der Vernichtung von Dutzenden Millionen Arbeitsplätzen in Staatsfirmen in den späten 1990er Jahren ließ das Regime sein betrügerisches "proletarisches" Etikett fallen und öffnete die Partei für die private Wirtschaftselite. Ihr Rückgriff auf Nationalismus ist ein verzweifelter Versuch, eine neue soziale Stütze für das Regime zu schaffen. Die alte soziale Basis des Maoismus in der Bauernschaft ist durch die zunehmende Armut auf dem Land und die massive Abwanderung der Armen vom Land in die Städte zerstört worden, wo sie zu überausgebeuteten Billiglohnarbeitern geworden sind.

Am stärksten vom chinesischen Nationalismus werden jene sozialen Kräfte angezogen, die von den "Marktreformen" profitiert haben, vor allem Unternehmer, gut gestellte Selbstständige und andere Schichten der wachsenden Mittelschichten des Landes. Der private Sektor steht inzwischen für Zweidrittel der Industrieproduktion und beschäftigt 200 Millionen Arbeiter. Die noch vom Staat kontrollierten mehreren Dutzend Großfirmen und Banken sind quasi der kollektive Besitz der aufstrebenden chinesischen Bourgeoisie.

Liu Xiang wurde zu einem Star dieser neuen Elite. Der junge Mann stammt aus einer bescheidenen Arbeiterfamilie in Schanghai. Sein Olympiasieg in Athen brachte ihm Millionen Dollar schwere Werbeverträge mit Coca-Cola und Nike ein. In der Vergangenheit wären vielleicht sein Vater, ein Industriefahrer, und seine Mutter, eine entlassene Industriearbeiterin, von der KPCh als "Modellarbeiter" geehrt worden. Nicht so heute! Heute wird der erfolgreiche, wohlhabende Liu als Symbol des neuen China propagiert.

Pekings "patriotische Erziehung" hat immer die koloniale Ausplünderung Chinas durch die Westmächte und Japan in der Vergangenheit betont. Aber China ist nicht länger ein halbkoloniales Land, das für die Weltwirtschaft nur von untergeordneter Bedeutung ist, und entsprechend hat sich die Ausrichtung des chinesischen Nationalismus verändert. Die KPCh gibt sich nicht einmal mehr den Anschein, als lehnte sie die räuberischen Praktiken der imperialistischen Großmächte ab, sondern ist entschlossen, es ihnen gleich zu tun. Erniedrigungen früherer Zeiten stärken nur die Stimmung, dass China jetzt endlich den ihm zukommenden Platz in der Welt erhalten müsse.

China wird die USA 2009 als weltweit größten industriellen Produzenten überholen und damit 100 Jahre amerikanischer Dominanz beenden. Das hat vergangenen Monat eine Studie der amerikanischen Beraterfirma Global Insight für die Financial Times gezeigt. Die Studie schätzt, dass China 17 Prozent der weltweiten Produktionsleistung erbringen wird, und die USA 16 Prozent. Das ist die Folge eines ökonomischen Niedergangs der USA, der schneller als erwartet vor sich geht. Obwohl die chinesische Produktion noch eher einen Fließbandcharakter hat und technologisch weit hinter den USA herhinkt, ist die reine Wachstumsrate enorm. Der Wert der weltweiten Produktion wird sich bis 2015 auf 15,8 Billionen Dollar fast verdoppeln. China wird von diesem erwarteten Wachstum alleine mehr als 41 Prozent erbringen.

In der neuen kapitalistischen Klasse hat sich schon das Bewusstsein breit gemacht, dass sein ökonomischer Aufstieg China in Konflikt mit den etablierten Mächten bringt. Das amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek wies am 9. August darauf hin, dass die reichsten Chinesen teilweise auch die am meisten anti-westlich eingestellten sind, obwohl viele von ihnen im Westen ausgebildet wurden. "Obwohl sie ihren Cappuccino bei Starbucks schlürfen oder ihren neuen GM-Buick spazieren fahren, ist das Letzte, was sie wollen, dass ihre Heimat nach dem Bilde des Westens geformt wird. Sie haben viel größere Ambitionen und streben ein China an, das ihrer Vorstellung von nationaler Größe entspricht."

Newsweek zitierte einen Akademiker aus Hongkong, der darauf hinwies, dass es für große Teile der Neureichen durchaus akzeptabel ist, im nationalen Interesse Chinas militärische Gewalt einzusetzen. Das chinesische Militär ist tatsächlich der fruchtbarste Nährboden für den Patriotismus, mit dem es die zweistelligen Wachstumsraten der Verteidigungsausgaben rechtfertigt.

Während die Diskussion vieler Themen in der Öffentlichkeit verboten ist, lassen einige Online-Foren zu, dass Jugendliche aus der Mittelschicht und gebildete Schichten aktiv über geopolitische Strategie diskutieren. Dabei wird z.B. die Frage debattiert, wie die strategischen Pläne der USA, China einzukreisen, ausgehebelt werden können, oder ob China Krieg gegen Vietnam um die Kontrolle von Schifffahrtsrouten und Energievorkommen im Südchinesischen Meer führen solle.

Extreme Elemente, die als die "zornige Jugend" bezeichnet werden, fordern die atomare Vernichtung Tokios als Rache für die japanische Invasion in China in den 1930er und 1940er Jahren. Diese Kreise hauptsächlich kleinbürgerlicher Jugendlicher spielten bei den gewaltsamen anti-japanischen Protesten 2005 eine wichtige Rolle. Sie sind in den letzten Jahren zu einem veritablen Hindernis für die Verbesserung der chinesisch-japanischen Beziehungen geworden.

Diese Debatten beeinflussen oft die "öffentliche Meinung" und setzen die Regierung unter Zugzwang, eine härtere Haltung bei der Verteidigung der "nationalen Interessen" einzunehmen. Unter Berufung auf den "Olympischen Geist" rief Peking im aktuellen russisch-georgischen Konflikt offiziell zu einem Waffenstillstand auf. Aber die offizielle Global Times stellte zum Beispiel online Kommentare ein, die Moskaus "eiserne Faust" bei der Zerschlagung Georgiens lobten und es dafür beglückwünschten, den USA und der Nato die Stirn geboten zu haben. Einige der "zornigen Jugendlichen" forderten einen formellen Militärpakt mit Russland, um den USA und ihren Alliierten entgegenzutreten. Andere verurteilten Georgien und seine Hintermänner in Washington, weil sie den Eröffnungstag der olympischen Spiele in Peking für ihren Angriff auf Südossetien gewählt hatten. Das sei ein bewusster Schlag ins Gesicht Chinas gewesen.

Die gleiche brodelnde Unmut gegenüber Chinas Rivalen - nicht nur USA und Japan - kam bei den Staffelläufen mit der olympischen Flamme zum Ausdruck, als Peking viele Auslandschinesen mobilisierte, um gegen die pro-tibetischen Proteste vorzugehen. Die Verachtung dieser Peking-Anhänger für das tibetanische Volk und ihre Gleichgültigkeit gegenüber der in Tibet herrschenden Armut und Diskriminierung waren Ausdruck ihrer Klassenfeindschaft gegenüber den unterdrückten Massen insgesamt. Einige Jugendliche sollen sogar Leute angegriffen haben, die ihre Sympathie mit den Tibetern zeigten.

Die neuen Mittelschichten sind keine Kraft für "Demokratisierung", sondern sie unterstützen das Polizeistaatsregime der KPCh, weil es die brutale kapitalistische Ausbeutung der Arbeiterklasse durchsetzt. Die Financial Times schrieb am 3. August: "Die Angehörigen dieser Kreise grummeln über die herrschende Korruption, aber im Großen und Ganzen ist es ihnen im Wirtschaftsboom der letzten zehn Jahre ganz gut ergangen. Sie wissen, dass sie bei einer baldigen Einführung der Demokratie keine Mehrheit hätten, und haben daher wenig Interesse, das System zu ändern."

Es geht nicht nur darum, dass die relativ kleinen Mittelschichten von der großen Mehrheit der Arbeiterklasse und der armen Landbevölkerung überstimmt werden würden, sondern dass demokratische Zugeständnisse an die Massen sehr schnell weitergehende Forderungen nach sozialer Gleichheit nach sich ziehen würden. Die Durchsetzung solcher Forderungen erfordert nicht mehr und nicht weniger als den revolutionären Sturz des Regimes der KPCh und der kapitalistischen Elite, die aus ihr hervorgegangen ist. Diese sind sich der ständigen Bedrohung ihres Reichtums und ihrer Privilegien sehr wohl bewusst.

Der Aufbau von Sportidolen wie Liu Xiang ist Teil von Pekings Versuch, die Aufmerksamkeit von der tiefen sozialen Spaltung des Landes abzulenken. Ein Weg dahin führt über die Illusion der nationalen Einheit. Mit olympischen Goldmedaillen kann man aber keine Krankenversorgung, Wohnungen oder Freizeiteinrichtungen für Hunderte Millionen Menschen bezahlen, und noch viel weniger die Mangelernährung der verarmten Kinder auf dem Land beseitigen. Früher oder später werden die Arbeiterklasse und die deklassierten Schichten in Stadt und Land mit dem KP-Regime und den rechten chauvinistischen Schichten, die es hätschelt, in direkten und offenen Konflikt geraten.

Siehe auch:
Eröffnungszeremonie blendet zwanzigstes Jahrhundert fast ganz aus
(14. August 2008)
Die Klassenfragen die der Unterdrückung in Tibet zugrunde liegen
(19. April 2008)