Olympischen Spiele in Peking:

Eröffnungszeremonie blendet zwanzigstes Jahrhundert fast ganz aus

Von John Chan
14. August 2008

Vergangenen Freitag fand in Peking die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2008 statt. Es war eine Propagandaveranstaltung der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), um ihr Bild als wirtschaftsfreundliches Regime zu festigen, das alle Verbindungen zu einer "sozialistischen" oder "revolutionären" Tradition längst abgebrochen hat.

Vor 90.000 Zuschauern im neuen, "Vogelnest" genannten Stadion wurden viele Stationen der 5.000-jährigen Geschichte Chinas in epischer Breite dargestellt, von den frühesten Legenden bis zur modernen Zeit. An der spektakulären Licht- und Farbshow mit einem phantastischen Feuerwerk waren etwa 20.000 Darsteller beteiligt. Die ganze opulente Aufführung verfolgte den Zweck, Chinas antike Kultur zu präsentieren, Nationalstolz zu fördern und die wachsende Wirtschaftskraft des Landes zu demonstrieren.

Mittels eines gigantischen Laufs durch die Geschichte wurden Chinas klassisches Zeitalter der Kalligraphie und Kunst, die Erfindung des Papiers, der Druckkunst, des Schießpulvers und des Kompasses erstaunlich detailreich dargestellt. Aber dann übersprang die Show plötzlich und unerklärlich viele Jahrzehnte bis zu den chinesischen Astronauten und Superschnellzügen. Völlig ausgelassen wurden die entscheidenden Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts: die erste, die zweite und die dritte chinesische Revolution (1911, 1925-27 und 1949) und die darauf folgenden, stürmischen Jahrzehnte der Herrschaft Maos.

Mehr als 80 Staats- und Regierungschefs, darunter US-Präsident George W. Bush, - die höchste Zahl je bei einer Olympiade - wurden als Gäste bei der Eröffnungszeremonie begrüßt und waren Zeuge der Zurschaustellung chinesischer Geschichte und Fähigkeit. Die Erwähnung der Revolution von 1949, Mao Zedongs oder des Sozialismus hätte Peking schwer in Verlegenheit gebracht, weil es seinem Kampf um einen Platz unter den kapitalistischen Großmächten in die Quere gekommen wäre.

Jahrzehntelang verteidigte die KPCh die Fiktion, ihr Polizeistaatsregime habe etwas mit Sozialismus zu tun. Diese Fiktion diente dazu, die sozialen Spannungen in dem Viel-Millionen-Volk zu kontrollieren. Inzwischen sind aber auch die begrenzten Reformen der Zeit nach der Revolution von 1949 wieder abgeschafft worden. In den letzten beiden Jahrzehnten hat das Regime China in das größte Billiglohnland der Welt verwandelt. Zwischen den wenigen Reichen und den Hunderten Millionen armer Arbeiter und Bauern, die mit ein paar Dollar oder weniger am Tag ums Überleben kämpfen, herrscht eine tiefe Kluft.

Dem Magazin Forbes zufolge betrug der Reichtum der 400 reichsten Chinesen 2007 288 Mrd. Dollar [193 Mrd. Euro], mehr als doppelt soviel wie 2006 (116 Mrd. Dollar [77 Mrd. Euro]). Für die Olympiade wurden phantastische 43 Mrd. Dollar [28,8 Mrd. Euro] ausgegeben. Damit will die neue kapitalistische Elite der Welt ihren Erfolg und ihre Protzerei demonstrieren. Gleichzeitig vertrieben die Behörden vor der Eröffnung der Spiele Millionen von Wanderarbeitern und Armen aus Peking. Hunderttausende Polizisten und Soldaten und 300.000 Überwachungskameras sollen sicherstellen, dass keine Proteste das sorgfältig gestylte Bild trüben, das Peking der Welt bieten will.

Vielen Beobachtern mag die extravagante Eröffnungsfeier als die vollkommene Negation des Maoismus erschienen sein. Tatsächlich aber ist sie das logische Ergebnis des aus der Revolution von 1949 hervorgegangenen Regimes, das weder sozialistisch noch gar kommunistisch war. Es stützte sich auf die Bauernschaft, nicht auf die Arbeiterklasse. Die Zurückweisung des internationalen Sozialismus durch die Partei kann bis auf Stalins Unterordnung der KPCh unter die bürgerliche Kuomintang in der Zweiten Chinesischen Revolution zurückverfolgt werden, die es Tschiang Kai-schek erlaubte, die Massenbewegung zu unterdrücken.

Die Kommunistische Partei brach alle Verbindungen zur Arbeiterklasse ab. Als 1949 ihre Bauernarmeen in die großen Städte vorrückten, befahl ihnen die Partei, jede unabhängige Aktivität von Arbeitern zu unterdrücken. Die militärische "Befreiung" von oben brachte in kurzer Zeit einen Polizeistaatsapparat hervor, der zuerst die Aufgabe hatte, das Privateigentum der Bourgeoisie zu verteidigen, und dann die privilegierte Bürokratie des neuen Regimes. Millionen wurden in Säuberungen verfolgt, eingesperrt oder hingerichtet, und weitere Millionen gingen an Maos katastrophalen Wirtschaftsexperimenten zugrunde.

Die Verstaatlichung der Industrie und die Kollektivierung der Landwirtschaft in den 1950er Jahren war Maos Reaktion auf das wirtschaftliche Chaos infolge des Koreakriegs. Die KPCh schuf eine autarke Wirtschaft und folgte dabei Stalins nationalistischer Formel vom "Aufbau des Sozialismus in einem Land", vermischt mit Maos eigenem Bauernradikalismus. Die daraus resultierenden Wirtschaftskatastrophen und massiven Hungersnöte verhalfen schließlich den offen marktwirtschaftlichen Kräften im Regime zum Sieg.

Maos grundlegende Klassenorientierung zeigte sich deutlich in der "Kulturrevolution" von 1966, in der er allem den Krieg erklärte, was mit einer modernen Industriegesellschaft zu tun hatte: der Arbeiterklasse, der Wissenschaft, Kunst und Bildung. Der folgende wirtschaftliche Zusammenbruch und politische Aufruhr machte den Einsatz der Armee notwendig, um der Unzufriedenheit Herr zu werden. 1971 zwangen Spannungen mit der Sowjetunion und eine andauernde Wirtschaftskrise Mao zu einer Politik der Annäherung an die USA unter Nixon.

Dieser historische Moment war letzte Woche sicher nicht vergessen. Kurz vor der Eröffnungszeremonie eröffneten Präsident Bush, sein Vater, der ehemalige Präsident Bush, und Nixons Außenminister Henry Kissinger eine neue amerikanische Botschaft in Peking. Wegen Kissingers Geheimbesuch in der chinesischen Hauptstadt 1971 und der Rolle von Bush sen. als hoher US-Diplomat in China in jener Zeit bezeichneten chinesische Führer die beiden als "alte Freunde".

Die ersten Schritte, China für ausländisches Kapital zu öffnen, gab es schon unter Mao. Aber erst unter seinem Nachfolger Deng Xiaoping brachen die Dämme. Nachdem sie allen Anschein aufgegeben hat, sozialistisch zu sein, stützt sich die KPCh zunehmend auf chinesischen Nationalismus als Mittel, akute soziale Spannungen zu kontrollieren und eine Basis in der aufsteigenden Mittelschicht zu kultivieren. Wie die entstehende Bourgeoisie selbst sehen auch Millionen gut verdienender Selbständiger, ehrgeiziger Unternehmer und Spekulanten ihre Zukunft mit dem Aufstieg Chinas verbunden.

Nationalismus und Konfuzianismus

Im Zentrum des chinesischen Nationalismus steht der Han-Chauvinismus. Die Han-Chinesen machen zwar 90 Prozent der chinesischen Bevölkerung aus, aber die restliche Bevölkerung besteht immerhin aus 56 anderen Nationalitäten, die mehr als 100 Millionen Menschen ausmachen. Von Anfang an erwies sich das Mao-Regime als vollkommen unfähig, diese nationalen Minderheiten zu integrieren, und sprang völlig unsensibel mit ihren demokratischen Rechten und kulturellen Befindlichkeiten um. Die tibetanischen Proteste Anfang des Jahres und die Drohungen moslemischer Separatisten aus Xinjiang, die Spiele zu stören, sind nur die jüngsten Äußerungen der Distanz und Feindschaft, die die Politik Pekings bewirkt haben.

Trotz der angestrengten Bemühungen, nationale Einheit zu demonstrieren, kam der Han-Chauvinismus auch in der Eröffnungszeremonie zum Ausdruck. Ein junges chinesisches Mädchen leitete ein bestimmtes Ereignis mit dem Singen der "Ode an das Vaterland" ein. Sein hübsches Aussehen konnte die Tatsache nicht verdecken, dass es abseits von den Kindern stand, die die anderen Nationalitäten Chinas repräsentierten. Das fiel zwar einem internationalen Publikum nicht auf, aber für die lokale Bevölkerung hatte das sorgfältig choreographierte Bild eine unmissverständliche Botschaft: Es zeigte die bevorzugte Position der Han-Chinesen.

Auch die klassischen Han-Kostüme Tausender Darsteller standen für die Han-Identität. Die Frauen waren wie die Palastdamen der Tang-Dynastie gekleidet, um das goldene Zeitalter des kaiserlichen China von vor 1.300 Jahren wachzurufen. Die Zeremonie portraitierte das "Mittlere Reich" als technisch weiter fortgeschritten als der Westen vor der modernen Zeit. Chinas Bestreben, wieder zu einer Seemacht zu werden, war ganz deutlich in der Geschichte des chinesisch-persischen Navigators Zheng He in der Ming Dynastie zu erkennen, der bis nach Ostafrika und möglicherweise lange vor den Europäern nach Amerika kam.

Die Betonung der Weltraumtechnologie in der Zeremonie widerspiegelt eine Diskussion in den herrschenden Kreisen Chinas. China habe es zwar vor 500 Jahren als damalige Seemacht verpasst, sich zu einer kapitalistischen Macht zu entwickeln. Es werde aber jetzt nicht verpassen, so die Botschaft, das strategische Schlachtfeld der Zukunft, den Weltraum, zu erobern. Eine riesige Rakete mit einer Weltraumkapsel an ihrer Spitze wird kurz nach der Olympiade in den Weltraum geschossen. Das wird der dritte chinesische bemannte Weltraumflug seit 2005 sein, dieses Mal mit einem Weltraumspaziergang. Damit soll unter anderem nationalistische Begeisterung geschürt werden.

Peking will ein gleichberechtigter Wettbewerber jener Mächte werden, die das Land im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert beherrscht haben. Für diese Perspektive versucht es, die Unterstützung von Teilen der Mittelschicht zu gewinnen. Ci Lei, ein junger Mann in einer arrivierten Bar im Zentrum von Peking, der die Zeremonie im Fernsehen verfolgte, sagte der New York Times : "Das Bild, das viele Ausländer von China haben, kommt immer noch aus alten Filmen und lässt uns arm und erbärmlich aussehen. Aber schaut uns an. Wir haben der Welt gezeigt, dass wir U-Bahnen bauen können und schöne moderne Gebäude. Die Olympiade wird uns in einem neuen Licht erscheinen lassen."

In Wirklichkeit ruht der chinesische Kapitalismus aber auf wackligen Fundamenten. Die Super-Ausbeutung der Arbeiterklasse führt zu enormen sozialen Spannungen. Um für Präsident Hu Jintaos "harmonische Gesellschaft" zu werben, stellte die Eröffnungszeremonie Konfuzius als Repräsentanten des philosophischen Erbes des Landes dar. Hunderte als konfuzianische Gelehrte gekleidete Darsteller hielten Bambusschriftrollen in den Händen und rezitierten die Worte des Meisters. Als die alten Griechen die ursprünglichen Olympischen Spiele abhielten, war der Konfuzianismus nur eine von "hundert Schulen" in China. Der Konfuzianismus wurde später von den kaiserlichen Herrschern zur offiziellen Ideologie erkoren, weil er eine strikte soziale Hierarchie, einen rigiden Moralkodex und absolute Unterordnung unter die Autoritäten lehrt, was für die Unterdrückung der Bauernschaft hilfreich war.

Die revolutionären Demokraten und Vorläufer der Kommunistischen Partei erklärten dem Konfuzianismus Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts den Krieg, weil sie ihn als wesentliches Hindernis für die Entstehung eines demokratischen Bewusstseins in den chinesischen Massen sahen. Noch bis in die 1990er Jahre hinein legte das Pekinger Regime größere Betonung auf andere klassische Schulen, die den antiken Materialismus oder egalitäre gesellschaftliche Ideen lehrten, um so ihren Anspruch auf den Sozialismus zu untermauern. Auf den Konfuzianismus wurde erst wieder nach der brutalen Unterdrückung der Arbeiterklasse und der Studenten 1989 auf dem Tienanmen-Platz zurückgegriffen. Seine Ideologie rechtfertigt soziale Ungleichheit und diktatorische Maßnahmen und trifft sich damit mit dem Bedürfnis der herrschenden Elite Chinas und von Teilen der Mittelschichten, die gegenüber der Arbeiterklasse und den unterdrückten Massen feindlich eingestellt sind.

Das Verschweigen der explosiven Fragen des zwanzigsten Jahrhunderts ändert nichts daran, dass bis heute nicht eine einzige von ihnen gelöst ist. Hinter der aufwändigen Bildgeschichte der olympischen Eröffnungszeremonie brauen sich die tiefen Widersprüche des chinesischen Kapitalismus zusammen. Sie werden sich in der kommenden Periode unvermeidlich in gigantischen sozialen Kämpfen entladen.

Siehe auch:
Erdbeben in China enthüllt tiefe soziale Kluft
(21. Mai 2008)
Die Klassenfragen, die der Unterdrückung in Tibet zugrunde liegen
( 19. April 2008)
Fortschreitender Ausverkauf des Staatseigentums in China
( 20. Januar 2007)