70 Jahre seit der kommunalistischen Teilung Indiens

Von Keith Jones
18. August 2017

Vor 70 Jahren, am 15. August 1947, übergaben die britischen Kolonialherren Südasiens die Macht an eine „unabhängige“ indische Regierung. An deren Spitze standen Jawaharlal Nehru und Mahatma Gandhi vom Indischen Nationalkongress, auch Kongresspartei oder Kongress genannt.

Am Vortag der Verkündung der Unabhängigkeit Indiens gab der Vizekönig von Indien, Lord Mountbatten, zusammen mit dem Präsidenten der Muslimliga, M.A. Jinnah, die Gründung von Pakistan als mehrheitlich muslimischem Staat bekannt. Der Staat Pakistan wurde aus den nordwestlichen und nordöstlichen Regionen des britischen Kolonialreiches Indien gebildet, die mehrheitlich von Muslimen bewohnt waren. So wurde das „neue“ Indien zu einem Staat, dessen Bevölkerung überwiegend aus Hindus bestand.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Muslime weit über tausend Jahre in allen Regionen des indischen Subkontinents gelebt.

Die kommunalistische Teilung Indiens zählt zu den großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Die Geschichte Südasiens ist seither davon geprägt, vor allem negativ.

Die Teilung mündete in Monate entsetzlicher kommunalistischer Gewalt, die bis zu zwei Millionen Hindus, Muslime und Sikhs das Leben kostete und zu einer der größten Völkerwanderungen der Geschichte führte.

In den folgenden vier Jahren flohen mehr als 15 Millionen Menschen, die nur das Allernötigste bei sich hatten, aus ihrem Land. Hindus und Sikhs flohen aus Pakistan nach Indien, Muslime aus Indien nach Pakistan.

Die Teilung setzte sich über Südasiens geografische, kulturelle und geschichtliche Gegebenheiten und seine natürliche wirtschaftliche Entwicklung, wozu der rationale Einsatz seiner Wasservorräte zählt, einfach hinweg. Heute, sieben Jahrzehnte nach der Teilung Indiens, ist Südasien wirtschaftlich die am wenigsten integrierte Region der Welt.

Die Architekten der Teilung, darunter Nehru, der erste Premier des unabhängigen Indiens, behaupteten, die kommunalistischen Spannungen würden dadurch abgeschwächt oder gar ausgemerzt. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Der Kommunalismus wurde durch die Teilung fester Bestandteil der staatlichen Strukturen in Südasien und auf diese Weise gestärkt und einflussreicher.

Die herrschenden Eliten des muslimischen Pakistan und des vorgeblich säkularen Indien haben den Kommunalismus und seine ideologischen Verwandten, den religiösen Fundamentalismus und das Kastenwesen, gefördert, um die Wut über die sozialen Verhältnisse in eine reaktionäre Richtung zu lenken und die Arbeiterklasse zu spalten.

Ebenfalls aus der Teilung hervorgegangen ist die reaktionäre militärisch-strategische Rivalität zwischen Indien und Pakistan. Diese bedeutet die Vergeudung lebenswichtiger Ressourcen und bedroht heute die Völker Südasiens mit nuklearer Vernichtung. In den sieben Jahrzehnten haben Indien und Pakistan drei erklärte und mehrere unerklärte Kriege gegeneinander geführt und standen oft am Rande eines Kriegs.

Die Kongresspartei, die bis in die jüngste Zeit die bevorzugte Partei der indischen Bourgeoisie war, stellt sich bis heute als Opfer der Teilung, der Machenschaften des britischen Imperialismus und der Muslimliga dar.

Natürlich wandten die Briten die Taktik des „Teile und herrsche“ an und bauten kommunalistische Methoden in ihr System imperialer Unterdrückung ein, und die Muslimliga arbeitete hinter den Kulissen mit den Kolonialherren Indiens zusammen.

Doch der Unfähigkeit der Kongresspartei, den kommunalistischen Manövern etwas entgegenzusetzen, der Tatsache, dass sie im Kampf für ein „vereintes, demokratisches und säkulares“ Indien ihr eigenes Programm - die Einheit von Hindus, Moslems und Sikhs - verriet und die Teilung ins Werk setzte, lagen fundamentale Klasseninteressen zugrunde. Das Gleiche gilt für ihre enge Zusammenarbeit mit den Erzkommunalisten der Hindu und Sikh- Shyma Prasad Mukherjee und Master Tara Singh- bei der Aufspaltung Bengalens und der Provinz Punjab.

Die bürgerliche Kongresspartei war organisch unfähig, an die gemeinsamen Klasseninteressen der Arbeiter und Unterdrückten Südasiens zu appellieren und für eine Vereinigung Südasiens „von unten“ zu mobilisieren.

Die Kongresspartei brachte die Interessen der indischen Bourgeoisie zum Ausdruck, die den Briten übelnahm, dass ihre eigenen Möglichkeiten, die Arbeiterklasse auszubeuten, begrenzt waren. Unter der Kontrolle Gandhis organisierte sie zwischen 1920 und 1942eine Reihe streng kontrollierter und politisch kraftloser Massenmobilisierungen. Je größer diese Bewegung wurde, je mehr Arbeiter sich anschlossen, desto entschiedener versuchte die Kongresspartei, sich mit dem Imperialismus zu arrangieren.

Vor allem nach der Erfahrung mit der Quit India-Bewegung (Verlasst Indien) im Jahr 1942 trieb die Kongresspartei die Angst um, Massenkämpfe der Arbeiter und Bauern könnten ihrer Kontrolle entgleiten, und radikalere Kräfte, die eine Gefahr für das kapitalistische Eigentum darstellten, könnten im Kampf gegen die britische Kolonialherrschaft die Oberhand gewinnen. (Die Quit-India-Bewegung wurde 1942 von Gandhi als gewaltfreie Massenbewegung gegen die britische Kolonialherrschaft ausgerufen. Sie forderte u.a., dass die Briten Indien verlassen sollten.)

Zwischen 1945 und 1947 wurde Indien von Kämpfen mit vorrevolutionärem Charakter erschüttert. Es kam zu Massenstreiks und antiimperialistischen Mobilisierungen mit direkten Zusammenstößen mit Polizei und Armee in den proletarischen Zentren Kalkutta und Bombay, und zu einer Meuterei von Matrosen der Royal Indian Navy.

Je mehr die Massen in Bewegung gerieten, desto stärker suchten die Führer der Kongresspartei die Unterdrückungsmaschinerie des kolonialen Staatsapparates einzusetzen, um die kapitalistische Herrschaft zu stabilisieren. Dazu taten sie alles, um mit den Briten eine Vereinbarung zu treffen. Diese erkannten, dass es notwendig war, ihre Herrschaft über Südasien künftig indirekt auszuüben. Allerdings wollten sie unbedingt die kommunalistische Karte ausspielen und auch die muslimische Bourgeoisie und die Großgrundbesitzer benutzen, um hart verhandeln zu können und so der Kongresspartei und der indischen Bourgeoisie die Flügel zu stutzen.

Die Kongresspartei konnte die antiimperialistische Massenbewegung in Südasien in den drei Jahrzehnten vor dem August 1947 nur unter Kontrolle halten und letztlich abwürgen dank der Verrätereien der sowjetischen stalinistischen Bürokratie und ihren indischen Gefolgsleuten in der Kommunistischen Partei Indiens (KPI).

Die Stalinisten ignorierten bewusst die wichtigen Lehren der Oktoberrevolution von 1917 und verfolgten einen politischen Kurs, der immer wieder die Kontrolle der nationalen Bourgeoisie über den antiimperialistischen Kampf stärkte und die Arbeiterklasse daran hinderte, ihr die Führung über die Bauernmassen streitig zu machen. Sie priesen die bürgerliche Kongresspartei als Mehrklassenfront und unterstützten die britischen Behörden Indiens bei der Unterdrückung der Quit India-Bewegung 1942. Sie rechtfertigten dies damit, dass diese Bewegung die Kriegsführung der Alliierten gefährde, und unterstützten die reaktionäre Forderung der Muslimliga nach einem eigenen Staat Pakistan.

Während der Unruhen von 1945-47 bestanden die Stalinisten darauf, dass die Arbeiterklasse ihre Forderungen und Kämpfe dem Aufbau einer „nationalen Front“ unterordne, die die Unabhängigkeit Indiens unter der gemeinsamen Führung der Kongresspartei und der Muslimliga sichern würde. Sie störten sich nicht daran, dass diese Organisationen gegeneinander intrigierten, um bei den britischen Imperialisten die größten Vorteile für sich herauszuholen.

Die Teilung Indiens brachte die Unterdrückung der demokratischen Revolution durch die indische und pakistanische Bourgeoisie, die selbst eine wichtige Rolle bei der Stabilisierung des Weltkapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg spielten, am unmittelbarsten und offenkundigsten zum Ausdruck. Keines der drängenden Probleme der Bauernmassen – die radikale Neugestaltung der Agrarwirtschaft, die Abschaffung des Kastenwesens – wurde angepackt. In beiden Ländern war die Arbeiterklasse dazu verurteilt, mit Armuts- und Hungerlöhnen und ohne die elementarsten Sozialleistungen irgendwie zu überleben. Auf ihre Kämpfe reagierte der Staat sofort mit Repressalien.

In westlichen Medien ist viel von Indiens „Aufstieg“ die Rede. Dabei ist die Haltung der indischen Bourgeoisie zu den Interessen der indischen Arbeiter und Unterdrückten heute eher noch reaktionärer und feindseliger als vor 70 Jahren.

Die Verwandlung Indiens in ein Billiglohnland des Weltkapitalismus im Lauf der letzten 25 Jahre hat eine kleine gesellschaftliche Schicht enorm bereichert. Indien rühmt sich als Land mit der drittgrößten Anzahl an Milliardären, während drei Viertel seiner 1,3 Milliarden Bewohner mit weniger als 2 US-Dollar am Tag ums Überleben kämpfen.

An Indiens amtierendem Premier Narendra Modi, ein Hindu-Rassist und autoritärer Herrscher, zeigt sich das wahre Gesicht der herrschenden Klasse Indiens, ähnlich wie Trump die Kriminalität und Brutalität der amerikanischen herrschenden Klasse personifiziert.

Modi soll durch eine schnellere Durchsetzung investorenfreundlicher „Reformen“ und die vollständige Ausrichtung auf den US-Imperialismus den Aufstieg des indischen Kapitalismus vorantreiben und Indiens Großmachtambitionen befördern.

Indien dient inzwischen der militärstrategischen Offensive der USA gegen China als Frontstaat. Wie gefährlich diese Entwicklung ist, zeigt sich ganz deutlich daran, dass ein zwei Monate alter chinesisch-indischer Grenzkonflikt im Himalaya sich zu einem Krieg auszuwachsen droht, und an Modis lautstarker Unterstützung für Trumps Drohungen, Nordkorea einzuäschern.

Über Jahrzehnte diente die pakistanische Bourgeoisie als Statthalter des US-Imperialismus, eine Rolle, die sie auch heute noch gerne spielen möchte. Doch Washington hofiert Pakistans Erzrivalen Indien immer stärker, ungeachtet wiederholter pakistanischer Warnungen, dass dieser Kurs Südasien gefährlich destabilisiert und einen konventionellen wie atomaren Rüstungswettlauf entfacht. Islamabad hat daher seine langjährigen Beziehungen zu Beijing ausgebaut und gestärkt.

Die reaktionäre indisch-pakistanische Rivalität, entstanden aus der Teilung Indiens, ist inzwischen zu einem Element des amerikanisch-chinesischen Konflikts geworden und verleiht beiden Konflikten noch deutlich höhere Sprengkraft.

Die Arbeiter Südasiens müssen die Lehren aus den großen strategischen Erfahrungen des letzten Jahrhunderts ziehen, aus der russischen Revolution und der Unterdrückung der demokratischen, antiimperialistischen Revolution in Südasien durch die koloniale Bourgeoisie und aus dem Scheitern „unabhängiger“ kapitalistischer Herrschaft.

Der Kampf gegen Krieg muss von der Arbeiterklasse geführt werden und sich auf ein internationales sozialistisches Programm stützen. Länder mit verspäteter kapitalistischer Entwicklung können sich nur durch eine sozialistische Revolution und durch die Errichtung einer Arbeiterregierung, die sich auf die Unterdrückten stützt, vom Imperialismus befreien und das Erbe des Kolonialismus und vorkapitalistische Formen der Ausbeutung überwinden. Für diese Revolution muss die Arbeiterklasse Parteien aufbauen, die sich auf das Programm der permanenten Revolution basieren, d. h., Sektionen des Internationalen Komitees der Vierten Internationale.

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen