Die Grundlagen der Gleichheit erforschen

Zum Buch God, Locke and Equality von Jeremy Waldron

Von Ann Talbot
25. Juni 2003

Jeremy Waldron, God, Locke and Equality [ Gott, Locke und Gleichheit ], Cambridge University Press, 2002.

Professor Jeremy Waldron untersucht in seinem jüngsten Buch die Gleichheitstheorie, die der englische Philosoph John Locke im siebzehnten Jahrhundert entwickelte. Dieses Thema ist von höchster Relevanz für die heutige Zeit, in der eine wachsende Kluft zwischen den Superreichen und dem Rest der Bevölkerung in zunehmendem Maße die Institutionen unterhöhlt, die auf einem gewissen Maß an sozialer und wirtschaftlicher Gleichheit beruhten. Unter diesen Bedingungen ist eine Studie zum Thema Gleichheit als theoretischem Prinzip zu begrüßen.

Locke wird als eine der Schlüsselquellen der modernen Gleichheitstheorien angesehen, und jede Auseinandersetzung mit der politischen Bedeutung von sozialer Ungleichheit muss sein Werk zur Kenntnis nehmen. In seiner Schrift Two Treatises of Government (Über die Regierung, 1690) stellte Locke den Grundsatz auf, dass alle Menschen von Natur aus vollkommen frei und gleich sind. Seiner Vorstellung nach haben sie per Konsens beschlossen, sich zu einer politischen oder zivilen Gesellschaft zusammenzuschließen, die per Mehrheitsbeschluss regiert werden muss. Mit Eintritt in die Gesellschaft übertragen sie ihr Recht auf die Durchsetzung von Gerechtigkeit auf eine Form der Regierung, behalten aber ihr Recht, gegen diese Regierung Widerstand zu leisten und sie, wenn notwendig, mit Waffengewalt zu stürzen.

Wenn beinahe ein Jahrhundert nach seinem Tod die amerikanischen Revolutionäre wie selbstverständlich davon ausgingen, dass alle Menschen gleich sind, ist dies zu einem großen Teil Lockes Einfluss zuzuschreiben. Ganze Sätze aus dem Second Treatise tauchen in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung auf, und es scheint, als ob Thomas Jefferson entweder Lockes Werk auf dem Tisch vor sich liegen hatte, als er das Dokument entwarf, oder ihm dessen Ethos derartig verinnerlicht war, dass er von sich aus Lockes Sprache benutzte. Selbst dort, wo er Worte änderte - wenn er zum Beispiel "Leben, Freiheit und das Streben nach Glück" anstelle von Lockes "Leben, Freiheit und Eigentum" benutzt -, zeigt Jefferson ein tiefes Verständnis von Lockes Denken und der Art, wie es verändert werden musste, um ihm in seiner Zeit höchste Bedeutung zu verleihen. In dieser Form wurden die Ideen, die Locke verteidigte, Teil der nachfolgenden Entwicklung der Demokratietheorie.

Das macht Locke zum unumgänglichen Ausgangspunkt einer jeden Auseinandersetzung mit dem Thema Gleichheit als moderner politischer Konzeption, wobei Locke jedoch andererseits selbst kein moderner Denker war. Er wurde 1632 geboren und erlebte als Heranwachsender den Englischen Bürgerkrieg (1642-48). Er ging auf die Schule in Westminster, die nur wenige hundert Meter von der Stelle entfernt liegt, an der Karl I. hingerichtet wurde. Das Christ Church College in Oxford besuchte er zu einer Zeit, als gerade die siegreichen parlamentarischen Kräfte den alten Lehrkörper gesäubert und neu besetzt hatten. Die Erfahrungen, die er als Jugendlicher und junger Mann machte, waren von einem politischen Kampf geprägt, der sich in religiöser Form ausdrückte und in dem die Bibel als politisches Handbuch betrachtet wurde. Dieser historische Hintergrund von Lockes Philosophie wird in den Werken moderner politischer Theoretiker oft nicht behandelt, aber er beeinflusste mit Sicherheit sein Denken. So sind für Locke alle Menschen gleich, da sie nach Gottes Bild geschaffen und in die Welt geschickt sind, um seine Aufgaben zu erfüllen. Waldron versucht in seinem Buch die religiösen Grundlagen von Lockes politischer Theorie darzulegen und bemüht sich somit um eine Herangehensweise, die den Leser in die historischen Bedingungen einführt.

Waldron erkennt an, dass die Wurzeln von Lockes Denken in großem Maße in den revolutionären Kämpfen des Englischen Bürgerkriegs zu suchen sind, und ist dadurch in der Lage, die radikalen Aspekte in Lockes Schriften stärker zu betonen, als dies zumeist der Fall ist, da seine Radikalität aus einem späteren Kontext heraus leicht zu verkennen ist. Waldron sieht Locke von den plebejischsten Elementen der Englischen Revolution beeinflusst und ist der Auffassung, dass er den Levellers näher stand, als allgemein vermutet wird. Er weist das Argument von C. B. Macpherson zurück, der Locke den Gedanken zuschreibt, dass "Mitglieder der arbeitenden Klasse kein gänzlich rationales Leben führen und führen können". [1]

In Bezug auf die Arbeit vertritt Locke einen sehr bestimmten Standpunkt, der sowohl mit seinen politischen wie auch mit seinen ökonomischen Theorien verbunden ist. Die menschliche Arbeit ist für Locke die Quelle des Wertes und die Basis für Eigentumsrechte, da die Menschen seiner Ansicht nach nur besitzen können, was sie sich durch ihre Arbeit angeeignet haben. Waldron führt Lockes Arbeitsbegriff auf seine religiöse Anschauung zurück, insbesondere auf seine Haltung zum Sündenfall. Waldron zitiert Lockes Anmerkung zur Vertreibung Adams aus dem Paradies: "Gott gebot ihm, für sein Leben zu arbeiten, und hat ihm wahrscheinlich eher einen Spaten in die Hände gegeben, um sich die Erde Untertan zu machen, als einen Zepter, um über ihre Bewohner zu regieren."

In Lockes Version der Vertreibung aus dem Paradies ist der Mensch weniger mit der Erbsünde belastet als angehalten, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten.

Waldron zeigt Locke nicht als Verteidiger des Status quo des siebzehnten Jahrhunderts, sondern als jemanden, der bereit war, orthodoxe Ideen und die bestehenden Eigentumsverhältnisse in Frage zu stellen. Seit den Putney-Debatten im Jahre 1647 war die Tatsache, dass ökonomische Ungleichheit unvermeidlich die politische Gleichheit unterhöhlt, als unlösbares Problem bestehen geblieben, das die Levellers nie zu lösen vermochten. Waldron setzt Lockes Auseinandersetzung mit der Frage der Gleichheit in den Kontext dieser Debatte des siebzehnten Jahrhunderts über die Beziehung zwischen politischer und wirtschaftlicher Gleichheit. Er kommt zu dem Schluss, dass Locke scheinbar in einer auf Geld basierenden Wirtschaft eine ungleiche Eigentumsverteilung für unvermeidlich hielt, aber den englischen Vererbungsbräuchen kritisch gegenüberstand, da sie die Schaffung von Großgrundbesitz förderten. Er trat für die Aufteilung des Eigentums unter den Erben ein, da eine solche Praxis seiner Meinung nach zu einer gleichmäßigeren Landverteilung führen würde.

Waldron argumentiert, Lockes religiöse Konzeptionen hätten seine politischen und ökonomischen Ideen derart grundlegend beeinflusst, dass es einfach nicht möglich sei, "das Gotteszeug von dem Gleichheitszeug zu trennen". Dies ist insofern richtig, als dass sich für Locke die Gleichheitsidee logisch von Gott ableitet und alle Menschen gleich sind, weil sie alle Geschöpfe Gottes sind. Aber heißt dies, dass wir das Gleichheitsprinzip nicht von dem theologischen Charakter trennen können, den es in Lockes Denken hat? Es ist bedeutsam, dass noch vor Lockes Tod im Jahre 1704 Ausgaben seiner Two Treatises in Frankreich erschienen, in denen der First Treatise, der von den beiden am stärksten religiös geprägt ist, nicht enthalten war. Eben diese französische Version des Werkes wurde aber schließlich in Amerika übersetzt und veröffentlicht. Locke ist in diesem Sinne vielmehr eine Übergangsgestalt, die sich zwischen den religiös fundierten Vorstellungen des Englischen Bürgerkriegs und den zunehmend säkularen Argumenten für die Gleichheit bewegt, die in der Amerikanischen und der Französischen Revolution auftauchten. Die Trennung von "Gotteszeug" und "Gleichheitszeug" ist also genau das, was mit Lockes Theorie in der Praxis passierte.

Waldrons Entschlossenheit, Lockes Gleichheitstheorie nicht von ihren religiösen Wurzeln zu trennen, ist insofern interessant, als sie ein Licht auf das liberale Denken am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wirft. John Rawls, der politische Theoretiker, der Anfang dieses Jahres gestorben ist, bezog sich auf die Werke von Locke, Rousseau, Kant und Mill, um eine politische Theorie zu entwickeln, die in der Nachkriegsperiode höchst einflussreich war. Er argumentierte immer, die Verteidigung des Gleichheitsprinzips sei möglich, weil sich in diesem Punkt die Ideen überschneiden und einen Konsens bilden und daher alle Mitglieder der Gesellschaft, ob religiös oder säkular, es akzeptieren und für notwendig halten können. Für Rawls sind alle Individuen gleich, weil sie über einen Gerechtigkeitssinn und eine Vorstellung vom Guten verfügen und vernunftbegabt sind. [2]

Waldron schreibt, dass er dieses Argument vor 20 Jahren akzeptieren konnte, heute aber nicht mehr, und bezweifelt, dass eine nicht-religiöse Grundlage das Gleichheitsprinzip tragen kann.

Dieser Wechsel ist Ausdruck der Tatsache, dass es vor 20 Jahren für Rawls und Waldron möglich war, einen bestimmten Konsens über grundlegende politische Prinzipien als gegeben anzunehmen. Die praktische Ausgestaltung mochte sich stark unterscheiden, aber solche Prinzipien wie die Gleichheit waren in der politischen Mitte und bei ihren Vertretern von der Rechten und Linken akzeptiert. Heute ist dies nicht mehr der Fall, und es ist unmöglich geworden, eine liberale politische Philosophie auf die Annahme zu gründen, dass das Gleichheitsprinzip als gegeben vorausgesetzt werden kann.

Die theologische Grundlage, die Locke für die Gleichheit fand, ist sicherlich nicht angemessen für den Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts - eine Tatsache, die die traditionelle liberale Theorie immer anerkannte und daher versuchte, eine allgemein akzeptable säkulare Theorie aufzustellen. Ein Versuch, zu einer theologischen Gleichheitskonzeption zurückzukehren, wäre vollkommen rückschrittlich.

Waldron untersucht nicht die heutigen Grundlagen der Gleichheit oder entwickelt selbst eine Theorie, die über seine eher vorsichtige Kritik an Rawls hinausgeht. Wenn er vermutet, dass die Berechtigung für das Gleichheitsprinzip auf irgendeinem "tieferen Niveau" zu finden sein muss, wirkt er gequält. Er besteht darauf, dass Individuen im späten siebzehnten Jahrhundert von sich aus Respekt verdienten, wie auch im einundzwanzigsten Jahrhundert jedem Menschen von Natur aus Respekt zusteht, und dies ist ihm zugute zu halten. Aber nachdem er Rawls Liberalismus aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zurückgewiesen hat, scheint er jeden theoretischen Ankerpunkt für diese Überzeugung verloren zu haben.

Obwohl Waldrons enger Fokus bestimmte Vorteile aufweist, weil er Lockes Denken in einen angemessenen historischen Kontext stellt, reicht dies nicht aus, um eine solch einflussreiche Gestalt zu untersuchen oder ein komplexes Konzept wie Gleichheit zu erkunden, das über eine lange historische Periode hinweg einen starken Widerhall gefunden hat. Waldron selbst betont in Bezug auf Lockes Denken, dass seine Werke in einer Welt vor Linné und Darwin entstanden, in der historischen oder evolutionären Argumenten keine Erklärungskraft zukam. Dies ist von größter Bedeutung, um Locke zu verstehen, weil unser heutiges Denken im Verlauf der letzten 300 Jahre so gründlich von historischen und evolutionären Auffassungen durchdrungen wurde, dass es uns heute oft schwerfällt, uns in Lockes geistige Welt zu versetzen.

Wir haben eine Vorstellung von der Entwicklung und Entfaltung von Arten, Gesellschaften und Ideen, die Locke nicht hatte.

Dies ist allerdings kein Argument dafür, dass wir uns künstlich auf Lockes geistige Welt beschränken und uns damit von einer ganzen Bandbreite an modernerem intellektuellen Werkzeug abschneiden sollten, um sein Denken zu verstehen. Da er in einer Welt vor Vico und Herder, vor Hegel und ganz sicher vor Darwin und Marx schrieb, konnte Locke kein historisches Verständnis des Gleichheitsprinzips erlangen - aber wir können es. Wir müssen über Lockes im Wesentlichen ahistorische Weltsicht hinausgehen, in der Gleichheit als ein zeitloses Prinzip existierte, das sich auf göttliche Fügung und eine unveränderliche Natur des Menschen gründete, und eine historische Herangehensweise wählen, die weder Locke noch Waldron uns bieten.

Das Problem besteht nicht nur darin, dass Lockes theologische Theorie heute unangemessen ist, sondern dass sie auch schon im siebzehnten Jahrhundert philosophisch unangemessen war. Gottes Meinungen sind notorisch mannigfaltig, so dass sie niemals eine solide Grundlage für Philosophie abgaben. In John Lockes Geist hat Gott vielleicht alle Menschen gleich geschaffen, aber viele seiner Zeitgenossen waren genauso ernsthaft davon überzeugt, dass Gott Ungleichheit verfügt hatte, da er Königen ein göttliches Recht zur Herrschaft über ihre Untertanen gab. Warum wurde die Theorie der Gleichheit so mächtig und einflussreich?

Gleichheit konnte nur dadurch eine selbstverständliche Idee werden, weil sie hinsichtlich der Erfahrungen sehr vieler Menschen Sinn machte. Dies scheint vielleicht nicht in eine Welt zu passen, die von absoluten Monarchen beherrscht wurde, in der es eine immense sozioökonomische Kluft gab und in der die meisten Menschen täglich Ungleichheit und nicht Gleichheit erfuhren. Grundbesitzer und Pächter, Herr und Diener, König und Untertan - dies waren die Beziehungen, die das Leben der Mehrheit der Menschen im späten siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert beherrschten. Selbst Locke akzeptierte ein System, in dem politische Rechte an Landbesitz gebunden waren und in dem die Sklaverei als legal anerkannt wurde, als er an dem Verfassungsentwurf für das koloniale Carolina mitwirkte.

Trotz dieser gesellschaftlichen Realitäten hatte die Gleichheitsidee tiefe Wurzeln und eine komplexe Geschichte. Sie hatte immer ein Doppelleben geführt und war sowohl Teil der offiziellen christlichen Ideologie in Form der von Thomas von Aquin entwickelten Theologie des Naturrechts wie auch Teil der Ideologie der plebejischen Häresie und Rebellion.

Die Reformation (1517) und der Deutsche Bauernkrieg (1524-26) gaben ihr ebenso Auftrieb wie die Französischen Religionskriege (1562-98). Einer der Schlüsse, der aus dem Dreißigjährigen Krieg (1618-48) gezogen wurde, lautete, dass der gesellschaftliche Frieden nur aufrechterhalten werden könnte, wenn jeder so behandelt würde, als ob er gleich wäre. In Folge dieser politischen Erfahrungen und der wirtschaftlichen Entwicklungen, die in Zusammenhang mit der kolonialen Expansion Europas standen, zerfiel die alte scholastische Theorie von Naturgesetz und Naturrechten und lebte in einer modernen Form wieder auf, die eine stärkere Betonung auf die politische Bedeutung der Gleichheit und das aktive Widerstandsrecht legte.

Die politischen Ideen, die in Lockes Two Treatises zum Ausdruck kommen, stellen eine Kodifikation der Gleichheits- und Widerstandsprinzipien dar, die auf praktische und unsystematische Weise im Laufe des Kampfs gegen König Karl I. aufgekommen waren. Sie behielten ihre Relevanz nach der Restauration der Monarchie im Jahre 1660, als klar wurde, dass der König in eine absolutistische Richtung ging, nachdem Karl II. mit Unterstützung von Ludwig XIV. glaubte, das Parlament ignorieren zu können, und auf seinen römisch-katholischen Bruder Jakob II. als Nachfolger bestand. Dies bedrohte direkt das Leben, die Freiheiten und die Besitztümer der protestantischen Engländer, die befürchteten, dass die religiösen Orden ihre Ländereien zurückfordern würden und sie von Ämtern ausgeschlossen und verfolgt werden könnten, wie es unter Maria I. Tudor der Fall gewesen war.

Unter diesen Umständen entstand erneut eine Allianz wohlhabender Kaufleute und Grundbesitzer mit dem radikaleren städtischen Handwerkerstand, der im Bürgerkrieg eine wichtige Rolle gespielt hatte. Locke war Teil dieser losen Bewegung, die als die Whigs bekannt wurde.

Eine der praktischen politischen Handlungen von Locke bestand darin, die juristische Verteidigung von Stephen College, dem "Whig-Tischler", zu organisieren, als dieser wegen Aufwiegelung in Oxford vor Gericht stand und von der Todesstrafe bedroht war. Die Two Treatises waren Teil einer ganzen Reihe von Whig-Literatur, zu der auch Algernon Sydneys Werk Discourse Concerning Government gehörte - das sich ebenfalls auf die Amerikanische Revolution auswirkte. Sydney wurde aufgrund seiner Ansichten, die er in seinen Discourses ausdrückte, als Verräter verurteilt und hingerichtet. Locke dagegen hatte mehr Glück, drückte er doch ähnliche Ideen in den Two Treatises aus.

Locke wurde lange als Sprecher der reichen Kaufleute und Grundbesitzer angesehen, aber seine Auffassung, dass die Armen das Recht haben, sich vom Überfluss der Reichen zu nehmen, was sie brauchen, ist unvereinbar mit jeder Vorstellung, die die kapitalistische Wirtschaft akzeptieren kann. Locke war sicherlich ein Sprecher dieser privilegierten Gruppen, aber er sprach gleichzeitig auch für ihre Unterstützer unter der Arbeiter- und Handwerkerschaft. Waldron ist zuzustimmen, wenn er Locke mit den Levellers identifiziert. Tatsächlich ist Locke nicht so weit von den noch radikaleren Diggers entfernt, wenn er dafür eintritt, dass den Armen erlaubt werden soll, gemeinschaftliches Land zu bestellen, und die Reichen seiner Ansicht nach nicht mehr Land beanspruchen dürfen, als sie bebauen können.

Lockes politische Ideen reflektieren die Allianz von Klassen, die sich gegen die absolutistischen Bestrebungen in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts in England zusammenschlossen. Wir können über diese Klassen feststellen, dass sie an sich unvereinbare Interessen hatten, aber Locke tat dies nicht. Er brachte einen Kompromiss zwischen Klasseninteressen zum Ausdruck, der allerdings bald unhaltbar wurde.

Innerhalb einer vergleichsweise kurzen Zeitspanne wurden die Whigs zur Partei des Establishments, die ihre Macht durch ein Korruptionssystem verteidigte, ihre revolutionäre Vergangenheit hinter sich ließ und sich der Behauptung alter Vorrechte von Engländern verschrieb - vor allem der Eigentumsrechte. Locke wird oft mit diesen späteren Whig-Traditionen in Verbindung gebracht, aber er rechtfertigte nie die Revolution auf der Grundlage, dass Engländern nach einer alter Verfassung bestimmte Rechte zustanden. Seine Argumente in den Two Treatises sind immer universalistischer Natur und verweisen eher auf die aufklärerische Tradition der Naturrechte als auf die Verfassungstradition alter Vorrechte und Privilegien. Lockes Argumente sind ihrem Charakter nach weitaus theologischer als spätere Naturrechtstheorien, weil er effektiv eine Brücke schlägt zwischen der religiösen Ideologie des Englischen Bürgerkriegs und den späteren Revolutionen in Amerika und Frankreich, wo Gott, wenn überhaupt, nur noch in Gestalt vom "Gott der Natur" auftaucht.

Waldrons Buch God, Locke and Equality ist ein wertvoller Beitrag zur Debatte über die Ursprünge der modernen Gleichheitsidee, weil es die radikalen Aspekte in Lockes Denken und seine Verbindung zu einer revolutionären Tradition anerkennt. Aber es reicht nicht weit genug.

Lockes Gottesvorstellung, die bei den orthodoxen Denkern seiner Tage alles andere als Gefallen fand, war ein philosophischer Handkoffer - der ausgepackt einen höchst materiellen historischen Inhalt aufzuweisen hätte. In ihm könnten wir den Einfluss der Geschichte europäischer Kriege, religiöser Konflikte und Revolutionen auf sein Denken finden und zudem die neuen wissenschaftlichen Entwicklungen der Zeit ausmachen, die ihn eine anthropologische Herangehensweise zu politischen und religiösen Fragen einnehmen ließen. Professor Waldron hat den Koffer nicht geöffnet.

Anmerkungen:

[1] C. B. Macpherson, The Political Theory of Possessive Individualism, S. 232f.

[2] John Rawls, Political Liberalism, S. 19.