Zum einhundertsten Todestag Friedrich Nietzsches

Ein Rückblick auf seine Ideen und seinen Einfluss

3. Teil

Von Stefan Steinberg
20. Dezember 2000

Dies ist der dritte und abschließende Teil einer dreiteiligen Serie.

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"Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Nietzsche höchstwahrscheinlich ein bedeutenderer Denker ist, als Marx" - Max Horkheimer, 1969

Nietzsche und die politische Linke

In den beiden ersten Artikeln dieser Serie bin ich kurz auf einige der wichtigsten Gedankengänge Nietzsches eingegangen:

* die rigorose Ablehnung des Strebens nach Wahrheit (in der Wissenschaft und der Kunst) zugunsten einer Befürwortung von Mythen und Illusionen;

* die Opposition gegen jede Art einer demokratischen Gesellschaft (insbesondere einer sozialistischen oder Arbeiterdemokratie) zugunsten einer Elitegesellschaft, die auf einer strengen Abgrenzung der einzelnen Stände beruht;

* eine Auffassung von der historischen Entwicklung, die sich weitgehend auf eine Form von biologischem Rassismus gründet.

Trotz seiner gelegentlichen Berufung auf einige herausragende Denker der Aufklärung bildet die Summe dieser Auffassungen, wie Nietzsche sie entwickelt hat, den umfassendsten ideologischen Angriff des neunzehnten Jahrhunderts auf die fortschrittlichen Ideale (Gleichheit, Brüderlichkeit, Solidarität), wie sie die neue herrschende Klasse, die Bourgeoisie, im Laufe ihres revolutionären Kampfs gegen die feudale Rückständigkeit ursprünglich postuliert hatte.

Zu Nietzsches Lebzeiten entstand in Form der sozialistischen Bewegung eine materielle Grundlage, um diese Ideale durch die Abschaffung des Privateigentums im Rahmen einer internationalen Perspektive verwirklichen. Man kann die Entwicklung von Nietzsches eigener Arbeit im Zusammenhang mit der Entstehung dieser organisierten sozialistischen Arbeiterbewegung verstehen. Obwohl es nicht die geringsten Anzeichen dafür gibt, dass Nietzsche jemals Anstrengungen unternahm, sozialistische Literatur oder die Werke von Marx und Engels zu studieren, kann eine ernsthafte Untersuchung nur zu dem Ergebnis führen, dass Nietzsche sich und sein Werk als Antipoden zur wissenschaftlichen Methode, den Zielen der sozialistischen Bewegung und den progressiven Tendenzen verstand, die in den Gedanken der Aufklärung ausgedrückt sind.

Es scheint daher überraschend, dass Nietzsches Ideen auch von einer Reihe von Persönlichkeiten aufgegriffen wurden, die sich zur sozialistischen Bewegung und der politischen Linken zählen. Einige von ihnen haben sogar den Versuch unternommen, das Werk Nietzsches mit dem von Marx in Einklang zu bringen.

Führende Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule würden die rassistischen Äußerungen, die in Nietzsches Werken auftauchen, zweifellos ablehnen. Dasselbe gilt für viele Anhänger der jüngsten poststrukturalistischen und postmodernistischen Strömungen. Die große Mehrheit der Vertreter dieser Bewegungen würde sich ebenso zweifellos von Nietzsches Verherrlichung des Krieges und des kriegslüsternen Militarismus scharf distanzieren. Dennoch ist, wie wir zeigen werden, unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen ein Mechanismus am Werk, der bei etlichen Intellektuellen, die sozialistischen und demokratischen Idealen anhängen, zu einer außerordentlichen und selektiven Kurzsichtigkeit in Bezug auf wesentliche Aussagen in Nietzsches Werk führt. Gewisse Aspekte der Gedanken von Nietzsche werden zu bestimmten Zwecken herausgegriffen, während der allgemeine Charakter seines Werks ignoriert oder heruntergespielt wird.

Frühe Anhänger Nietzsches in der Sozialdemokratie

Eine der ausführlichsten Untersuchungen dieses Phänomens und eine Arbeit, die sich mit dem Widerhall von Nietzsches Gedanken in Deutschland befasst, ist Steven E. Aschheims: Nietzsche und die Deutschen. Karriere eines Kults(Stuttgart 1996). In einem besonders interessanten Kapitel mit dem Titel Die nietzscheanische Sozialismus der Linken und der Rechten behandelt Aschheim Nietzsches Einfluss auf Bewegungen der Rechten und der Linken in Deutschland. In einem vorhergehenden Kapitel hatte er bereits beschrieben, wie bestimmte Teile der extremen Rechten und der traditionell "völkischen" Bewegungen in der Lage waren, Nietzsche als Waffe gegen Marx zu gebrauchen: "...konnte Nietzsche als wirkungsmächtiger Widerpart zu Marx fungieren, weil mit ihnen das Kulturelle gegenüber dem Materiellen, das Geistige gegenüber dem Ökonomischen hervorgehoben wurde." (S. 147)

Der erste große sozialistische Theoretiker, der sich mit der Bedeutung Nietzsches auseinander setzte, war der sozialdemokratische Historiker und Philosoph Franz Mehring, der ihn als den Philosophen des "entwickelten Kapitalismus" beschrieb, der die Interessen der Bourgeoisie in ihrer aggressivsten Form ausdrückte. Aschheim macht klar, dass Mehrings Beschäftigung mit Nietzsche keineswegs nur eine pädagogische Übung war. Bereits Ende des neunzehnten Jahrhunderts gab es innerhalb der Sozialdemokratie Elemente, die sich zu Nietzsches Ideen bekannten.

Innerhalb der SPD hatte sich eine Gruppe ultralinker Radikaler gebildet, die sich die Jungen nannten. Unter der Führung von Bruno Wille vertrat diese Gruppe einen Individualismus, der sich auf Nietzsche gründete. Die Parteiführung wurde von ihnen des bürgerlichen Konformismus beschuldigt, weil die SPD eine Politik der Beteiligung an Wahlen eingeschlagen hatte, Sitze im Parlament einnahm usw.. Sie folgte dabei dem Kurs, den einer der Begründer des modernen Sozialismus, Friedrich Engels, ihr vorgeschlagen hatte. Vier Jahre lang tobte darüber eine wilde Auseinandersetzung in der Parteipresse. Wille bezichtigte die Partei, altersschwach und weit weg von den Massen zu sein. Als sich die Rauchschwaden dieser hitzigen Debatte verzogen hatten, wurde klar, dass das Angriffsziel der Jungen nicht so sehr die SPD als vielmehr der Marxismus selbst gewesen war. Viele Mitglieder der Jungen verließen anschließend die Partei, wurden "unabhängige Sozialisten" und gründeten ihre eigene Zeitschrift Der Socialist.

Von Gustav Landauer (1870-1919), der eine Zeitlang Herausgeber des Socialist war, wurde die Grundlage zu einem sogenannten "Nietzsche-Anarchismus" gelegt. Während er Nietzsches Polemik gegen menschliche Solidarität und allgemeingesellschaftliche Interessen nicht zur Kenntnis nahm, übernahm Landauer dessen Voluntarismus, seine Kritik des Materialismus und seine gelegentlichen Tiraden gegen Kapitalismus und "Geldwirtschaft", um darauf seine eigene Version des Anarchismus aufzubauen.

Eine andere Gruppe bildete sich innerhalb der SPD um die Person Karl Leuthners und die einflussreiche sozialdemokratische Zeitschrift Sozialistische Monatshefte herum. Diese Gruppe stand rechts von der Parteiführung und bezog sich auf Nietzsches vitalistische Philosophie ebenso wie auf seine Befürwortung des Militarismus. Die Gruppe trat in der SPD für eine aggressive und nationalistische Außenpolitik ein mit dem Ziel, die Vorherrschaft der bestehenden imperialistischen Großmächte herauszufordern. Leuthner war wegen seiner Thesen scharfen Angriffen von Seiten des damals führenden sozialdemokratischen Theoretikers Karl Kautsky ausgesetzt.

Kautsky polemisierte höchst erfolgreich gegen die anarchistischen Strömungen innerhalb und im Umkreis der SPD. Aber die Mehrheit der von ihm geführte Partei kapitulierte schließlich unter dem Druck des Apparats und der Gewerkschaften vor den Kriegstreibern und stimmte 1914 den Kriegskrediten für den Kaiser zu.

Obwohl Nietzsches Ideen in der Partei niemals eine große Anhängerschaft hatten, macht Aschheim klar, dass sich eine Reihe von Gruppierungen Nietzsche zuwandte, um gegen die ursprünglichen, auf Marx zurückgehenden Prinzipien zu kämpfen, die die Aktivitäten der Sozialdemokratischen Partei in ihren ersten Jahrzehnten angeleitet hatten. Obwohl sich Aschheim in seiner Analyse auf Deutschland konzentriert, weist er doch auch auf führende Sozialisten in anderen Ländern hin, die Anhänger Nietzsches waren: Anatoli Lunatscharski und Stanislaw Wolsky im vorrevolutionären Russland Victor Adler in Österreich und Benito Mussolini in Italien.

Die Frankfurter Schule

Nach seiner Abhandlung über die Anhängerschaft Nietzsches in der frühen sozialistischen Bewegung wendet sich Aschheim auch der Entwicklung der Mitglieder der Frankfurter Schule zu. Die Geschichte der Frankfurter Schule und die Rolle, die Nietzsche in ihrer Entwicklung (oder vielmehr in ihrem Niedergang) spielte, ist eine komplexe Frage, die in einer wenige Seiten umfassenden Abhandlung kaum ausreichend behandelt werden kann.[1] Trotzdem macht Aschheim hinreichend klar, dass insbesondere nach dem Krieg die Diskussionen über die Bedeutung Nietzsches eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der Frankfurter Schule spielten.

Das Institut für Sozialforschung wurde Anfang der zwanziger Jahre der 20. Jahrhunderts von eine Gruppe von Intellektuellen gegründet, von denen viele aus jüdischen Familien kamen. Ihre führenden Köpfe schlossen sich nie einer bestimmten Partei an. Dennoch machten sie aus ihrer sozialistischen Orientierung, ihrer Opposition gegen den Verrat, den die Sozialdemokratie (Unterstützung des Krieges 1914 und Niederschlagung der Revolution von 1919) verübt hatte, sowie aus ihrer Sympathie für die Russische Revolution nie ein Geheimnis. In seinen Schriften aus den zwanziger Jahren beschreibt z. B. der junge Max Horkheimer, der zusammen mit Theodor W. Adorno die Aktivitäten des Instituts leitete, Sowjetrussland in glühenden Farben. Das Ziel, auf das sich die Schule festgelegt hatte, war die Anwendung der Marxschen Analyse auf die kapitalistische Gesellschaft als Grundlage einer neuen Form der unabhängigen Sozialforschung. Im ersten Jahrzehnt der Existenz der Schule entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit mit dem Marx-Engels-Iinstitut in Moskau, das damals von David Rjasanow geleitet wurde.

Die Gruppe ging, erschüttert durch die Machtübernahme der Nazis 1933, ins Exil, die ursprünglich engen Verbindungen zu Moskau schliefen allmählich ein und wurden schließlich durch den Aufstieg des Stalinismus innerhalb der Sowjetunion vollständig abgebrochen. Die Leiter des Instituts waren sich vollkommen im Klaren darüber, was in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre in der Sowjetunion vor sich ging. In seiner Korrespondenz beschreibt ein führendes Mitglied der Frankfurter Schule, Leo Löwenthal, die Verfolgungen, denen die Opposition in der Sowjetunion ausgesetzt war, als "ein großes Trauma für uns". Ein anderer wichtiger Angehöriger des Instituts, Erich Fromm, tauschte in seinem Briefwechsel mit Max Horkheimer Details über die juristischen und politischen Verfolgungen anlässlich der Moskauer Prozesse aus.

Wie viele andere linke deutsche intellektuelle Exilanten reagierten auch die Mitglieder der Frankfurter Schule in den dreißiger Jahren, indem sie über die Verbrechen der Stalinisten Stillschweigen bewahrten. Adorno beispielsweise war ausdrücklich dafür, zu schweigen. Er fürchtete, sonst als "Befürworter des imperialistischen Krieges" zu gelten: "Im Augenblick ist das Schweigen die loyalste Haltung", riet er. In einem anderen Brief an Horkheimer schreibt er, dass die Gruppe "Disziplin halten soll und nichts publizieren, was Russland zum Schaden ausschlagen kann." (Die Korrespondenz ist nachzulesen in dem Band: Kritische Gesellschaftstheorie und historische Praxis von Olaf Asbach, Frankfurt 1997, S. 147) Unter den schwierigsten Bedingungen während der dreißiger Jahre und während des Zweiten Weltkriegs - verfolgt von allen Seiten, von Faschisten, Stalinisten und bürgerlichen Regierungen - waren es allein die Anhänger der Vierten Internationale, die dafür kämpften, die Arbeiterbewegung auf der Grundlage eines historisch materialistischen Verständnisses vom Faschismus und von Stalinismus neu zu bewaffnen.

In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel gab Max Horkheimer gegen Ende seines Lebens zu, dass er sich bereits während des Zweiten Weltkriegs vom Marxismus entfernt habe. Die Erfahrung der faschistischen Machtübernahme, verbunden mit den stalinistischen Schauprozessen, führte bei ihm dazu, dass er jegliche Verbindung mit dem revolutionären Marxismus über Bord warf und die Arbeiterklasse nicht mehr als die Kraft der Veränderung ansah.

Die wachsende Entfernung der Mitglieder der Frankfurter Schule von Marx ging einher mit einem zunehmenden Interesse am Werk Nietzsches. Max Horkheimer bemerkte 1937 wohlwollend über Nietzsche: "Die Unabhängigkeit, die in seiner Philosophie zum Ausdruck kommt, die Freiheit von den versklavenden ideologischen Mächten ist die Wurzel seines Denkens." Aschheims Kommentar zu diesem Zitat ist interessant: "Solch kritische Unabhängigkeit war entscheidend für einen Marxismus ohne Proletariat, in dem die Theorie zur Praxis geworden war." (Ascheim: Nietzsche und die Deutschen,S. 190)

Horkheimers und Adornos wachsendes Interesse an Nietzsche ist ganz evident in ihrem gemeinsamen Werk Dialektik der Aufklärung, das erst 1947 nach dem Zeiten Weltkrieg veröffentlicht wurde. Die Argumentation des Buches ist sehr dicht und komplex, aber in ihrem Verlauf führen die beiden Autoren sowohl Nietzsche als auch den Marquis de Sade ein, um das Denken der Aufklärung und den Begriff des Fortschritts in Zweifel zu ziehen. Charakteristisch für Horkheimers und Adornos Behandlung von Nietzsche ist ihre kritische Ambivalenz zu ihm, aber in einigen Abschnitten kommen sie gemeinsam zu Schlussfolgerungen wie: "Aufklärung ist totalitär". Sie schreiben und erklären, "Aber die vollends aufklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils." ( Dialektik der Aufklärung, Reclam-Ausgabe, S. 16)

Es ist möglich, in den Positionen, die in der Dialektik der Aufklärung entwickelt werden, die Keime aufzuspüren, die schließlich 20 Jahre später in Horkheimers offener Verteidigung Nietzsches und seiner Behauptung, dieser sei ein bedeutender Denker als Marx, zur Blüte kamen.[2]

Die gegenwärtige Wiederbelebung des Interesses an Nietzsches Denken ist eng verbunden mit dem Verrat des Stalinismus im zwanzigsten Jahrhundert und der Abwendung einer ganzen Generation von Intellektuellen von den fortschrittlichen Idealen, die in der Aufklärung und der sozialistischen Bewegung verkörpert sind. Bei den führenden Mitgliedern der Frankfurter Schule war die Umarmung Nietzsches entscheidend für den Prozess ihrer Entfernung vom Marxismus. In anderen europäischen Ländern fand die Rehabilitation Nietzsches nach dem zweiten Weltkrieg entweder innerhalb der stalinistischen Parteien oder an ihren Rändern statt.

Die vielleicht wichtigste Persönlichkeit in dieser Hinsicht ist wohl der italienische Historiker Mazzino Montinari. Montinari verbrachte Jahre seines Lebens damit, im Weimarer Nietzsche-Archiv zu forschen und schrieb eine ganze Reihe von beschönigenden Essays und Büchern über Nietzsche. Er gab eine kritische Ausgabe seiner Werke heraus, die von vielen als die gültige angesehen wird. Zu Beginn der sechziger Jahre war Montinari Herausgeber des theoretischen Zentralorgans der Kommunistischen Partei Italiens Rinascita und blieb bis an sein Lebensende Parteimitglied.

Poststrukturalismus und Postmodernismus

In Frankreich nach 1945 ist es möglich, recht präzise zu verfolgen, wie in Schichten linksorientierter Intellektueller und in den Universitäten allmählich Marx durch Nietzsche ersetzt wurde. Trotz der groben Entstellungen, denen das Werk von Marx in den Händen der Stalinisten ausgesetzt war, war es innerhalb der französischen Linken in den sechziger Jahren immer noch unmöglich, Marx offen anzugreifen. Indessen setzte in dieser Zeit eine Kampagne ein, die Rolle Hegels und der Hegelschen Dialektik bei Marx zu diskreditieren. Hierbei erwies sich die Hinwendung zu Nietzsche als Hauptwaffe derjenigen, die versuchten, den Marxismus zu revidieren.[3]

Einige Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg war Nietzsche überwiegend als zweitranige Figur nur im Zusammenhang mit Martin Heidegger betrachtet worden. Dieser selbst hatte den größten Einfluss auf den Philosophen Jean Paul Sartre in dessen Ausarbeitung seines existentialistischen Denkens. Ein Anhänger der Philosophie Nietzsches, Alan White, schrieb: "Bis in die sechziger Jahre wurde Nietzsche im Allgemeinen als ... ein Befürworter der Machtpolitik gelesen, der sich der Schaffung des Übermenschen widmete, der die Welt beherrschen wollte. Seit Anfang der siebziger Jahre trat dieser Auffassung vor allem in Frankreich eine beeindruckende Reihe von Denkern entgegen, die an Nietzsches Werk schätzten, dass es jegliche Möglichkeit der Kommunikation unterhöhlte, ja sogar die Existenz unzweideutig bestimmbarer Lehren in Zweifel zog."

Die Wiederbelebung Nietzsches in Frankreich begann mit einem Buch des Philosophen Gilles Deleuze, Nietzsche und die Philosophie(1962). In seiner Verteidigung des Denkens von Nietzsche machte Deleuze kein Geheimnis daraus, dass sein eigentliches Ziel Hegel und seine Dialektik waren. Er schreibt: "Zwischen Hegel und Nietzsche ist jeder Kompromiss ausgeschlossen. Nietzsches Philosophie, der große polemische Tragweite eignet, ist von ihrer Form her absolut undialektisch." (Nietzsche und die Philosophie S. 212) Die Kampagne, Nietzsche in Frankreich zu rehabilitieren, gewann rasch an Boden.

In seinem Essay Le moment français de Nietzsche (Nietzsches französischer Moment) stellt Vincent Descombes fest, dass die Nietzsche-Konferenz, die vom 4. bis 8. Juli 1964 in Royaumont stattfand, als Wendpunkt in der Nietzschrezeption in Frankreich angesehen werden kann. Einer der wichtigsten Vorträge wurde von Michel Foucault gehalten, der in seinem Beitrag versuchte, eine gemeinsame Grundlage zwischen Marx, Sigmund Freund und Nietzsche herzustellen.

Foucault (1926-1984) begann seine akademische Laufbahn als Philosoph, als er gemeinsam mit Jean Hyppolite und Louis Althusser an der Ecole Normale Superièure studierte (wo auch Sartre lehrte). Eine Zeitlang war Foucault Mitglied der Kommunistischen Partei, verließ sie jedoch 1951. Trotz seines organisatorischen Bruchs mit der Partei gehörte die vulgarisierte Form des Marxismus, wie sie der französische Stalinismus und sein führender Ideologe der sechziger Jahre Louis Althusser verbreiteten, zu der Luft, die Foucault und die anderen Studenten der Ecole Normale Superièure viele Jahrzehnte atmeten.

Foucaults Mentor Althusser war der erste bedeutende Theoretiker innerhalb der Kommunistischen Partei, der systematisch begann, die Hegelsche Dialektik anzugreifen. In einer Reihe von Schriften, die in den sechziger Jahren veröffentlicht wurden ( Für Marx, Das Kapital lesen) behauptet Althusser, dass Marx in seinen späteren Schriften (insbesondere im Kapital) vollständig mit Hegel gebrochen habe. Althusser griff auch das Kernstück des historischen Materialismus an, indem er die Rolle der "Struktur", wie er es nannte, in der sozialen und politischen Entwicklung gegen die vom klassischen Marxismus betonte grundlegende Rolle der Kräfte der Ökonomie hervorhob.

Michel Foucault bildet das entscheidende Glied zwischen Althussers radikaler Revision des Marxismus (dem Strukturalismus) hin zur offenen Feindschaft gegen Marxismus und Aufklärung, wie sie die postmodernistische Bewegung vertritt. Foucault bezog sich auf das Wesen der Ideologie Nietzsches: seine Verneinung einer objektiven Wahrheit - "Es gibt keine Tatsachen, nur Interpretationen." ( Wille zur Macht) -, sein Leugnen einer materiellen, erforschbaren Welt zugunsten eines Relativismus - "Dass ein Urteil falsch ist, ist unserer Meinung nach kein Einwand gegen dieses Urteil."(Jenseits von Gut und Böse).

Für Foucault ist die objektive Welt keine Welt von Tatsachen, die objektiv erprobt und untersucht werden können; stattdessen besteht Foucaults Welt aus Diskursen, Narrationen, - Interpretationen ohne jegliches sichere Mittel um festzulegen, welcher "Diskurs" der übergeordnete ist. Gleichzeitig betont Foucault Unterschied und Besonderes: "die erstaunliche Effizienz der unterbrochenen und lokalen Kritik" gegenüber der " hinderlichen Auswirkung der globalen, totalitären Theorien" (zitiert in Postmodern Theory, Critical Investigations, Steven Best and Douglas Kellner, The Guildford Press, 1991, S.38-39) Letztere Kategorie umfasst nach Foucault auch den Sozialismus. Foucaults Einwand gegen den "Totalitarismus" hier wandelt sich später in den Schlachtruf nach dem Eigeninteresse des Individuums und der Identitätspolitik eines der führenden Autoren der postmodernistischen Bewegung, Jean-François Lyotard: "Lasst uns den Krieg gegen die Totalität beginnen, lasst uns Zeugen des Nichtrepräsentativen sein, lasst uns die Unterschiede aktivieren." ( Das postmoderne Wissen, Passagen Verlag, 1999)

Es ist nicht möglich, hier auf alle Aspekte und Auswirkungen der Vereinnahmung Nietzsches durch die postmodernistischen Philosophen einzugehen, - um alle Annäherungen des modernen französischen Denkens an das Erbe von Nietzsche zu illustrieren; wäre ein eigenes Buch erforderlich.[4] Dennoch bleibt festzuhalten, dass das Wesen von Nietzsches Werk - sein entschlossener Versuch, die progressiven Errungenschaften und Ideale der Aufklärung zurückzuweisen - in den Schriften der Poststrukturalisten (Foucault) und Postmodernisten höchst plastisch zum Ausdruck kommt.

Abschließende Bemerkungen

Im Verlauf dieser kurzen Studie habe ich versucht, die grundlegenden Strömungen im Denken Friedrich Nietzsches herauszuarbeiten und einige der dynamischen sozialen Prozesse aufzuzeigen, die dem wachsenden Interesse an ihm im zwanzigsten Jahrhundert zugrunde liegen. In Deutschland gab es immer eine konservative Lobby (Spengler, Jünger, Heidegger), die Nietzsche als einen der ihren umarmt hat. Aber Nietzsche hat auch Teile der liberalen Intelligenz beeinflusst. In der frühen deutschen Sozialdemokratie lieferte Nietzsches Werk utopistischen und anarchistischen Strömungen Munition gegen die sozialistischen Ziele der SPD. Für die verzweifelten Intellektuellen der Frankfurter Schule, die gelähmt waren durch den Faschismus auf der einen und den Stalinismus auf der anderen Seite, war Nietzsches Philosophie ein wichtiger Faktor für ihre Abkoppelung von einer sozialistischen Perspektive.

Auf ihre Art sind die Postmodernisten zum Kern der Philosophie Nietzsches vorgedrungen, um einen umfassenden Angriff auf den Sozialismus und das fortschrittliche Denken überhaupt zu unternehmen. Sie stehen voll hinter ihrem Mentor, wenn er seine Ablehnung gegen das Denken der Aufklärung herausstößt: "Ecrasez l´infame!" (Zermalmt diese Niedertracht!)

Auf ihre eigene Weise ist die Wiederbelebung von Nietzsche und seinem Denken in einer ganzen Reihe von Ländern am Beginn dieses neuen Jahrhunderts eines der klarsten Anzeichen für die herrschende soziale und ideologische Krise, die ihre Ursache in einer Reihe von Rückschlägen für die Arbeiterklasse und die sozialistische Bewegung im zwanzigsten Jahrhundert hat. Auf der Grundlage der Diskreditierung des ursprünglichen Sozialismus durch den Stalinismus stützen sich die Befürworter des modernen Kapitalismus auf Nietzsche, um nachzuweisen, dass die inhumane Ausbeutung, der Militarismus und der Zynismus auf dem Gebiet der Kultur dem natürlichen Lauf der Dinge entsprechen. [5] Enttäuschte Exradikale und Schreiberlinge an den Universitäten plündern Nietzsche, um zu demonstrieren, dass systematisches wissenschaftliches Denken, eine Weltanschauung auf der Grundlage von Rationalität und Fortschritt unerreichbar - ja sogar nicht erstrebenswert sei. Die Befürworter der freien Marktwirtschaft können kein besseres Modell für ihr Vorhaben finden, eine Wiederbelebung fortschrittlicher Ideale und der Erneuerung von sozialistischen und Gleichheitsideen zu verhindern, als die eher traurige Gestalt eines Friedrich Nietzsche.

Der Verfechter des "Übermenschen", der sich hoch über das niedrige "Gesindel" erhebt, der Verteidiger des Krieges und des kriegerischen Geistes beendete sein Leben als lallender Schwachsinniger, der nicht mehr in der Lage war, seine körperlichen Funktionen zu kontrollieren, manipuliert von seiner Schwester, die er verachtete. In gewisser Hinsicht ist Nietzsches tragisches Ende selbst eine Metapher. Sie drückt die schiere Unmöglichkeit jeden Versuchs aus, das reiche und mächtige Erbe des klassischen Denkens und der Aufklärung zu schmälern und es in die Zwangsjacke der Wiederbelebung der Mythen, des arischen Geistes und der aristokratischen Eliten zu zwängen.

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Anmerkungen

1 Lohnenswerte Studien zur Frankfurter Schule: Ralf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule. Geschichte, theoretische Entwicklung, politische Bedeutung, München 1997; Martin Jay: Dialektische Phantasie, Franfurt/Main, 1976.

2 Ein anderer führender Theoretiker der Frankfurter Schule, Herbert Marcuse zollte Nietzsche Tribut wegen der "befreienden Atmosphäre von Nietzsches Denken", die "Gesetz und Ordnung" durchbricht. (H. Marcuse: Der eindimensionale Mensch, München, 1994)

3 Zusätzliche Materialien über die Beziehungen der Postmodernisten zum französischen Stalinismus sind in meiner Rezension des Buches Eleganter Unsinn nachzulesen [http://www.wsws.org/de/2000/aug2000/post-a15.shtml]

4 Eine Studie, die sich mit der Rezeptionsgeschichte von Nietzsche in Frankreich auseinandersetzt ist Jacques Le Riders Nietzsche in Frankreich.

5 Der Hauptbefürworter des Postmodernismus und Nietzscheanhänger in den USA ist Richard Rorty, der in einem Interview mit der britischen Zeitung The Guardian erklärte: "Komplexe Gesellschaften können sich nicht reproduzieren, ohne an der Logik der Marktwirtschaft festzuhalten. Linke Intellektuelle benötigen Zeit, sich psychologisch und terminologisch anzupassen, damit sie fähig werden, zu erkennen, dass es keine Alternative zum Kapitalismus gibt."

Siehe auch:
Zum einhundertsten Todestag Friedrich Nietzsches - 1. Teil
(16. Dezember 2000)
Zum einhundertsten Todestag Friedrich Nietzsches - 2. Teil
( 19. Dezember 2000)
(Dieser Artikel ist auch in der gleichheit - März 2001 enthalten.)